
Natürlich wissen wir heute, dass die Hexenverfolgung im Mittelalter vor allem dem Erhalt patriarchaler und klerikaler Machtstrukturen galt. Trotzdem werden solche Hexensagen noch immer in der regionalen Folklore tradiert, wenn auch inzwischen historisch kritisch eingeordnet. Nun hat die Schweizer Autorin Rebekka Salm mit ihrer neusten Veröffentlichung „Metzina“ (erschienen im Knapp Verlag) die Sage um die in Olten sehr populäre Figur der gleichnamigen „Wetterhexe“ Metzina Wächter zum Ausgangspunkt einer Erzählung genommen.
Der Kern der Story ist historisch belegt. Metzina Wächter war eine aus armen bäuerlichen Verhältnissen stammende Heilkundige, die als Hebamme ihren Lebensunterhalt bestritt und über umfassendes wetterkundliches Wissen verfügte. Letzteres wurde ihr zum Verhängnis, nachdem 1384 ein von ihr vorhergesagtes Unwetter die Belagerung Oltens durch Truppen aus Bern und Solothurn beendete. Es hieß, sie habe den Sturm herbeigezaubert, und so wurde sie in Solothurn vor Gericht gestellt und wegen Hexerei zum Tode verurteilt. Dank der Fürsprache einflussreicher Frauen kam sie frei, musste Olten jedoch verlassen und per Eid schwören, nie mehr zurückzukehren.
Die Legende ist hundertfach erzählt. Doch Salm verwandelt den bekannten Stoff in etwas Neues.
Obwohl sie Metzina in den Mittelpunkt stellt und ihr abschnittsweise auch eine eigene Stimme als Ich-Erzählerin verleiht, ist nicht sie es, die hier von der Autorin porträtiert wird. Zwar entwickelt Salm ihren Plot entlang der belegten Fakten bzw. der überlieferten Legende, aber sie verleiht dem traditionellen Stoff eine neue, sehr viel differenziertere Darstellung.
Rasch, die Geschichte, ich will sie erzählen, bevor es ein
anderer tut.
Die Geschichte einer Hexe.
Meine Geschichte.
Seite 15
Nicht Metzinas vermeintliche Schuld bzw. Unschuld ist das eigentliche Thema, vielmehr geht Salm der Frage nach, wie sich die Gesellschaft um Metzina herum schuldig macht. Sehr genau lenkt die Autorin den Blick auf einzelne Personen, die das Schicksal der Hebamme verursachen. Präzise führt sie vor, wie sich menschliche Eigenschaften wie Misstrauen, Neid oder Missgunst, aber auch Unwissenheit und Angst, durchsetzen und genau dadurch die Mechanismen tragen, die zu Diskriminierung und Unterdrückung führen in einer Gesellschaft, in der die Rechtlosigkeit der Frauen das allgegenwärtige System ist.
Angeklagt haben mich Männer. Verurteilt haben mich Männer.
Und richten werden mich Männer.
Seite 102
Die Parallelität zu aktuellen Verhältnissen z.B. in Afghanistan oder Iran ist erschütternd, das Wissen um die Auswirkungen dieser Strukturen auch auf westliche Kulturen bis in die Moderne hinein ist offensichtlich. Salms Erzählung wird zur gnadenlosen Abrechnung mit dem Patriarchat und den daraus erwachsenen Missständen.
Hinzu kommt: Salm erzählt absolut mitreißend. Jedes Wort sitzt perfekt. Das von Salm inszenierte Mittelalter-Setting atmet, bebt und lebt mit jeder Zeile. Es stinkt, kratzt und beißt. Ihre atmosphärische Prosa lässt die Lektüre zu einem sinnlichen Rundherum-Erlebnis werden. Die Bilder, die sie in unser Kopfkino pflanzt, sind aufwühlend authentisch. Dem Sog, den sie dabei erzeugt, kann man sich nicht entziehen. Das macht die Lektüre trotz des harten unbarmherzigen Stoffs zu einem großen Vergnügen.
Mit dieser gelungenen modernen Adaption des bekannten historischen Stoffes entreißt Salm der vertrauten, bereits hundertfach erzählten Geschichte die im Kern zeitlose Aktualität.
Große Empfehlung!
- Autorin: Rebekka Salm
- Titel: Metzina
- Verlag: Knapp Verlag
- Erschienen: 3. September 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 128 Seitem
- ISBN: 978-3907334546

Wertung: 14/15 dpt







