Kiosbetreiberin Yvonne Buhk mag es übersichtlich. Das kleine Büdchen, welches die alleinstehende Enddreißigerin in ihrem Wohnviertel betreibt, ist Treffpunkt für die Leute aus der Nachbarschaft und Lebensmittelpunkt für sie. Man kennt sich, kommt im Großen und Ganzen ganz gut miteinander aus. Yvonne verlangt nicht viel vom Leben und das Wenige, das sie braucht, wirft ihr kleines Geschäft ab.

Diese Idylle wird jedoch von jetzt auf gleich gestört, als eine Fremde mit dem Mädchen Olivia bei ihr vor der Tür steht. Yvonne erfährt, dass ihr Bruder, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte, verstorben ist. Der Teenager ist dessen Tochter, also Yonnes Nichte, und da die leibliche Mutter verschollen ist und die Fremde, die sich als die letzte Lebensgefährtin des Verstorben zu erkennen gibt, keinen Bock auf Kinder hat, steht Yvonne völlig unerwartet in der Verantwortung. Alles andere als begeistert nimmt sie das Mädchen bei sich auf. Und neben dem Pflichtgefühl keimt in ihr immer mehr der lang verborgene Wunsch nach einer intakten Familie. Können sie und Olivia zu einer solchen Einheit zusammenwachsen?
Julia Hochs Protagonistin ist alles andere als eine Idealfigur. Mäßig erfolgreich kämpft sich Yvonne Buhk durch ihr Leben, in dem – das erfahren die Leser:innen peu à peu per Rückblick– einiges schief gelaufen ist. Der Alltag gelingt ihr nur innerhalb der engen Komfortzone, in der sie sich eingerichtet hat. Das Auftauchen der Nichte zwingt sie aus dieser bequemen Nische herauszutreten. Hoch lässt uns hautnah teilhaben an den Gedanken und Emotionen ihrer Hauptfigur. Wir werden Zeug:innen wie Yvonne schrittweise beginnt an ihren Aufgaben zu wachsen, wobei sie sich nicht nur den Herausforderungen der Gegenwart stellen muss, sondern auch mit der Vergangenheit ihrer traumatischen Kindheit abrechnet.
Mit ihrer unaufgeregten, leicht zugänglichen, aber niemals oberflächigen Prosa, erzeugt Hoch eine enorme Nahbarkeit zu ihren Charakteren, die einem als Lesenden das Gefühl verleihen, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein. Dabei setzt die Autorin nicht auf lautes Drama. Die Aufgaben und Hindernisse, die Yvonne zu überwinden hat, sind größenteils alltäglich, ihre Sorgen sind genau deshalb jedem leicht nachvollziehbar. Und auch dort, wo das Leben die eine oder andere etwas härtere Kerbe schlägt, bleibt Hoch eher zurückhaltend in ihrer Darstellung. Viel mehr als die Tragödien, die das Leben nun mal so mit sich bringt, stellt sie die Resilienz ihrer Figuren in den Mittelpunkt. Das Büdchen bzw. der Mikrokosmos, den es umgibt, erweist sich als Raum von grundsätzlicher Solidarität.
Hochs Roman funktionniert wie ein Gruppenbild, und wieder sind es vorallem „die kleinen Leute“, denen sie eine Bühne bereitet. Dabei lädt die Autorin ein, einen vorurteilsfreien Blick auf ihre Figuren zu werfen. Menschen, das zeigt sie mit jedem neuen Auftritt, sind niemals perfekt, denn jede:r trägt ein eigenes Schicksalspaket mit sich herum. Bosheit ist oft ein Indiz für erlittene Verletzungen. Zurückhaltung dient nicht selten dem Selbstschutz. Immer lohnt es sich hinter die Fassade zu schauen. Hoch, die niemals beschönigt, hat mit ihrem Roman ein warmherziges Wohlfühlbuch geschrieben. Nicht, weil die Dinge, die passieren alle so angenehm wären oder sich alles zum Allerbesten auflöst, sondern weil sie nicht weniger als den Gedanken transportiert, dass es lohnt, an das Gute im (Mit-)Menschen zu glauben. Und das ist ganz schön viel. Große Empfehlung!
- Autorin: Julia Hoch
- Titel: Gemischte Tüte mit Lakritz
- Verlag: Ulrike Helmer Verlag
- Erschienen: 22. September 2026
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 296 Seiten
- ISBN: 978-3897415126

Wertung: 12/15 dpt







