Helga Glaesener – Das Kind der Lügen (Buch)

Ein undurchsichtiger Fall

Im August 1929 will Signe von Arnsberg bei der Kripo Hamburg ein besonders abscheuliches Verbrechen zur Anzeige bringen, denn kurz zuvor hatte sie selber ihren Hund überfahren. Aber wer hatte den armen Pekinesen unter ihrem Auto festgebunden? Ein toter Hund ist kein Fall für die Kripo, man nimmt die leicht verwirrt wirkende Dame nicht ernst. Drei Tage später baut von Arnsberg vor dem Polizeipräsidium einen Unfall, spricht kurz darauf bei Martin Broder, dem Leiter der Hamburger Mordkommission, vor. Ihre Tochter Dorothee, sechs Jahre jung, ist verschwunden, ebenso ihr Kindermädchen Alma. Eine Entführung oder hat sich Alma nur ein wenig mehr Freizeit gegönnt?

Mit ihrer Kollegin Carolina „Caro“ Wagner fährt Paula Haydorn von der Weiblichen Kriminalpolizei nach Cuxhaven, wo von Arnsberg als Pflegekind aufwuchs. Sie wollen deren Familienhintergründe recherchieren. Kurz vor ihrer Rückfahrt entdeckt Caro eine alte Militäranlage, die ihre Neugier weckt. Als Paula einige Zeit später nach ihrer Kollegin sucht, findet sie diese lebensgefährlich verletzt vor. Jemand hat ihr einen Messerstich in den Hals versetzt.

Während Caro um ihr Leben kämpft, erhalten Broder und Paula die Nachricht, dass von Arnsberg ihre Anzeige zurückziehen, ihren Aufenthalt in Hamburg beenden und zu ihrem Wohnort Bielefeld fahren möchte, da ihre Tochter wohlauf sei. Jedenfalls habe der Entführer sich gemeldet und mitgeteilt, dass er Dorothee freilassen würde, wenn von Arnsberg Hamburg verlässt. Doch dabei bleibt es, stattdessen meldet ein Zeuge, dass am gleichen Abend eine Leiche in einen Hamburger Kanal geworfen wurde. Stofffetzen in der Nähe deuten darauf hin, dass es sich bei der vermeintlichen Leiche, die unentdeckt bleibt, vermutlich um Alma handelt. Aber lebt Dorothee noch und wer war für den feigen Anschlag auf Caro verantwortlich? Broder und sein Team haben alle Hände voll zu tun, unterdessen wartet dessen Vorgesetzter nur auf einen Fehltritt, um die Mordkommission auflösen zu können.

Zweiter Fall für Paula Haydorn

Nach „Die stumme Tänzerin“, spielt im Jahr zuvor, setzt Helga Glaesener ihre Paula-Haydorn-Reihe fort, in der es (auch) um die Entstehung der Weiblichen Kriminalpolizei, kurz WKP, geht. Diesbezüglich enttäuscht der Roman ein wenig, hier hätte man sich deutlich mehr „Informationen“ gewünscht. Ebenfalls überrascht, dass „Das Kind der Lügen“ nahezu keinen Bezug auf das Jahr 1929 nimmt, in dem die Handlung spielt. Die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Hintergründe in jener durchaus ja turbulenten Zeit bleiben weitgehend außen vor. Dies nur als Hinweis, denn wer zu einem (zeit)historischen Roman greift, möchte ja vermutlich auch etwas über die damaligen Geschehnisse erfahren.

Der Krimiplot orientiert sich eng an den beiden Protagonisten Broder und Paula, deren Beziehung untereinander (noch) nicht über das dienstliche Maß hinausgeht. Es gibt in Broders Vergangenheit einen dunklen Fleck, der zu enthüllen ist und einer möglichen Beziehung, so er diese denn überhaupt wollte, entgegensteht. Zudem wartet der aktuelle Fall, wie sich herausstellen wird sind es mehrere, auf seine Aufklärung. Da ab und an die Lage von Dorothee in den Händen ihres Entführers geschildert wird, weiß der Leser immerhin, dass das Kind noch lebt. Derweil rätseln die Ermittler, ob es das Kind überhaupt gibt, denn bislang kennen sie nur ein Foto des Mädchens.

Die Lage ist nicht nur für die Ermittler zunächst undurchsichtig, was an verschiedenen Familienverhältnissen liegt, insbesondere jenen, die Signe von Arnsberg betreffen. Es gibt einen älteren Bruder, der angeblich in Amerika leben soll, sowie einen jüngeren Bruder, der von seiner Schwester nichts weiß. Dazu Pflegeeltern, die eine undurchsichtige Rolle spielen, ebenso wie womöglich von Arnsbergs Chauffeur, dessen Brüder polizeibekannt sind. Es ist vertrackt und deswegen erfordert die Lektüre ab und an erhöhte Aufmerksamkeit. Gleichwohl ist die Geschichte spannend konstruiert, teilweise darf man sogar raten, wer der Übeltäter sein könnte. Wen die beiden eingangs genannten Punkte (Geschichte der WKP, Historie) nicht stören, findet einen kniffligen Fall, der etliche Überraschungen bereithält. Insgesamt ansprechende wie anspruchsvolle Lektüre.

  • Autorin: Helga Glaesener
  • Titel: Das Kind der Lügen
  • Verlag: Rowohlt
  • Umfang: 352 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: August 2022
  • ISBN:   978-3-499-00489-6
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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