Ein Attentat, ein Mord und weitere Todesfälle

Kriminalhauptkommissar Korbinian Hilpert ist angeschlagen, denn mehrere Todesfälle in zu schneller Folge belasten ihn stark. Da stirbt die geliebte Großtante Natalie, plötzlich sein langjähriger Vorgesetzter Siggi Breitner und dann geschieht auch noch das verheerende Attentat während der Olympiade auf die israelische Mannschaft, bei der ein befreundeter Polizist ebenfalls stirbt.
Die emotionale Situation könnte kaum schlimmer sein, da steht plötzlich ein neuer Mord ins Haus. Ausgerechnet die siebzehnjährige Elsi, Korbinians Tochter, findet ihre brutal erschlagene Lehrerin Frieda Elsner-Loibl vor Unterrichtsbeginn im Gymnasium. Die weitgehend bei Schülern und Lehrern verhasste Elsner-Loibl stand ein Jahr vor dem Ruhestand, warum also sollte man ihr ausgerechnet jetzt nach dem Leben trachten? Doch Motive und Verdächtige finden sich schnell. Beispielsweise Klaus Lederer, der wegen zu schlechter Noten von der Schule abgehen und somit sein Abitur vergessen musste. Klaus ist seit einem halben Jahr Elsis große Liebe und arbeitet nun bei einer Versicherung, doch zur Tatzeit wurde sein Fahrrad vor der Schule gesehen. Auch das Ehepaar Birkl hätte seine Gründe gehabt, denn Elsner-Loibl verwehrte ihrer Kollegin einen heiß ersehnten Job, während ihr Mann seit Jahren auf ein begehrtes Grundstück abzielt, welches Elsner-Loibl gehört. Einen Verkauf lehnte sie rundweg ab.
„Die toten Israelis sind gerade unter der Erde und ihre Familien sind verzweifelt und hier wird Riesenrad gefahren und Bier gesoffen!“
„D’ Wiesn ko ma ned vaschiabn. D‘ Wiesn is wos Fests und ghört zu München wias Hofbräuhaus. Wo kammad ma denn do hi?“
Korbinian und sein Partner Ludwig „Lucki“ Waldleitner, dessen Frau Patrizia in der Gerichtsmedizin arbeitet, stürzen sich in die Ermittlungen, aber zunächst muss Korbinian nach einem Zusammenbruch eine kleine Auszeit nehmen. Dan drängt die Zeit, denn weitere Verdächtige machen die Ermittlungen unübersichtlich und plötzlich verschwinden Klaus und Herr Birkl spurlos. Zudem hängt in der Familie Hilpert vorrübergehend der Haussegen schief.
Korbinian Hilpert in seinem dritten Fall
In den ersten beiden Fällen „Münchner Vergangenheit“ (spielt 1954) und „Schwabing 62“ ermittelte Korbinian noch unter seinem Chef Siegfried „Siggi“ Breitner, dessen Tod seine Spuren an der Ettstraße in der Mord I hinterlassen hat. Die Zeitsprünge zwischen den drei Romanen – 1954, 1962 und 1972 – sind ungewöhnlich, haben aber ihren Ursprung darin, dass die Autorin jeweils ein gesellschaftliches respektive politisches Ereignis als zeithistorischen Hintergrund in ihre Geschichte einbaut. Im aktuellen Fall ist es der palästinensische Terrorangriff des „Schwarzen September“, der sich am 5. und 6. September 1972 ereignete und weltweit für Entsetzen sorgte. Insbesondere in München war das Thema über lange Zeit verständlicherweise Tagesgespräch, welches die Stadt in eine Art Schockstarre versetzte, in der sich vorübergehend auch der Protagonist befindet.
Wie schon in den Vorgängern „menschelt“ es bei Gretel Mayer sehr, was zu längeren Ausführungen hinsichtlich des Privat- und Gefühlslebens führt; nicht nur bei den Hauptfiguren. Während in „Schwabing 62“ gefühlt alle Haupt- und Nebenfiguren plötzlich in irgendwen verliebt waren, so ist es nun umgekehrt, denn die große Weinerei bricht aus, was einige Leser in dem Ausmaß – sagen wir – irritieren dürfte. Wer aber bei Krimis die privaten Seiten möglichst vieler Figuren ausführlich erleben möchte, beispielsweise Fans skandinavischer Krimis, dürfte sich hier gut aufgehoben fühlen.
„München 72“ wird in kurzen Kapiteln mit ständig wechselnden Perspektiven erzählt, wodurch Spannung und Lesetempo konstant hochgehalten werden. Die Anzahl der mitwirkenden Schüler und Lehrer könnte einen kurzzeitig herausfordern, wobei durch die wechselnden Sichtweisen, in denen mitunter auf gleiche Sachverhalte geblickt wird, durch leichte Wiederholungen der Überblick nicht schwerfällt. Wie erwähnt gibt es mehrere Verdächtige, so dass man eingeladen wird, mitzuraten, wer denn der Bösewicht sein könnte. So viel darf verraten werden: Es wird niemand auf der letzten Seite „aus dem Hut gezaubert“, so dass man eine Chance hat, den Täter vor Korbinian zu entlarven. Insgesamt ist der Mix aus zeithistorischem Hintergrund, Mordermittlungen und Privatleben recht ausgewogen. Zudem erfreut, dass einige Figuren im Dialekt sprechen, was die lokale Atmosphäre spürbar erhöht.
- Autorin: Gretel Mayer
- Titel: München 72
- Verlag: Gmeiner
- Umfang: 288 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: August 2026
- ISBN: 978-3-8392-8135-2
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Wertung: 11/15 dpt







