Guts – PANDORA e.V. – Aufführung

Eine Frau in unserer Gesellschaft zu sein ist blutiger Horror – und genau das zeigt das PANDORA-Team in ihrem Stück „Guts“ im Theaterhaus G7 in Mannheim.

Angefangen mit schmerzhaften Geburtswehen, Jungfernhäutchen frisch von Mutter Maria oder ein Dankeslied an den lieben christlichen Gott, weil ja nicht alle Männer Täter sind und es doch nett ist, hin und wieder Freigetränke zu bekommen. Scheiß auf Femizide.

Das Stück spielt auf einer kleinen dunklen Bühne mit schwarzen Wänden – nur ein durchsichtiger Plastikvorhang und eine Metallbadewanne dienen als Ausstattung, die mal als Liege, als Modeschrank und Kirchenbank herhalten muss. Durch den Abend führen zwei Schauspielende, die in einem weißen Hemd und schwarzen Shorts gekleidet sind und in verschiedenen kurzen Szenen historische Frauengeschichten neuinterpretieren die in drei Akte – Blood, Sweat und Tears – aufgeteilt wurden. Der Saal ist dabei nicht viel größer als die Bühne selbst und fasst vielleicht 50 Personen.

„Guts“ zeigt schamlos und humorvoll, was es heißt eine Frau zu sein – der eigene Körper ist ein Stück Fleisch, das ständig ausgenommen, seziert und kategorisiert wird. Mit Memes- und Animeeinspielern zwischen den drei Akten provozieren die beiden Schauspielenden mit der Verwendung von Kunstblut, wie es sich niemals eine Bindenwerbung je getraut hätte und mit der eigenen Interpretation von historischen Frauengeschichten wird verspielt gezeigt: Patriarchale Doppelstandards sowie der Ekel und die Sexualisierung von Frauenkörpern sind lächerlich.

Mit dem durchsichtigen Vorhang, einer Metallbadewanne und einem Beamer ausgestattet schaffen sie es, unterschiedliche Welten auf der kleinen Bühnen zu schaffen und ihre Körper mal wie rohes Fleisch zu verpacken oder sich einen diffusen Heiligenschein zu geben. Durch den kleinen Raum ist das Stück nicht nur durch die aufgegriffenen Themen intim und zwangen uns als Zuschauenden voyeuristisch beizusitzen, wie die Schauspielenden über das Ausnehmen von Frauenkörpern zu sprachen.

Dabei war das Stück niemals kitschig oder unsensibel. Es war kein oberflächlicher Feminismus, der einfach nur Buzzwords raushaute, um moralisch überlegen zu wirken. Stattdessen war es eine ehrliche und verletzliche Auseinandersetzung mit Strukturen, die junge Frauen umgeben – Objektifizierung mit einem Körper der leider nicht aus Silikon ist, ständiger Performancedruck, um möglichst weiblich und angenehm sein und der Abwägung eigener Bedürfnisse mit den gesellschaftlichen Erwartungen an einen selbst. Wozu das führt? Es gibt kaum Raum für Frauen, einfach mal blöde und witzig zu sein und die eigene Identität sanktionsfrei auszuleben, wenn sie nicht lobotomiert und steril ist. Ein Lösungsansatz? Lesbisch werden und auf die Menopause warten – dann ist der Fluch des Male Gaze (Heteronorme und Patriarchale Ansichten wie Frauen zu sein haben) vorbei.

Man könnte kritisieren, dass es immer noch eine privilegierte Perspektive auf Weiblichkeit war, die dargestellt wurde. Armut, Rassismus, Behinderung und Queerness (bis eben die Szene zwischen den beiden Lesben) wurden nicht thematisiert beziehungsweise ihre Nuancen aufgegriffen. Dagegen würde ich aber argumentieren, dass es nicht den Anspruch gab eine intersektionale Analyse zu bieten, sondern Pop-Feministisch Raum genommen wurde, um mal einen fetten Mittelfinger gegen das Patriarchat auszustrecken.

“Guts” ist ein Stück, das zeigt, was Theater am besten kann: Unter die Haut gehen, indem unser Alltag übertrieben und auf die Spitze getrieben wird. Das Stück und die Schauspielenden waren sehr sympathisch und haben zielsicher Alltagserfahrungen aufgegriffen und kreativ aufgearbeitet. Obwohl das Stück circa anderthalb Stunden lang ist, hat es sich zu keiner Zeit langatmig angefühlt. Das Blöde? Es ist nicht klar, wann es wieder aufgeführt wird, weswegen ich mich freue, es mir spontan angesehen zu haben.

PANDORA e.V. ist eine freie Mannheimer Theatergruppe, gegründet von jungen Kunstschaffenden und Kunstinteressierten verschiedener Sparten, vorrangig aus den Bereichen Schauspiel, Performance, Tanz, Gesang und Instrumentalmusik. 

  • Theatergruppe: PANDORA e.V.
  • Titel: Guts
  • Schauspielende: Anna Göbel, Lena Ritthaler
  • Erstaufführung: März 2025
  • Inszenierung, Szenographie, Lichtdesign: Vivian Schöchlin
  • Text, Dramaturgie, Video: Luan Álvarez
  • Sound: Jonas Werling
  • Design: Raum Mannheim
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • PANDORA e.V.

Wertung: 13/15 dpt

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