
Es ist eine Wette, die der Tech-Unternehmer Cy Baxter mit den US-Geheimdiensten eingeht: Mit den Technologien seiner Firma WorldShare will er in seinem Projekt Fusion zehn Menschen, die von der CIA ausgewählt wurden, innerhalb von 30 Tagen finden. Wer es schafft, nicht aufgespürt zu werden, gewinnt drei Millionen US-Dollar. Schafft Baxter es mit seinem Team, alle zehn Menschen zu finden, erhält er einen milliardenschweren Regierungsauftrag. Noch weiß allerdings niemand, dass in Anthony McCartens Thriller „Going Zero“ vor allem eine Bibliothekarin, ihr analoger Lebensstil und ihre Raffinesse die größte Herausforderung für den Beta-Test sein wird.
20 Minuten, bevor die Testkandidat:innen ihr Startsignal zum Untertauchen erhalten, brennt die Luft in der Fusion-Zentrale, und es wird klar: Hier hat jeder der Beteiligten seine eigenen Interessen, wenn es um diesen Test geht. Selbstlos ist schlichtweg niemand in dieser Kommandozentrale.
Mit dem Start der Wette läuft die Uhr – was sich auch in den Kapitelüberschriften zeigt. Der Reihe nach werden die ersten Kandidaten aufgestöbert, indem das Team mit Gesichtserkennungssoftware, Drohnen, Daten von Überwachungskameras, aus den sozialen Netzwerken und von Smartphones sowie auch den ein oder anderen nicht ganz sauberen, ungesetzlichen Überwachungsmitteln geschickt kombiniert. Niemand scheint unvorhersehbar zu sein, selbst die Tech-Profis, die sich mit Überwachung und Daten auskennen, sind für das Fusion-Team leichte Beute. Bis auf eben diese Bibliothekarin, die alle für die geringste Herausforderung gehalten hatten.
Autor Anthony McCarten lässt wenig Luft zur Pause. Die Zeit tickt und während die meisten Kandidaten nur ein Kapitel für ihre kurze und wenig erfolgreiche Mission erhalten, springt die Handlung zwischen der Bibliothekarin Kaitlyn und der Fusion-Zentrale hin und her. Zugegeben: Man muss schon hinnehmen, was die Hacker im Fusion-Team so alles innerhalb kürzester Zeit herausfinden und was Kaitlyn so alles wegstecken kann, wenn sie ihren Verfolger manchmal nur um Haaresbreite entkommt. Aber hier geht es ja auch um einen Roman und der zeigt sehr eindrucksvoll, welche scheinbar harmlosen Technologien auch anders genutzt werden können.
Cy Baxter ist der Datenschutz letztendlich vollkommen schnuppe, hier heiligt der Zweck eindeutig die Mittel. Als Mischung aus Elon Musk, Mark Zuckerberg und Bill Gates ist er der Selfmade-Man, der einfach zehnmal so schnell handelt und reagiert wie die Regierung, die an Gesetze, Budgets und Hierarchien gebunden ist. Dass sein Wunsch, mit künstlicher Intelligenz Leute aufzuspüren, damit zu tun hat, dass ein geliebter Mensch in der Vergangenheit bei einem vermeidbaren Verbrechen umgekommen ist, macht ihn zumindest etwas menschlich nachvollziehbarer. Ebenso ist die Teilnahme von Kaitlyn an dem Projekt nachvollziehbarer, nachdem auch ihre Vergangenheit nach und nach zum Thema wird.
Auch wenn der Aufbau David gegen Goliath – oder vielmehr eine kleine Bibliothekarin gegen ein riesiges Team mit modernsten Technologien – schematisch und vorhersehbar ist (wer würde sich schon wünschen, dass Kaitlyn von Cy Baxter und der CIA aufgespürt würde) – „Going Zero“ ist einfach sehr spannend und sensibilisiert enorm dafür, wo die Gefahren und die Risiken liegen, wenn private Daten nicht mehr privat bleiben, sondern in einer Hand oder einem Unternehmen gesammelt und ausgewertet würden.
Fazit:
Anthony McCarten hat mit „Going Zero“ einen echten, quasi filmreifen Pageturner geschrieben, der es schafft, Action in James-Bond-Manier mit einer eindringlichen Warnung vor digitaler Überwachung zu verbinden. Ist der Einsatz solcher Technologien heute schon genauso wie im Roman möglich? Die meisten davon schon – sicherlich noch nicht so perfekt und übertrieben wie in diesem Thriller, aber die Daten, mit denen das Fusion-Projekt arbeitet, hinterlässt heute bereits jeder als digitale Spuren.
- Autor: Anthony McCarten
- Titel: Going Zero
- Originaltitel: Going Zero
- Übersetzer: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
- Verlag: Diogenes
- Erschienen: 04/2023
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 464
- ISBN: 978-3-257-07192-4
- Radiofeature: „Going Zero“: Wie entgeht man der totalen Überwachung? -SRF
- Anthony McCarten mit „Going Zero“ beim Diogenes Verlag

Wertung: 15/15 dpt







