Junger, erwachsener Mann mit schwarzem Hintergrund der zur Seite schaut. In goldener Schrift: "Zum Paradies". In türkiser Schrift: "Hanya Yanagihara".
© Ullstein

Hanya Yanagihara – Zum Paradies

Dieses Buch war für mich schwer zu lesen, da ich unbedingt von Anfang an jede Referenz und die Bedeutung der unterschiedlichen Handlungen verstehen wollte.

Ich wollte wissen, wieso die Figuren unbedingt so sein mussten, wie sie waren, welche Bedeutung die ständig wieder aufkommenden Namen hatten und wieso genau diese drei Epochen ausgewählt wurden.

Erst nach einer kleinen Weile ist mir aufgefallen, dass es in “Zum Paradies” nicht um diese Fragen geht, sondern das Buch ein großes Experiment ist.

“Zum Paradies” ist ein epochenübergreifender Roman von Hanya Yanagihara, der 2022 durch den Ullsteinverlag im Deutschen veröffentlicht wurde. Der Mittelpunkt dieses Buches sind unterschiedliche Varianten desselben Beziehungskonzeptes: Die Liebe zwischen zwei Männern.

Yanagihara beginnt mit der Idee, dass während der Kolonialisierung Amerikas ein Freistaat gegründet wurde, in dem homosexuelle Beziehungen offen ausgelebt und sogar arrangiert werden. So lernen wir unseren priviligierten Protagonisten David kennen, der sich zwischen der Liebe zweier gegensätzlicher Männer (einer wohlhabend, aber neureich und der andere gebildet, aber mittellos) für einen entscheiden muss, aber am meisten unter seinen “Unzulänglichkeiten” leidet, wegen derer er nie richtig selbstständig wurde. David war deswegen schon immer auf seinen wohlhabenden Großvater angewiesen, von dessen wohlhabenden und gesellschaftlichen Erbe er erdrückt wurde. Zum Schluss muss David sich für eine Beziehung entscheiden, in der Hoffnung, endlich den gesellschaftlichen Zwängen seines Erbes zu entfliehen und selbst Glückseligkeit erfahren zu können.

Der zweite Teil des Buches spielt zur Zeit der HIV- und Aids-Epidemie in New York, die unzählige queere Leben nahm.

Auch in dieser Geschichte spielt ein David, der lose Verbindungen zum ersten Teil hat, die Hauptrolle. Anders als unser erster Protagonist hat er sein Leben in die eigene Hand genommen und sich dazu entschieden seine Heimat – das ehemalige Königreich Hawai’i – zu verlassen, und seinem Erbe als Prinz von Hawai’i zu entfliehen. Wichtig für diese Geschichte ist seine Beziehung zu seinem Vater – der ebenfalls David heißt – dessen Perspektive wir Kapitelweise erleben. Auch der Vater leidet darunter, wie der erste David im ersten Teil nicht eigenständig lebensfähig zu sein, weswegen er sich von einem anderen Mann abhängig macht und schlussendlich in einer Pflegeanstalt verkümmerte. 

So knüpft die zweite Geschichte an die erste an – die Entscheidungen von Vater und Sohn zeigen die beiden Optionen und Resultate auf, die David im ersten Buch zur Wahl hatte und wie die jeweilige Entscheidung geendet haben könnten.

Der dritte und letzte Teil spielt in einer dystopischen Zukunft, in der Amerika zu einer autokratischen Technokratie verfällt, die Homosexualität verbietet. Grund dafür sind immer wieder neu aufkommende Epi- und Pandemien, die die amerikanische Bevölkerung immer weiter dezimieren. Dieses Mal erleben wir die Perspektive von Charlie, die ebenfalls lose Verbindungen mit den Figuren aus den vorherigen Teilen besitzt und nach der Behandlung für eine Virusinfektion mental eingeschränkt ist. Bald wird sie damit konfrontiert, dass ihr Mann sie mit einem anderen Mann betrügt.

Interessanterweise werden innerhalb der unterschiedlichen Teile immer wieder die gleichen Namen aufgegriffen – nur dass sie jedes Mal unterschiedliche Rollen spielen. Auch ähneln sich immer die Hintergründe der Figuren: Sie stammen meistens aus wohlhabenden Familien und konnten aus unterschiedlichen Gründen nie vollständig mündig werden könnten. Deswegen benötigen sie alle eine aufopferungsvolle Bezugsperson und eine Liebschaft, die ihnen Erlösung verspricht. Dabei besitzen die Familien lose Verbindungen zu Hawai’i und die Handlung spielt fast durchgehend in New York.

In alle Teilen wird auch nie gezeigt, ob die Figuren ihre ersehnte Erlösung erhalten. 

In jedem Teil wird experimentell das gleiche Beziehungskonstrukt verfolgt: Die homosexuelle Liebe zwischen zwei Männern und wie diese sich an die gesellschaftlichen Bedingungen anpasst. Mal brennen die Verliebten durch, mal wird eine stabile Partnerschaft gewählt, mal muss die Beziehung im Geheimen ausgelebt werden und der Partner muss an einer Krankheit sterben (ähnlich zu Zeit der HIV- und Aidsepidemie). Immer wieder wird hinterfragt, welche Bedeutung Erbe und Vermächtnis hat – gerade dann, wenn sie nicht den Erwartungen ihrer Familie gerecht werden konnten. Aber auch Ethnie und kulturelles Erbe spielen eine bedeutende Rolle, die ich kaum fassen konnte.

Yanagiharas Herangehensweise, die Geschichten zu erzählen, wirkt deswegen umso genialer und grausamer: Am Anfang sehen wir, was hätte sein können, wenn auch Homosexuelle uneingeschränkten Zugang zu allen Menschenrechte in Amerika hätten, nur um zusehen zu müssen, wie ihnen diese Rechte grausam entzogen werden.

Aber auch innerhalb der unterschiedlichen Teile erzählte Yanagihara die unterschiedlichen Geschichten mitreißend: Während sie meistens damit begann, die Umstände ihrer Figuren zu etablieren und zu zeigen, wie ihre Figuren ihr Umfeld wahrnehmen, begann sie schnell tiefere Schichten ihrer Figuren offenzulegen und ihre Schwächen, Bedürfnisse und Wünsche mit einer beeindruckenden Raffinesse und psychologischen Tiefe zu analysieren, die ich selten so erlebt habe. Diese Analysen waren dabei geschickt in die Handlung eingewoben und boten so auch einen tiefen Einblick in die Welt der Figuren, die die Figuren selbst maßgeblich beeinflusst hat. Dadurch musste Yanagihara nie Zeit mit Worldbuilding verschwenden, da das Worldbuilding stets mit dem Innenleben der Figuren in Verbindung stand.

Durch wechselnde Perspektiven innerhalb der unterschiedlichen Teile gelang es Yanagihara geschickt, die unterschiedlichen Facetten und Konsequenzen ihres Experiments offenzulegen.

Auch hat sie ihren Schreibstil teilweise an die unterschiedlichen Zeitabschnitte der Teile angepasst, wobei diese Vorgehensweise gerade in der Zukunft leider ausbleibt.

Außerdem ist es Yanagihara gelungen Sehnsucht und Verzweiflung so in ihren Schreibstil und die Handlung zu einzugliedern, dass selbst nach dem ich das Buch weggelegt habe ich mich so schwer gefühlt habe, dass ich selbst kaum aufstehen konnte.

Trotz der packenden Art, Geschichten zu erzählen, der psychologischen Tiefe der Figuren und Raffinesse, mit der Yanagihara ihr Experiment durchführte, hatte ich gerade im ersten Teil des Buches das Gefühl, dass sich die Geschichte zäh in die Länge zog. Das liegt aber auch daran, dass ein Teil der Handlung durch Briefe erzählt wurde, die entsprechend der Epoche nicht packend verfasst worden waren und mir zu Beginn noch nicht klar war, wie relevant viele nebensächliche Aspekte später werden würden. 

Auch ist “Zum Paradis” kein Buch, das man mal nebenbei liest – mit über achthundert Seiten und drei unterschiedlichen Teilen, die für sich genommen ein eigenes Buch sind – ähnelt dieses Buch einem Marathon. Auch ist dieses Buch durch den präzisen Schreibstil und die psychologischen Analysen sowie der ständigen Gesellschaftskritik keine leichte Unterhaltung.

Dennoch denke ich, dass dieses Buch die Ausdauer wert ist, die man braucht, um es zu lesen: Das Experiment zu den unterschiedlichen Beziehungskonstellationen ist absolut spannend und zeigt Facetten auf, die ich mir so vorher gar nicht vorstellen konnte und in einem anderen Kontext kaum hätte nachvollziehen können. Aber auch die Figuren selbst waren verdammt interessant, da sie zwar selten sympathisch oder für sich genommen interessant waren, aber so packend und einfühlsam beschrieben worden sind, dass ich nicht anders konnte als mitzufühlen oder Mitleid zu empfinden.

Gerade die Rolle von Erbe, Druck durch die Familie und das Sehnen nach Erlösung waren Themen, die ich selten aus so einer intimen und betroffen machenden Perspektive erlebt habe, die mich noch immer zum Nachdenken bringt.

Deswegen empfehle ich dieses Buch allen, die gerade Zeit für anspruchsvolle Lektüre haben und Interesse daran haben, unterschiedliche Beziehungsmodelle aus unterschiedlichen Perspektiven nachzuvollziehen. Gerade die Raffinesse, mit der Yanagihara ihre Figuren und gesellschaftliche Konstrukte analysiert werden, das, was mich am meisten beeindruckt hat.

  • Autor: Hanya Yanagihara
  • Titel: Zum Paradies
  • Originaltitel: To Paradise
  • Übersetzer: Stephan Kleiner
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 896
  • ISBN: 978-3546100519
  • Sprache: englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

 


Wertung: 13/15 dpt


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