Heinz Strunk – Memories of Heidelberg (Buch)

Qualen einer Ehe

Bertram und Isolde wollen es noch einmal versuchen. Ihre Ehe ist schon länger angespannt, doch selbst zur Scheidung fehlt dem antriebslosen Bertram die Energie. Im Bett läuft nichts mehr, weswegen es kaum stört, dass er sich seit langer Zeit denkbar ungesund ernährt und streng auf die 120 Kilo zugeht. Eine Woche im Mai in Heidelberg, jener Stadt, die für den Inbegriff der deutschen Romantik steht, soll es richten. Allein, der Anlass ist der 80. Geburtstag von Erika, Isoldes Mutter, ein schlechtes Omen. Das ausgewählte Boutiquehotel für fünfhundert Euro die Nacht muss es da schon sein, doch bereits vor der Ankunft ziehen dunkle Wolken auf. Ab achtzehn Uhr sei die Rezeption nicht mehr besetzt, der Schlüssel kann auf der „Karolina“, einem früheren Fahrgastschiff auf dem Neckar, abgeholt werden. Dieses entpuppt sich zugleich als italienisches Restaurant. Immerhin.

Am nächsten Tag erfahren Bertram und Isolde, dass Erika ins Krankenhaus musste, die Feier fällt aus. Da könnte man ja gleich wieder zurückfahren, sich das teure Hotel sparen und daheim im Steakhaus in Oldenburg den Spezialteller mit acht Sorten Fleisch bestellen. Doch Erika will nach ihrer Mutter sehen, die vorzeitige Rückfahrt entfällt. Während sich in Bertram eine Art Endzeitstimmung ausbreitet, setzt Isolde auf bedingungslosen Optimismus und Fröhlichkeit, wenngleich es nur wenig zu lachen gibt. So auch auf der „Karolina“, wo jeden Abend der Service immer schlechter und man draußen in der Raucherecke platziert wird. Hier, genauer auf der Toilette des Schiffs, wird der Urlaub seinen finalen Höhepunkt erleben, dem eine Eskalation sondergleichen vorausgeht, welche in einem ebenso fulminanten Desaster endet.

Deutschland gefühlt am Abgrund. Wie im Leben so im Roman

In seinen Bestsellern „Der goldene Handschuh“ und „Ein Sommer in Niendorf“ widmete sich Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) dem menschlichen Bodensatz der Gesellschaft. Erst Fritz Honka, der Serien- und Frauenmörder, dann Dr. Georg Roth, der sich in Rekordzeit vom gutbürgerlichen Juristen zum Starktrinker wandelt und dabei nahezu jeglichen menschlichen Kontakt verliert.

„Trotzdem ist nie von Trennung die Rede gewesen. Er hat das Thema aus Gründen nie zur Sprache gebracht, sie aus anderen Gründen. Wie so viele unzulänglich verheiratete Paare bleiben sie jetzt in einer Art Totenstarre zusammen.“

In „Memories of Heidelberg“, bezugnehmend auf einen weithin in Vergessenheit geratenen Schlager von Peggy March aus dem Jahr 1967, widmet sich Strunk dem Innenleben einer Ehe, die keine mehr ist und orientiert sich dabei eng an Bertram, dessen Trägheit seine Frau schon lange nervt. Isolde wiederum neigt zur Rechthaberei, weswegen sie ihn wegen seiner Körperfülle, Essgewohnheiten und anderer Dingen stetig angeht. Es erscheint ein wenig wie die Stimmungslage im Land, wo gefühlt alles schlecht ist und immer schlechter wird, der Untergang kurz bevorsteht und man nicht weiß, wie man sich dagegenstemmen soll. Statt miteinander zu reden und Auswege zu suchen, verfällt man in eine Art von Agonie und ergibt sich seinem Schicksal.

„Der ganze Tag ist ein einziger Albtraum. Ein banaler, völlig grundlos über ihn hereingebrochener Albtraum. Wieso ist er nur so empfindlich, warum ohne jeden Anlass immer gleich am Boden zerstört? Und was ist denn eigentlich passiert? Objektiv betrachtet? Eben. Nichts.“

In dem schlanken Buch mit knapp 180 Seiten, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2026, geschieht in der Handlung wenig und dennoch besticht der Sprachvirtuose Strunk einmal mehr durch Kleinigkeiten, Situationen, in denen die Stimmung schnell kippen kann (wie sich hier vor allem im Restaurant zeigt). Zumindest, wenn man nicht vorsichtig ist oder einem alles egal ist. So wie Bertram. Also weiter mit Goudasticks, Chipstüten und was man sich sonst noch alles reinwerfen kann. Im Fall von Bertram wäre das Wort fressen zutreffend. Bleibt die Frage, ob das Fiasko am Ende des Romans vermeidbar gewesen wäre? Sprachlich klar, keine Gnade für irgendwen und wie bei Strunk (fast) immer ohne moralischen Zeigefinger erzählt.

  • Autor: Heinz Strunk
  • Titel: Memories of Heidelberg
  • Verlag: Rowohlt
  • Umfang: 176 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Juli 2026
  • ISBN:  978-3-498-00974-8
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share