Philipp W. Wilhelm – Rosa ist die Welt mit tiefblauen Flecken (Roman)

Eigentlich ist rückblickend betrachtet keine Kindheit wirklich ideal. Ein Kind zu sein bedeutet immer schwierige Phasen auf dem Weg ins Erwachsenenleben zu erfahren, Illusionen zu verlieren, Enttäuschungen, Verzicht und auch die ersten großen Verluste zu erleiden. Doch wenn man wie Johannes, die Hauptfigur in „Rosa ist die Welt …“, im katholisch-konservativen Oberbayern der 80er/90er Jahre aufwächst und schon recht früh merkt, dass man irgendwie anders ist, jedenfalls nicht so, wie alle anderen das von einem erwarten, dann wird eine solche Kindheit auf einmal zu einem Stoff aus dem man einen großartigen Roman machen kann.

Philipp W. Wilhelm ist mit seinem Debütroman ein solcher großartiger Roman gelungen. „Rosa ist die Welt …“ gehört zu den Büchern, die einen mit den ersten Worten vereinnahmen. Mit viel Humor geht’s los, der Humor bleibt eine wesentliche Konstante, aber schnell spürt man vorallem die tiefe Empathie, die den stark autofiktionalen Text prägt. Das vermeintlich Lustige, teils Absurde, weil sich aus der Perspektive des Kindes die Welt der Erwachsenen eben so darstellt, entlarvt die Fassaden, hinter der sich Tragik und Ernst des Lebens verbergen.

Sehr behütet wächst Johannes auf. Die Strukturen sind traditionell. Mutter Petra ist Hausfrau und putzt den ganzen Tag, Vater Manfred schuftet, um der Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Johannes‘ Dasein ist stark reglementiert, Schule, Freizeit, Freunde, die Eltern haben auf alles ein Auge. Gegen seinen Willen muss Johannes in den Fußballverein, weil ja ein richtiger Junge aus ihm werden soll, und natürlich soll er später aufs Gymnasium. Einen lebendigen Kontrast zu dieser Strenge bilden seine Großeltern: Beate, Petras Mutter, und ihr Mann Ludwig. Beate, genannt Nonna, unbelehrbare Kettenraucherin, Alt-Hippie und Italienfan, strapaziert mit ihrem unbändigen Freiheitswillen die Nerven aller, vorallem die ihres Mannes Ludwig, ihres geliebten Wiggerl. Dieser – obwohl Gutmütigkeit in Person – sucht sich im Dorf ein eigenes Haus und so führen die beiden eine unkonventionelle Beziehung auf Distanz. Johannes profitiert von der Fürsorge und Güte, dieser beiden grundgegensätzlichen Menschen, deren Eigenschaften sich perfekt ergänzen. Wilhelm porträtiert diese beiden mit besonderer Liebe.

Seine Energie bezieht der Roman vorallem von der gelungenen Darstellung der Menschen in Johannes kleiner Welt. Wilhelm lässt sein Personal durch die zahlreichen Dialoge lebendig werden. Dabei begegnet er allen Figuren mit großem Respekt. Ecken, Kanten und Marotten werden gezeigt, ohne dass die Protagonisten vorgeführt oder lächerlich gemacht werden. Aber auch das Seelenleben des heranwachsenden Johannes bringt der Autor seinen Leser:innen einfühlsam nah. Das Gefühl nicht dazugehören, die heimlichen Ausflüchte aus der elterlichen Strenge, die ersten sexuellen Erfahrungen, die Johannes anfangs überhaupt nicht als solche benennen kann, all das wird absolut authentisch vermittelt. Und natürlich ist Johannes Schwulsein dabei ein Thema, so wie Homosexualität vor der engstirnigen Kulisse der 80er/90er Jahre im Allgemeinen und im kleinen oberbayrischen Dorf im Besonderen natürlich ein absolutes Novum darstellt, ja eigentlich ein No-go in den Augen vieler. Aber Wilhelm gelingt es, dieses Thema in einem universellen Kontext zu präsentieren. Nicht die Homosexualität an sich wird ins Rampenlicht gestellt, es geht um persönliche Freiheit, um Selbstbestimmung, um das Grundrecht, man selbst zu sein und zu lieben. Dabei bagatellisiert Wilhelm nicht die Gefahr, in der sich Menschen befinden, deren Lebenswunsch nicht den allgemein anerkanten Normen der Gesellschaft entspricht. Die Episode um Fahsai, genannt Funghi, den thailändischen Schwimmbadkioskbetreiber, der mit dem Deutschen Harald zusammenlebt, wird zum konkreten Beispiel homophober Ressentiments und ihrer tragischen Konsequenzen für die Betroffenen.

Wilhelm gelingt es aus einer individuellen Geschichte ein lebensechtes Porträt einer ganzen Generation zu gestalten. Mit enormer Erzählfreude stattet er bis ins kleinste Detail hinein sein Setting aus. Nicht nur Kleidung, Alltagsgegenstände, Nachrichten, Musik, Filme u.v.m. transportieren den Zeitgeist der 80er/90er perfekt, auch Gesprächsthemen, Stimmungen und Ansichten spiegeln wider wie sich das Leben damals anfühlte. Nach eigenen Angaben hat der Autor 15 Jahre lang an seinem Text gearbeitet, ausgiebige Recherchen inklusive. Diesen Perfektionismus sieht man dem Ergebnis an.

Einen eigenen Soundtrack zum Buch gibt es kostenlos dazu. Johannes‘ Liebe zur Musik, zur Rocky Horror Picture Show, der eine zentrale Bedeutung beikommt, aber auch dem unvergessenen Freddy Mercury und vielen mehr, findet auf diesem Weg ein schönes Echo.

Der Roman ist im Selfpublishing erschienen, was absolut verblüfft, weil man gar nicht begreifen mag, wieso sich ein Verlag diese mitreissend erzählte Geschichte hat entgehen lassen. Dem ebenfalls unter dem Pseudonym KYNDZKOPF aktiven Künstler ist zu wünschen, dass sich eine möglichst große Leserschaft nicht von der Tatsache abhalten lässt, dass dieser Roman in Eigenregie entstanden ist.

Große Empfehlung!

  • Autor: Philipp W. Wilhelm
  • Titel: Rosa ist die Welt mit tiefblauen Flecken
  • Verlag: BoD – Books on Demand
  • Erschienen: Mai 2026
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3695701308

Wertung: 13/15 dpt

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