Stimmungsvoller Regionalkrimi

Helga Bünten ist noch jung als sie an Karneval des Jahres 1955 den „Zigeuner“ kennenlernt. Gabor heißt der Mann, beide verlieben sich und neun Monate später wird Tochter Brigitte, später Gitta genannt, geboren. Doch das Leben meint es nicht gut mit Gitta. Im Dezember 1960 verschwindet Gabor, einen Monat später zieht sie mit ihrer Mutter zurück in das kleine Dorf Soller in das Haus ihrer Großeltern Traut und Franz. Im Sommer des darauffolgenden Jahres stirbt der Großvater bei einem Arbeitsunfall, da hängt die Mutter schon überwiegend an der Flasche. Helga verschwindet ebenfalls, es bleibt nur noch Großmutter Traut und das Jugendamt schaut bereits vorbei. Als Traut dement wird und in ein Altenheim kommt, landet Gitta in einem Jugendheim. Auch in den folgenden Jahren geht in ihrem Leben alles schief, was schiefgehen kann. Im April 1977 lebt sie zurückgezogen in einem Wohnblock für die sozial abgehängten in Düren. Fünf Hochhäuser, 800 Bewohner, mehr Anonymität und Tristesse geht nicht. Gitta ist dies fast schon egal, aber irgendwie muss ihr Leben doch weitergehen.
Es ist der 13. April 1977. Kriminalkommissar Michael Matzerath hat die letzten beiden Jahre nur mit Einbruchs- und Betrugsdelikten verbracht, nachdem ihn der Tod seines Vorgesetzten Emil Glasmacher aus der Bahn geworfen hatte. Jetzt wurde am Ruruferweg ein menschlicher Arm gefunden, sein erster Mordfall wartet. Zwei Tage später wird am Rand eines Ackers der dazugehörige Kopf einer jungen Frau gefunden, ein Fuchs hatte die Witterung aufgenommen und ihn ausgegraben. Während die bundesweiten Nachrichten in diesen Tagen nur ein Thema haben, die Ermordung des Generalbundesanwalts Buback durch die RAF, wundert sich Matzerath, dass die Tote offenbar von niemand vermisst wird.
Nach der Emil-Glasmacher-Trilogie
Nach „Niemand“, „Rosenthal“ und „Cilli stirbt“ war das Ende der Emil-Glasmacher-Trilogie besiegelt, da sie mit dem Tod des Protagonisten endete. Doch mit „Nacht über Düren“ gelingt Herbert Pelzer ein kleiner Coup, denn Glasmachers Mitarbeiter Michael Matzerath übernimmt dessen Platz, die Reihe wird also quasi fortgesetzt. Es geht erneut an den Nordrand der Eifel, nach Düren, wie schon der Titel vorgibt. Buback wurde ermordet, die RAF verbreitet Schrecken, doch dann gerät die mittelgroße Stadt zwischen Köln und Aachen in Aufruhr, da menschliche Körperteile gefunden werden. Geht gar ein Frauenmörder um?
Die Situation könnte für eine gewisse Spannung sorgen, allein, der Leser weiß es besser. Auf den ersten rund siebzig Seiten erfährt man alles über das tragische, von Verlusten und Entbehrungen geprägte Leben Gittas, ehe auf Seite 69 erstmals Matzerath in Erscheinung tritt. Zu der eigentlichen Handlung kann und darf nicht mehr verraten werden, man erfährt es ohnehin lange vor dem Kommissar. Der Reiz dieses atmosphärisch großartig geschriebenen Regionalkrimis besteht in den Abgründen des Lebens, die sich hier vor allem auf eine Person konzentrieren. Waren Kindheit und Jugend Gittas schon reichlich verkorkst, so steht es aktuell nicht besser um sie. Einsamkeit und Perspektivlosigkeit beherrschen ihr Leben, ihr wohnliches Umfeld passt dazu bestens. Dass Gitta mit dem Tod der jungen Frau zu tun haben muss erfährt man „in Echtzeit“. Wie es dann weitergeht ist teils atemberaubend (dramatisch) und endet mit einer fulminanten, kaum mehr für möglich gehaltenen Überraschung zum Finale.
Fans von Friedrich Ani respektive Tabor Süden sollten zugreifen
Wer sich auf das Schicksal anderer Menschen einlassen und daran mitleiden möchte, erlebt hier einen außergewöhnlichen Kriminalroman, der vom sprachlichen „Sound“ des Autors lebt. Der Vergleich mag ein wenig hinken, aber Fans von Friedrich Ani respektive Tabor Süden sollten zugreifen. Mehr Drama geht kaum und die Einblicke in menschliche sowie gesellschaftliche Abgründe sind beachtlich. Dazu wird das Leben im Jahr 1977 am Beispiel Dürens ansprechend skizziert. Da ist die Einkaufsstraße mit dem „Bösen Wolf“, Pizzeria und chemischer Reinigung, geraucht wird HB und am Ende einer anderen Straße winkt die Trostlosigkeit der Hochhäuser, in denen den Nachbarn egal ist, was um sie herum geschieht. Man hat seine eigenen Probleme.
- Autor: Herbert Pelzer
- Titel: Nacht über Düren
- Verlag: KBV
- Umfang: 220 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Oktober 2026
- ISBN: 978-3-95441-780-3
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Wertung: 12/15 dpt







