Was geschah vor dreißig Jahren?

2012. Helgi hatte ein kurzes Gastspiel bei der Polizei Reykjavik und ging danach mit seiner Frau Bergþóra nach Großbritannien, wo er Kriminologie studierte. Da Bergþóra einen gut bezahlten Job bekam, zog man nach Island zurück, wo er nun an seiner Abschlussarbeit schreibt. Thema: Die ungelösten Todesfälle des Jahres 1983 aus dem Tuberkulose-Sanatorium in Akureyri. Tuberkulose gab es damals nicht mehr, doch die Krankenschwestern Tinna, Yrsa und Elisabet sowie die beiden Ärzte Þorri und Friðjón waren mit administrativen Tätigkeiten noch vor Ort, zudem gab es Hausmeister Broddi.
1983. Tinna war morgens immer die Erste und entdeckte eines Morgens ihre Kollegin Yrsa tot an deren Schreibtisch. Zwei Finger wurden ihr abgetrennt und lagen in einer Blutlache. Kommissar Sverrir aus Reykjavik reist mit seiner Kollegin Hulda an und übernimmt den Fall. Wenig später verhaftet er Broddi, der vorübergehend in Untersuchungshaft kommt, was Hulda für voreilig ansieht. Aber ihre Bedenken werden von Sverrir ignoriert. Kurz darauf ist Broddi wieder frei, da findet Tinna an einem weiteren Morgen die Leiche von Friðjón auf der Wiese vor der Anstalt. Anscheinend hat er sich von einem Balkon gestürzt. Ein Selbstmord? Ein Zugeständnis für die Schuld an Yrsas Tod? Neue Ermittlungsansätze finden sich nicht, der Fall wird bald eingestellt.
2012. Helgi befragt für seinen Aufsatz Elisabet, Broddi, Þorri und Friðjón. Allein Tinna will nicht mit ihm sprechen. Zu seiner Überraschung muss Helgi zudem feststellen, dass Tinna mit Sverrir verheiratet ist. Am Tag, nachdem er von Tinna abgewiesen wurde, wird eine Leiche gefunden. Abteilungsleiter Magnús drängt Helgi bei der Kripo Reykjavik anzufangen und überträgt ihm den Mordfall. Hängen die drei Morde zusammen, obwohl inzwischen fast dreißig Jahre vergangen sind?
Helgi folgt auf Hulda

Hulda, die Kommissarin, die kurz vor ihrem Ruhestand steht und deren Platz Helgi übernimmt, dürfte Krimifans bestens bekannt sein. Sie ist die Protagonistin der nach ihr benannten Hulda-Reihe, die aus vier Bänden („Dunkel“, „Insel“, „Nebel“ und „Hulda“) besteht, wobei man darüber streiten darf, ob der vorliegende Roman „Frost“ dieser Reihe hinzugefügt werden kann. Eigentlich kaum, denn Hulda hat nur einen Kurzauftritt, der für die Handlung nahezu unbedeutend ist. Helgis zweiter Fall „Stille“ ist übrigens bereits in diesem Spetember erschienen.
Helgi ist ein junger, ehrgeiziger Ermittler, der allerdings an einem Scheidepunkt in seinem Leben steht. Klar, die Abschlussarbeit für sein Studium muss noch sein, aber will er wirklich in Island leben? Er träumte doch von fremden, wärmeren Ländern? Und wie steht es um seine Ehe mit Bergþóra? Schlecht, dies darf vorweggenommen werden, denn seien Frau neigt zu übermäßigem Weinkonsum mit anschließender Neigung zu häuslicher Gewalt. Da helfen auch seine vielgeliebten Kriminalromane nicht, wobei er hier auf die „alten Meister“ setzt. Agatha Christie, Ellery Queen und Ngaio Marsh seien genannt. Eine schöne Reminiszenz des Bestsellerautors an die Krimistars des „Goldenen Zeitalters“.
Gekonnt entwickelt Ragnar Jónasson seinen Plot, in dem sich Helgi und Hulda übrigens nicht begegnen werden, wenngleich Helgi deren Büro bezieht. Die Handlung wechselt zwischen 2012 und 1983, wobei die maßgeblichen Protagonisten Helgi und Tinna sind. Ein kleiner Rückblick führt noch in die Jahre 1950 und 1951, da war das Sanatorium noch in Betrieb. Und, man muss kein Krimiexperte sein, um es zu erahnen, hier nahm das Schicksal seinen Lauf. Wer sich übrigens für das Thema Tuberkulose nebst Klinikaufenthalt (nach Lektüre dieses Romans) interessiert, dem sei der in diesem Jahr erschienene Krimi „Die Geister von Beelitz“ von Susanne Goga wärmstens empfohlen. Dort wird die Arbeit in einer Tuberkuloseklinik recht eindringlich beschrieben.
Nochmals zu den beiden Zeitebenen: 1983 findet Tinna die beiden Leichen, ebenfalls werden die eher oberflächlichen Ermittlungen von Sverrir geschildert und natürlich das Figurenensemble ausführlich vorgestellt. 2012 führt dann Helgi überwiegend Gespräche mit den Überlebenden und bemerkt leichte Unstimmigkeiten. Obwohl nur eine Hand voll Personen mitwirken und der Mörder eigentlich aus diesem Kreis kommen muss, ist die Handlung durchgehend spannend, packend geschrieben und die Auflösung wird womöglich manchen Leser, zumindest ein wenig, überraschen. Kurz: Ein guter Iceland-Noir, dessen Fortsetzung – wie erwähnt – bereits erschienen ist.
- Autor: Ragnar Jónasson
- Titel: Frost
- Originaltitel: Hvítidauði. Aus dem Isländischen von Anika Wolff
- Verlag: btb
- Umfang: 304 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: September 2026 (Neuausgabe)
- ISBN: 978-3-442-77345-9
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Wertung: 12/15 dpt







