Ulrike Guérot – Der neue Bürgerkrieg (Buch)

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Ulrike Guérot - Der neue Bürgerkrieg - Cover © UllsteinDer neue Bürgerkrieg – Wenn reparieren und wegwerfen nichts mehr hilft.

Es gibt Bücher, die sind so direkt an den Leser adressiert, dass sie wie Briefe wirken. So unmittelbar hat sich für den Rezensenten die Lektüre von Ulrike Guérots Streitschrift ‚Der neue Bürgerkrieg‘ angefühlt. Im Untertitel heißt das schmale Bändchen ‚Das offene Europa und seine Feinde‘. Das klingt alles sehr martialisch – und tatsächlich hat genau dies den Rezensenten zu Beginn erst befremdet und irritiert. Doch die Argumentationslinie Guérots zeigt dann ganz deutlich und unmissverständlich, worum es ihr geht. Nämlich um eine radikale, im Sinne des Wortursprungs, Neuordnung unserer gesellschaftlichen bzw. politischen Verfasstheit – hin zu einer Republik der Europäischen Staaten.

Um es gleich vorweg zu schreiben und klarzustellen: Dies ist ein Essay, eine Streitschrift. Dieses Genre verlangt erst mal keine wissenschaftliche Methodik – und so ist auch Guérots Analyse der nationalistischen Bewegungen in verschiedenen Ländern Europas und die Zersetzung demokratischer Elemente erfrischend polemisch und mit Verve geschrieben. Einige Befürchtungen hinsichtlich der Niederlande und Frankreichs haben sich zum Glück erst mal nicht bewahrheitet, doch es bleibt die Frage, wie sich die anti- oder zumindest undemokratischen Entwicklungen in Ungarn und Polen umkehren lassen. Diese Krise der Demokratie sowie das Erstarken nationalistischer Tendenzen ist für Ulrike Guérot – das Gute im Schlechten sehend – DER Wendepunkt, den wir als Gesellschaft und die Politiker nutzen sollten: Nicht mehr an den defizitär gewordenen und erlebten System herumdoktern, sondern gleich neu aufstellen – und zwar als Republik Europa. ‚Politics over nations‘, so lautet der Schlachtruf, accompagniert von Guérots Forderung nach einer Wahlrechtsgleichheit, nach der jede abgegebene Stimme gleich wert und gleichwertig ist.

Auf der analytischen Ebene ist das auch sehr gut nachvollziehbar. Es bleibt aber die vielleicht naiv klingende Frage: Wie für Europa begeistern? Talkshows mit Teilnehmern aus ganz Europa? Noch mehr Söders, die herumschwadronieren können und ungeprüft irgendwelche Zahlen aus dem Bauch herausposaunen können, ohne dass eine Redaktion oder Moderatorin dazwischen geht? Nein, da muss sich erst in den Redaktionen der Politshows etwas radikal ändern. Wo bleibt die Story, wenn die Historie es schon nicht schafft, mit der man sich identifizieren kann. Dass es prinzipiell möglich ist, das zeigen jüngste Zahlen von der Europäischen Kommission, wonach sich 68 % der Europäer sich als Europäer sehen. Und natürlich muss man sich fragen:

Welches nationale Interesse Deutschlands steht denn einem Interesse einer anderen Nation im Wege? Bei Lichte betrachtet: Keines.

Ulrike Guérot ist eine Stilistin, sie ist eine Kämpferin – zumindest lässt sich dies aus dieser Streitschrift sehr gut herauslesen. Der Verfasser dieser Zeilen folgt ihr gerne. Und doch bleibt der Zweifel. Er braucht diese Utopien – und er würde sie auch möglichst vielen verschreiben, wäre er ein Arzt. Es braucht diese Zukunftsvisionen, die eine Legislaturperiode einfach mal überschreiten. Vielleicht liegt die Hoffnung weniger auf ganz-europäischen Talkshows sondern eher auf Schüleraustauschen, Auslandsjahren – und eben der einstmals praktizierten Freizügigkeit. Doch wer will schon ein Jahr in Rumänien verbringen? Führt uns das wieder zurück ins Kerneuropa? Ist Europa zu groß geworden? Zu schnell? Liegt es an uns, dass wir die Reize Ungarns nicht begreifen können? Wer sagt ‚den anderen‘, was Europa besser kann als der nationalistische Status quo?

Liebe Frau Guérot – glauben Sie dem Autor dieser Besprechung – er würde mit Ihnen Pferde stehlen gehen, er ist naiv-idealistisch ein großer Verfechter Ihrer Europas-Vision, obwohl er in Bayern lebt. Wir brauchen mehr, weit mehr als 50% – Zweidrittelmehrheit als Zauberwort. Was aber – und hier wiederholt er sich gerne – was ist die Erzählung, die wir bieten können? Warum war es vielen – auch relevanten – Medien eine Meldung wert, dass knapp ein Drittel aller Bayern eine Loslösung von Deutschland wollten? Warum sprach man nicht von den knapp 70 %, – also eine satte Zweidrittelmehrheit – die das nicht wollen – und es werden ja auch immer mehr, die das nicht wollen? Warum spricht man nicht von den 68 % Europäer, die sich als solche fühlen? Da liegt auch in Sachen PR und in den Kampagnenempfänglichkeit einiger Medien – vielleicht ursächlich dort? – einiges im Argen oder positiv ausgedrückt: einiges Potenzial.

‚Der neue Bürgerkrieg‘, ausgerufen, diagnostiziert und analysiert von Ulrike Guérot, sei wirklich jedem politisch denkenden Menschen empfohlen. Ganz egal, ob man die Positionen Ulrike Guérots einnehmen möchte, oder nicht; ganz gleich, ob man sich für höchst-rationalistisch, aufgeklärt oder in seiner politischen Meinung gefestigt sieht – dieses Plädoyer für Europa lädt dazu ein, Stellung zu beziehen. Und das scheint dem Rezensenten das größte Verdienst dieser nicht einmal 100 Seiten umfassenden Streitschrift zu sein. Ganz nebenbei bemerkt: Wen diese Streitschrift neugierig gemacht hat, der darf gut und gerne einen Blick in Guérots ausführlichere Publikation ‚Warum Europa eine Republik werden muss‘ werden.

Cover © Ullstein Verlag

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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