Pageturner aus Skandinavien

Bente und Meja sowie ihre Kollegen Mans und Svein sind Makler aus Norwegen, die zu einer Teambuildingmaßnahme auf die schwedischen Kosterinseln gereist sind, wo sie nach einer gemeinsamen Kajaktour auf Südkoster eine männliche Leiche entdecken. Dabei handelt es sich um Fredde, den Barkeeper jenes Hotels, in dem die vier übernachten. Vega Varg, Polizeichefin von Strömstad, übernimmt den Fall und ist schockiert, denn Fredde kennt sie von klein auf. Er war der beste Freund ihres ältesten Sohnes Hugo, der, wie sein jüngerer Bruder Linus, ebenfalls bei der Polizei arbeitet. Fredde war oft bei der Familie, nicht zuletzt aus Angst vor seinem alkoholkranken Vater Rolf. Als Vega diesen über Freddes Tod informieren will, wird dieser gewalttätig. Schon immer hasste er Vega und vor allem deren Mann Peter, dem er ein Verhältnis mit seiner verstorbenen Frau Agneta unterstellt. Peter selbst starb vor über zwanzig Jahren, wurde von einem Unbekannten erschossen. Bis heute ist der Fall ungelöst.
„Könnte Meja Kron etwas mit seinem Tod zu tun haben?“
„Nein.“
„Sie klingen sehr überzeugt.“
„Meja schläft mit ihren Opfern, sie tötet sie nicht.“
Kurz nach dem Leichenfund, Fredde wurde scheinbar erschlagen, kommt es in dem Hotel zu einem Feueralarm. Alle eilen nach draußen, fortan fehlt von Meja jede Spur. Dies ruft die Polizei in Norwegen auf den Plan, denn Meja ist die Frau von Johnny Kron, einem der bekanntesten Politiker des Landes. Leopold Posse leitet eine Spezialeinheit für grenzübergreifende Fälle und war vor seinem Wechsel nach Oslo einige Jahre in Strömstad tätig. Er ist Vegas bester Freund und zugleich Patenonkel von deren Tochter Moa, die plötzlich nicht mehr erreichbar ist. Als eine weitere Person niedergeschlagen wird und um ihr Leben kämpft, drohen sich die Ereignisse zu überschlagen. Dabei sind die Ermittlungen von Vega und Leopold allein schon deshalb schwierig, da fast alle Betroffenen irgendwann einmal ein Verhältnis miteinander hatten und Eifersucht schon immer ein starkes Motiv war.
Auftakt der Vega-Varg-Reihe
Åsa Hellberg eröffnet mit „Das Schweigen der Insel“ die Vega-Varg-Reihe, deren zweiter Teil im Original in 2026 erschienen ist. Ort des Geschehens sind die autofreien Kosterinseln, die am westlichsten bewohnte Inselgruppe Schwedens. Es geht geruhsam zu, viele Anwohner sind eher verschlossen, Verbrechen gibt es hier nicht. Von Kleinigkeiten oder häuslicher Gewalt, wie sie einst Fredde erlebt hat, mal abgesehen.
Nicht nur beim Krimiplot kommt es zu Komplikationen, denn auch das Privat- und Liebesleben einiger Figuren wird intensiv betrachtet. Der verheiratete Mans hat ein Verhältnis mit Meja, die wiederum beide früher mit ihrer Vorgesetzten Bente verkehrten. Lassen wir es damit gut sein, es geht aber noch weiter. Sehr viel Platz nimmt Vegas Familienleben ein, in dem sich 1998 mit der Ermordung von Peter eine Tragödie ereignete. In Rückblenden erfährt man die damaligen Geschehnisse, in weiteren Rückblenden zudem die letzten Tage im Leben von Fredde. Als dritter Erzählstrang gibt es die laufenden Ermittlungen, bestehend aus drei Fällen: Der Ermordung von Fredde, Mejas Verschwinden und dem Angriff auf eine dritte Person. Dass zudem Moa nicht erreichbar ist, mag man als vierten, wenngleich Vegas privaten Fall bewerten. Oder hängt doch alles irgendwie zusammen?
Sechzig Kapitel auf unter vierhundert Seiten, da ist der Stil quasi vorgezeichnet. Ein rasanter Pageturner, der einen Mix aus Sex & Crime versprüht in Kombination mit reichlich privaten Problemen, so wie es Fans skandinavischer Krimiunterhaltung lieben. Es ist für diese ein Fest! Andererseits hätte man die privaten Ereignisse und deren emotionale Auswirkungen deutlich straffen können. Hundert Seiten weniger hätten dem Roman nicht zwingend geschadet. Wer sich an den Ausschweifungen nicht stört, findet durchgehend packende Unterhaltung, die gleichwohl massiv konstruiert ist. Wäre es ein Gebäude, so würde ein normales Studium im Bereich Statik nicht ausreichen, um die Stabilität zu gewährleisten. Man kommt sich vor wie bei einer nicht enden wollenden Achterbahnfahrt. Jetzt müsste es doch mal gut sein, schon kommt die nächste Wendung respektive Überraschung. Man kann mit raten, sollte aber keine großen Hoffnungen hegen, das Rätsel vorzeitig zu lösen, zumal bis zum Schluss unklar ist, ob und wie die Vorgänge miteinander zusammenhängen, was mit Meja passiert ist und wie viele Täter eigentlich gesucht werden.
Kurzum: Temporeiche Action mit reichlich Liebes- und Familienleben, wobei die Gefühle von Vega arg strapaziert werden. Wer derartige, typisch skandinavische Kost mag, sollte zugreifen. Der Eingang in die SPIEGEL-Bestsellerliste ist konsequent.
- Autorin: Åsa Hellberg
- Titel: Vega Varg – Das Schweigen der Insel
- Originaltitel: Koster morden: Den femte dagen. Aus dem Schwedischen von Ricarda Essrich und Franziska Hüther
- Verlag: Heyne
- Umfang: 400 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-453-44394-5
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Wertung: 11/15 dpt







