Tommie Goerz – Der Baum (Buch)

Rückblick auf schwere Zeiten

Der alte Gruber Michl sitzt in seinem Wirtshaus, welches er in vierter Generation betreibt. Er ängstigt sich einmal mehr, denn ein schweres Gewitter zieht auf. Das schlimmste Gewitter bislang fand vor langer Zeit statt. 1923 war das. Ein sechzig Jahre alter Kirschbaum, ein Coburger Maiherz, fiel ihm zum Opfer. Der Urgroßvater ließ daraus einen Tisch bauen, der für sein Haus jedoch zu groß war. Also baute er für den Tisch ein eigenes Wirtshaus mit dem graziösen Tisch als Blickfang. Es war das fünfte Wirtshaus in dem kleinen Ort mit rund zwanzig Höfen.

Die letzten Stammgäste Ottl und Luck, beide weit über siebzig Jahre alt, haben rechtzeitig den Heimweg angetreten. Stattdessen leistet ihm Liz Gesellschaft und Michl erzählt von früher und wie es dazu kam, dass er nun den „Baum“ betreibt, der seine besten Zeiten lange hinter sich hat. Es gibt außer dem „Baum“ noch den gutgehenden Landgasthof „Hirsch“, die alten Höfe sind bis auf einen Bauernhof alle verschwunden, der „Baum“ hat als Dorfzentrum lange ausgedient.

Von dort wurden sie zu den Baustellen gefahren. Da haben sie sich immer ein paar Kisten Bier mitgenommen, meistens einen für drei. Und wenn sie abends zurückgekommen sind, waren die Kästen leer und die Männer durstig. Dann sind sie hier rein und haben noch ein Maß getrunken.

Doch die guten, alten Zeiten waren auch die schlechten, alten Zeiten. In den 1950er Jahren musste Michl im Alter von gerade einmal sieben Jahren die Gäste bedienen. Bis spät in den Abend, es wurde reichlich getrunken. Am nächsten Morgen ging es in die Schule. Da es beim jähzornigen Vater oft Ärger und Gewalt gab, nur der Großvater war für Michl ein wichtiger Halt, fing Michl als Jugendlicher an der örtlichen Tankstelle an zu arbeiten. Abends ging es dann hinter der Theke im „Baum“ weiter. Doch dann änderte ein junges Mädchen namens Berta alles. Michl war das erste Mal verliebt, aber Berta kam mit ihren Eltern aus Schlesien als Vertriebene. Solche armen Leute waren dem Vater verhasst, er verbot die junge Liebe. Michl floh und kam ein Jahr später zurück. Und blieb. Seit fünfzig Jahren steht er als Wirt im „Baum“. Jeden Tag.

Der große Abschiedsroman von Tommie Goerz

Im März dieses Jahres verstarb Tommie Goerz nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. „Der Baum“ ist sein letzter Roman, dessen Manuskript er noch beenden konnte. Als Krimiautor war Goerz zunächst mit seiner Kommissar-Friedo-Behütuns-Reihe erfolgreich, später folgten die Stand-Alone-Krimis „Meier“ (2021 Friedrich-Glauser-Preis) und „Frenzel“ (2022 Crime-Cologne-Award). Zuletzt erschienen seine fulminant-sprachgewaltigen literarischen Werke „Im Tal“ und „Im Schnee“. „Der Baum“ ist, wenn man so möchte, sein dritter „literarischer“ Roman und fasziniert, wie die beiden Vorgänger (die drei Romane sind Einzelwerke und somit nicht Teil einer Serie), durch sprachliche Brillanz und dichte Atmosphäre.

An der Oberfläche bleibt es inhaltlich überschaubar. Wie so oft sitzt der Michl in seiner Wirtschaft, genießt mangels Kunden allein eine halbe Halbe Seidel Bier und hängt seinen Erinnerungen nach. Liz, der ersten Frau überhaupt, die regelmäßig als Gast den „Baum“ besucht, in den vorhergehenden Generationen war er den Männern vorbehalten, erzählt er rückblickend sein Leben. Es war entbehrungsreich, von familiären Anspannungen durchtränkt. Seine große Liebe durfte nicht sein, danach wollte er mit dem „Baum“ und seiner Familie nichts mehr zu tun haben. Doch wie so oft im Leben kam es anders, denn plötzlich befand er sich in der Schuld seines verhassten Vaters. Ihm musste er vor dessen Tod versprechen, den „Baum“ weiter zu betreiben. Er war schließlich das Zentrum des Dorfes, die anderen Gasthäuser gab es da schon nicht mehr. Und somit auch keinen Schwaaß.

Blutessen. Ein großer gusseiserner Bräter Schweineblut, frisch geholt, wenn jemand geschlachtet hatte. Angerührt mit Fleischstückchen, Schwarte, Speck und Gewürzen, wie der Teig für die Blutwurst, rein in den Ofen und schön knusprig rausgebacken. Dazu Sauerkraut, Kartoffeln, Brot, manche mochten auch Senf. Und Bier.

Michl erzählt von schönen und weniger schönen Erlebnissen, der harten Arbeit als Kind und seine Träume als Jugendlicher. Es ist zugleich eine Verneigung vor den Gasthäusern als Zufluchts- und Sehnsuchtsort, denen Tommie Goerz bereits das Buch „In fränkischen Wirtshäusern: 19 ausgewählte Wirtshäuser in Ober-, Mittel- und Unterfranken“ gewidmet hat. Das Wirtshaus im Wandel der Zeit. Damals die Zentrale des Dorfes, wo jeder jeden kannte und es nicht nur am Sonntag nach der Kirche zum Frühschoppen ging. Das hart verdiente Geld wurde abends regelmäßig in die Kneipe getragen, versoffen, und die Frauen holten nicht selten ihre betrunkenen Männer nach Haus. Heute sind die Höfe und das Dorf weg, ein kleiner Ort ist entstanden, in dem die meisten für sich sind. Nur die Alten, die noch auf den Fotos im Album des „Baum“ zu sehen sind, kommen noch vorbei.

Es gibt noch eine besondere Schlusspointe, die hier selbstredend nicht gespoilert wird. Nur so viel: Selbst „Im Schnee“ und „Im Tal“ hatten ein gewisses Spannungselement, so dass man die Romane mit viel Wohlwollen als „Krimi“ (nein, nicht wirklich) lesen konnte. Ein derartiger Moment fehlt hier vollends, was der kräftigen Erzählung aber keineswegs schadet. Es ist ein teils bedrückender Roman, in dem die Hauptfigur ihren Platz findet und einnimmt. In Demut und gleichwohl mit Wehleidigkeit angesichts einer verpassten Liebe, eines ganzen Lebens. Es ist ein letzter, großer Roman eines ebensolchen Autors, den booknerds gern und oft rezensiert hat.      

  • Autor: Tommie Goerz
  • Titel: Der Baum
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 160 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2026
  • ISBN:   978-3-492-07465-0
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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