Alan Carter – Marlborough Man (Buch)

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Dunkelheit in der Traumwelt

Vor zwei Jahren konnte Nick Burgess den Gangsterboss von Sunderland, Sammy Pritchard, überführen, doch seither müssen er und seine Familie in Angst vor dessen Rache leben. Nick, Vanessa und Sohn Paulie zogen notgedrungen von England in die weit entfernte Kleinstadt Havelock in den Marlborough Sounds, einer beeindruckenden Sammlung an Meeresarmen im Norden der Südinsel von Neuseeland. Dort arbeitet Nick, dessen Familie zur Tarnung den Namen Chester angenommen hat, als Sergeant bei der Havelock Police, die lediglich aus zwei Personen besteht. An seiner Seite, die junge Constable Latifa Rapate, seit zwei Jahren mit der Polizeischule fertig und noch ein wenig unerfahren; dafür aber mit besten Kontakten zu den einheimischen Maori. Der Polizeialltag in Havelock besteht aus Einbrüchen und Diebstählen, Geschwindigkeitsüberschreitungen und ähnlichem. Es könnte ruhig und angenehm sein, wäre da nicht am Stadtrand soeben die Leiche des sechsjährigen Jamie Riley gefunden worden, der seit einigen Tagen als vermisst gemeldet war.

„Er hat einen schönen Namen für dich. Weka-tane.“
„Was heißt das?“
„Weka-Mann. Nach dem flugunfähigen Vogel, der immer durchs Unterholz rennt, den Schnabel in den Dreck steckt, irgendwas ausgräbt und allen auf die Nerven geht.“

Die Ermittlungen übernimmt DI Marianne Keegan aus Wellington, Chester und Rapate dürfen die Laufarbeit übernehmen, während die örtliche Zeitung mit einem falschen Hinweis das Leben eines früheren Pädophilen in Gefahr bringt. Auch sonst gerät das beschauliche Leben in der Kleinstadt zunehmend aus den Fugen. Der mächtige Geschäftsmann Richard McCormack lässt zahlreiche Hügel für seine Holzverwertungsgesellschaft kahlschlagen, womit er sich Feinde macht, gegen die er rücksichtslos vorgeht. Es herrschen bisweilen Selbstjustiz und Anarchie, kein Wunder, hat doch fast jeder Einwohner schnell eine Waffe zur Hand. Vom Jagdgewehr bis zur Armbrust ist alles dabei. Während die Gewaltwelle stetig größer wird, gerät Chesters Familienleben an den Rand des Abgrunds und dann erhält er auch noch einen Hinweis, dass sich Marty Stringfellow, der Auftragsmörder des im Gefängnis sitzenden Pritchard, auf den Weg gemacht hat. Derweil verschwindet ein weiterer Junge…

Knallharte und preisgekrönte Kost aus Übersee

Bei Krimis aus Australien und Neuseeland denken die meisten Krimifans hierzulande vermutlich an den in 2018 verstorbenen Peter Temple und Gary Disher, die bisweilen erfolgreichsten Vertreter ihrer Zunft. Doch die Krimiszene aus Übersee boomt. Mit David Whish-Wilson, bekannt durch seine Perth-Trilogie und eben Alan Carter, der bislang bei uns durch seinen Protagonisten Cato Kwong auf sich aufmerksam machte, haben zwei vielversprechende Autoren die Bühne betreten. Candice Fox wäre ebenfalls zu nennen, so wie die bei uns in Vergessenheit geratene Ngaio Marsh (1895-1982), nach der der seit 2010 verliehene neuseeländische Krimipreis, der Ngaio Marsh Award, benannt wurde. Letzter Preisträger in 2018 für den besten Krimi war: Alan Carter für „Marlborough Man“.

Nick Chester ist eine ambivalente, überwiegend düstere und unsympathisch wirkende Figur, die unter Paranoia (bedingt durch die Angst vor Pritchards Rache) leidet und bevorzugt starrköpfig gegen jede Wand rennt. Dass er dabei mit Hochgeschwindigkeit sein Familienleben gefährdet nimmt er widerwillig in Kauf, obwohl er seine Frau noch immer bezaubernd findet. Aber er ist Polizist, er muss seinen Job machen, den Kindermörder jagen, für den eigentlich DI Keegan und ihr Team zuständig sind, und vor allem ständig auf einen Angriff von Marty Stringfellow vorbereitet sein. Bei letzterem wollen ihm auch zwei Maori helfen, die sich auf seinem Anwesen in einer Hütte eingemietet haben.

„Sie haben mit einem pensionierten Beamten gesprochen, Des Rogers. Stimmt das?“
„Hat er sich beschwert?“
„Das nicht. Er wurde heute Morgen erhängt in seinem Schuppen aufgefunden.“
„Warum rufen Sie mich an?“
„In seiner Tasche steckte Ihre Visitenkarte.“

Was folgt ist eine Gewaltorgie, bei der nicht nur Kinder geschändet und getötet werden, sondern selbst die Einwohner von Havelock mitunter aufeinander losgehen. Auch der folgende Auftritt von Stringfellow endet ebenso blutig wie tödlich. Die eruptive Gewalt, die ständig präsente Selbstjustiz nach amerikanischem Vorbild (stand your ground) und das Aufeinandertreffen zweier Kulturen beherrschen die Szenerie. Das Vertrauen der Maori in einen pakeha, einen Weißen, will hart erarbeitet sein, selbst Rapate kann Chester nicht alle Türen öffnen.

Die Geschichte ist vielschichtig, die Mordrate hoch und manchmal droht ein wenig der Überblick verloren zu gehen. Wenn es zu brutal zu werden droht, schaltet Alan Carter gekonnt ein bis zwei Gänge zurück, berichtet teils über die Banalitäten des Alltagslebens seiner Figuren, aber bevorzugt über die Schönheit der Natur. Carter wurde in Sunderland (England) geboren, lebt seit 1991 in Australien und Neuseeland. Er scheint seinen Umzug nie bereut zu haben und auch die Familie Chester, die letztlich mühsam wieder zusammenfindet, ist von der Ruhe und der Landschaft angetan. Wären da nur nicht die vielen bösen Menschen, wäre da bloß nicht diese unterschwellige Angst vor Pritchard und die ständig drohende Dunkelheit.

Cover © Suhrkamp Verlag

  • Autor: Alan Carter
  • Titel: Marlborough Man
  • Originaltitel: Marlborough Man
  • Übersetzer: Karen Witthuhn
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 17.06.2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 383
  • ISBN: 978-3518469323
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch

Wertung: 12/15 dpt


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Alan Carter – Marlborough Man (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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