
Seit Jahren kämpft der Verleger des fiktiven Frankfurt Verlags gegen die immer rauer werdenden Unbilden des Marktes. Nun droht ihm die Pleite, wenn nicht das sprichwörtliche Wunder geschieht. Die Wende könnte ein Exklusivvertrag mit dem stadtbekannten Kultpromi Heinz Brauer bringen. Der Tausendsassa hat einen Ghostwriter beauftragt, seine Memoiren zu verfassen, und sucht nun für diese Veröffentlichung mit Bestsellerpotential den passenden Verlagspartner. Der Verleger wittert seine Chance. Aber es gibt Konkurrenz und er muss sich ins Zeug legen, um diese auszustechen.
Autor Gerd Fischer ist selbst Verleger eines kleinen unabhängigen Verlags und weiß genau, wovon er spricht. Berührend ist der Einstieg ins Buch, in dem Fischer seinen Verleger über die Faszination des geschriebenen Wortes sinieren lässt.
Er lebt von Manuskript zu Manuskript. Hunderte hat er
ausgedruckt, alte Schule. Hunderte hat er gelesen, etliche als Buch
herausgebracht. Nur in wenige hat er sich verliebt. (…)
Als Niederlage empfindet es der Verleger, wenn er nicht alle
paar Wochen ein Manuskript in die Hände bekommt, in das er sich verlieben kann.
Der Verleger, der inzwischen 57 Jahre als ist, weiß nicht, wann er sich zuletzt
verliebt hat.
Wann wurde er das letzte Mal nach Mittelerde entführt oder
ins Auenland? Er zuckt mit den Achseln. Wie gern wäre er mal einem Bösewicht
wie Hannibal Lector begegnet. Oder einem Lord Voldemort. Kam ewig nicht vor.
Mit einer Lisbeth Sander Motorrad fahren? (…) Wann berührte ihn ein Manuskript
so stark, dass er nächtelang nicht schlafen konnte?
Seite 5-6
Eindringlich beschreibt Fischer die enorme Diskrepanz zwischen verlegerischem Idealismus und unbarmherzigen Marktgesetzen, um im Folgenden vor allem den wirtschaftlichen Überlebenskampf seines Protagonisten zu inszenieren. Augenzwinkernd kombiniert er dabei Insiderwissen mit jeder Menge Frankfurter Lokalkolorit. In der rasanten Story geht es nur selten ernst zu, aber gerade darin liegt die Ehrlichkeit des Plots, der zu Recht die Seriosität einer Branche hinterfragt, deren (Über-)leben längst von Zufälligkeiten und krasser Selbstausbeutung abhängig geworden ist.
Mit dem Mut der Verzweiflung stürzt sich Fischers Protagonist in eine wilde Abfolge teils absurd-komischer Situationen, um seinen Kleinstverlag zu retten. Dabei nimmt Fischer seine Leserschaft mit zu typischen Frankfurter Locations, z.B. zu einem Heimspiel der Eintracht ins Waldstadion, ins berüchtigte Bahnhofsviertel und ans Sachsenhäuser Mainufer mit Skylineblick. Und ja, ganz bewusst bedient er sich dabei auch zahlreicher Klischees, z.B. wenn er die Kontakte der Schickimicki-Gesellschaft mit dem Rotlichtmilieu inszeniert oder die selbstverliebten Eitelkeiten einzelner Repräsentanten der örtlichen Literaturszene parodiert. Wobei – wer Frankfurt kennt – weiß, wie hoch der Realitätsgehalt solcher Klischees tatsächlich ist.
Man muss gar nicht Teil dieser sogenannten Bücherbubble sein, um bei diesem Roman auf seine Kosten zu kommen. Ein hohes Erzähltempo, eine schnelle Abfolge verschiedener Handlungsorte, ein straffer Spannungsbogen, urige Typen und teils zwielichtige Charaktere, all das sind bewährte Zutaten für diesen Unterhaltungsroman, dem man anmerkt, dass Autor Gerd Fischer ein überaus routinierter Krimischreiber ist.
Vielleicht ist manches einen Tick überzeichnet, die eine und andere Reaktion nicht immer völlig schlüssig und die harmonische Auflösung doch arg dem Wunsch nach einem guten Ende geschuldet, aber hey, wer sich auf die Lektüre einlässt, erhält jede Menge kurzweilige Unterhaltung, Frankfurt-Feeling pur und einige sehr aufschlussreiche Aha-Momente beim Blick hinter die Verlagskulisse.
- Autor: Gerd Fischer
- Titel: Der Verleger, der eine Zeile liest und einen Coup wittert
- Verlag: mainbook
- Erschienen: 14. Oktober 2026
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 234 Seiten
- ISBN: 978-3911008587

Wertung: 9/15 dpt







