
1817 fiel Marie-Henri Beyle aka „Stendhal“ nach Museumsbesuchen während einer italienischen Reise auf, dass viele Menschen körperlich auf die Reizüberflutung durch die ausgestellte Kunst reagierten. Ohnmacht, rauschartige Zustände und ähnliches, erzeugt durch einen körperlich spürbaren Sog, verursacht durch die bildenden Künste.
Flugs im Reisebericht „Rom, Neapel und Florenz“ (1817) festgehalten, wurde Stendhal zum Namensgeber des Syndroms. „La sindrome di Stendhal“ (1989) der italienischen Psychiaterin Graziella Magherini aus dem Jahr 1989 bietet zahlreiche Fallstudien und vertieft das Thema. Trotzdem bleibt das Stendhal Syndrom in der Medizin umstritten, da die Anzahl der Studien gering ist und eine Differenzialdiagnose fehlt. Ausschließen kann man das Vorhandensein aber auch nicht, denn die Pforten der Wahrnehmung leiten in viele verschiedene (Kunst)räume.
An einer medizinischen Aufarbeitung dürfte Dario Argento allerdings kaum gelegen sein, dem Phänomen selbst gilt sein Interesse sowie den Geschichten, die man darum herum spinnen kann. Und sind nicht bereits „Profondo Rosso“, „Suspiria“ oder „Inferno“ selbst so eine Art filmisches Stendhal Syndrom? Visuelle Phantasmagorien, die ihre Protagonisten und Zuschauer aufsaugen und an Orte voller Ungewissheiten führen.

In „The Stendhal Syndrome“ begibt sich die junge römische Polizistin Anna Manni, dargestellt von der 1996 knapp zwanzigjährigen Argento-Tochter Asia, in die Uffizien, wo sie angesichts der Menschenmassen und überwältigenden Kunsteindrücke Opfer des titelgebenden Syndroms wird.
Das wird beobachtet vom Serienmörder Alberto, den Anna eigentlich ihrerseits aufspüren sollte. Der Mann scheint Anna helfen zu wollen, doch benutzt er ihre Schwäche letztlich, um sie zu vergewaltigen. Er tötet sie aber nicht, denn Anna reizt und erregt ihn lebend. Später wird es eine weitere brutale Begegnung geben, die Alberto nicht unbeschadet überstehen wird. Doch auch danach geht die Mordserie weiter und nähert sich Annas engstem Umfeld. Anna verliert sich gepeinigt in immer neuen Kreationen ihrer selbst, am Ende steht die vermeintliche Realität selbst auf der Kippe. Passend endet der Film mit Argentos visueller Interpretation einer Pieta.
Die atmosphärisch äußerst passende Filmmusik stammt von Ennio Morricone. Was überrascht, hatten sich Argento und Morricone doch nach Unstimmigkeiten über den Soundtrack zu „Vier Fliegen auf grauem Samt“ 1971 zerstritten. In den Neunzigern näherten sich die beiden Künstler wieder. So untermalte Ennio Morricone nicht nur den vorliegenden Film, sondern auch Dario Argentos Version von „Das Phantom der Oper“.

Nach einem nicht sonderlich geglückten Ausflug in die USA, der handzahme „Trauma“ (hierzulande, warum auch immer, „Aura“ getauft) floppte derbe, zog es Dario Argento zurück nach Italien. Seine späteren Arbeiten in den USA im Rahmen der „Masters Of Horror“-Reihe, „Jenifer“ und „Pelts – Getrieben vom Wahn“ („Pelts“) waren zufriedenstellender.
Doch erst einmal stand „The Stendhal Syndrome“ an. Grundlage war seine Beschäftigung mit Graziella Magherinis Werk gleichen Namens, „La sindrome di Stendhal“. Er spann eine Geschichte um Angst, Verlust, Missbrauch und die Taten eines Serienkillers darum herum, die zu einer finsteren Art der Täter-Opfer-Umkehr führten.

Das kann durchaus kontrovers betrachtet werden, ist aber stimmig umgesetzt, visuell (meist) überzeugend, stellenweise berauschend und ein frühes Beispiel für den passenden Einsatz von CGI. Der gelang weit besser und sah besser aus, als in Argentos fast einem Vierteljahrhundert später entstandenen „Dracula“-Variante (Stichwort Gottesanbeterin).
Die Eingangssequenz wurde tatsächlich in den Uffizien in Florenz gedreht, eine absolute Ausnahme (Argento zu Ehren?), und positioniert Anna Manni inmitten einer Menschenmenge, die sie schier erdrückt. Schon hier geht die junge Polizistin verloren, wird aufgesogen von einer amorphen Masse, von der an und für sich gar keine Bedrohlichkeit ausgeht, doch Argento setzt das Szenario gleich beklemmend in Szene. Das zieht sich fort, als Manni in der Ausstellung landet und von den Kunstwerken derart überwältigt wird, dass sie in Ohnmacht fällt.

Ihre Wehrlosigkeit wird ausgenutzt vom perfiden Serienmörder und -vergewaltiger Alberto, der sich der jungen Polizistin bemächtigt und sie mehrfach missbraucht. Tonspur und Bilder machen diese Vergewaltigungen schwer erträglich, Argento vermeidet allzu lange Einstellungen, überflüssigen Voyeurismus und eine visuelle Ausschlachtung der Taten. Die Problematik, dass es sich bei der Schauspielerin in diesen Szenen um die junge Tochter des Regisseurs handelt, wird im hörenswerten Audiokommentar ausführlich thematisiert.
Insgesamt ist Dario Argento bei graphischen Gewaltdarstellungen in diesem düsteren Werk, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vergleichsweise zurückhaltend. Da waren seine meisterlichen Filme aus den Siebzigern und den Achtzigern „Tenebre“ und „Phenomena“ weit expliziter. Ist bei einem Werk, bei dem derangierte Psychen im Mittelpunkt stehen, aber nur konsequent. „Das Stendhal Syndrome“ strahlt eine unbehagliche Stimmung von Beginn an aus und betont so die Höllenfahrt der traumatisierten Protagonistin eindrücklich. Thomas Krertschmann, als italienischer Vergewaltiger und Killer eine sehr eigenwillige Besetzung, spielt Alberto überzeugend, am Rande des Overactings, als ausgemachten, manirierten Widerling.

Das Drehbuch gehört zu den ausgefeilteren in Argentos Filmographie. Die deutsche Synchronisation ist aber eine mittlere Katastrophe, gibt sie dem Film doch einen antiseptischen, kindlich-gekünstelten Anstrich, der den finsteren Bildern krass entgegenläuft. O-Ton mit oder ohne Untertiteln ist wesentlich empfehlenswerter.
Dass das „Stendhal Syndrom“ keine deutsche Neuvertonung erhalten hat, ist bedauerlich, denn ansonsten ist die drei-Disc-Edition vorbildlich. Es gibt den Hauptfilm in seiner ungekürzten und editierten Variante, eine Disc ist komplett dem Begleitmaterial vorbehalten, das aus einer Fülle von Interviews und Hintergrundmaterial besteht. Der empfehlenswerte Audiokommentar der Herren wurde bereits erwähnt, dem man bestenfalls vorwerfen kann, dass er etwas zu ausführlich auf die Kontroversen um Asia Argento eingeht, die mit dem kommentierten Film nichts gemein haben, da sie 1996 noch in der entfernten Zukunft lagen. Interessant ist aber auch das Thema allemal.
„The Stendhal Syndrome“ ist, neben „Sleepless“ („Non ho sonno“), ein Höhepunkt in Dario Argentos seltsamen Spätwerk, das in weiten Teilen enttäuschend ist. Das kann man von „The Stendhal Syndrome“ nicht behaupten. Der Kunst-Thriller ist eher eine beklemmende Psycho-Studie als ein Giallo-Abkömmling. Ein nachtschwarzes Schauerstück, das die wachsende Verzweiflung seiner Protagonistin in adäquate Bilder umsetzt.

Die Ausstattung und Aufmachung des aus drei Discs bestehenden Mediabooks ist opulent und aufschlussreich. Die deutsche Synchronisation klammern wir vom Lob mal aus. Das ausführliche Booklet von Marcus Stiglegger lag der Presse-Version leider nicht bei.
Cover+ Bilder © Plaion Pictures
- Titel: The Stendhal Syndrome
- Originaltitel: La Sindrome di Stendhal
- Produktionsland und -jahr: Italien, 1996
- Genre: Psycho-Thriller, Giallo, Kunst-Thriller, Horror
- Erschienen: 06/2026
- Label: Plaion Pictures
- Spielzeit: ca. 119 Min., Alternative Export-Fassung ca. 118 Min.
- Darsteller: Asia Argento, Thomas Kretschmann, Eleonora Vizzini, Franco Diogene, John Pedeferri, John Quentin, Julien Lambroschini, Lorenzo Crespi, Lucia Stara
- Regie: Dario Argento
- Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini, Graziella Magherini (Vorlage)
- Kamera: Giuseppe Rotunno
- Schnitt: Angelo Nicolini
- Musik: Ennio Morricone
- Extras: 20-seitiges Booklet mit Text von Prof Dr. Marcus Stiglegger
Audiokommentar mit Eugenio Ercolani, Troy Howarth & Nathaniel Thompson
Internationaler Trailer, US Troma-Trailer, Französischer Trailer
Englische Lokalisierungen, Deutsche Titeleinblendung
Interview: Lost in Art – Dario Argento (Regie), Interview: Through her Gaze – Asia Argento (Darstellerin), Interview: The Mouth That Bled – Sonia Topazio (Darstellerin),
Interview: Scripted Versions – Franco Ferrini (Drehbuch), Interview: The Price of Vision – Guiseppe Colombo (Produzent), Interview: Shadow Unit – Luigi Cozzi (Regie 2nd Unit)
Interview: Inside the Wounds – Franco Casagni (Special Make-Up FX), Interview: Architect of Illusion – Antonello Geleng (Produktions-Design), Interview: Pixels & Blood – Sergio Stivaletti (Special Effects), Archiv-Interview mit Dario Argento, Archiv-Interview mit Asia Argento
Archiv-Interview mit Lloyd Kaufman, Vorwort von Lloyd Kaufman
Hinter den Kulissen, Bildergalerie - Technische Details (Blu-Ray)
- Video: A3840x2160p UHD (1.85:1) @24 Hz 4K native, Dolby Vision, HDR10uflösung
- Sprachen/Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, DTS-HD MA 2.0, Englisch DTS-HD MA 5.1, Italienisch DTS-HD MA 5.1
- Untertitel: Deutsch, Englisch
- FSK: 18
- Sonstige Informationen: Produktseite

Wertung: 12/15 dpt







