Ein ungelöster Kriminalfall der britischen Eisenbahngeschichte

Zum Jahreswechsel 1896/97 heiratete Frederick Greenland seine Louisa im Upwey House in Dorset, ein Ereignis, das nicht von Todesfällen frei blieb. Wenige Tage später im Januar erhält der zum Superintendent beförderte Donald Sutherland Swanson eine geheimnisvolle Nachricht, die womöglich von Ihrer Majestät Königin Victoria persönlich stammt. Allerdings wurde sie in einem Pub hinterlegt. Auf der kurzen Notiz gibt es den Hinweis „Waterloo.19.42 Uhr“ und die Zahl „13“. Im Verlauf des Abends klärt sich die Meldung auf, denn der für 19.42 Uhr in Waterloo geplante Zug aus Hounslow lüftet nach rund einer dreiviertel Stunde Verspätung sein grausames Geheimnis. Ein Abteil ist voller Blut, die dreiunddreißig Jahre alte Elisabeth Annie Camp liegt darin erschlagen und wird von ihrem Verlobten Edward Berry in Anwesenheit des Polizeiarztes identifiziert.
Swanson und seine Mitarbeiter Sergeant Phelps und Constable Wensley übernehmen den Fall an der Seite der Bahnpolizei. Für die ordentliche Verspätung sorgte eine auf der Strecke gezogene Notbremse, zudem fehlt nach Ankunft des Zuges von einem der beiden Schaffner jede Spur. Camp betrieb erfolgreich ein Pub, wo sie von einem Gast wiederholt bedrängt wurde. Auch ihre beiden Schwäger scheinen verdächtig. Einer ist als Gewalttäter bekannt, dem anderen der Tod von Elisabeth auffallend gleichgültig. Sein Interesse gilt der zu erwartenden Erbschaft.
„Homöopath. Das ist was gänzlich anderes als ein Arzt.“
„Nun, die Tätigkeiten ähneln sich, soweit ich weiß. Beide verschreiben Pillen. Aber der eine hat einen Universitätsabschluss, der andere nicht. Sie sind der ohne Abschluss, habe ich recht?“
Die Ermittlungen gestalten sich mühsam. Phelps und Wensley müssen in der Nacht mit einer Draisine die Strecke von Waterloo nach Hounslow abfahren, um die Tatwaffe zu suchen. Vermutlich war der Mörder für die Notbremsung verantwortlich und entledigte sich der Waffe, denn in dem Zugabteil befindet sie sich nicht. Es geht kaum voran, doch dann wird Swanson von Königin Victoria persönlich um Hilfe gebeten.
„Bis Sie es zum Sergeant gebracht haben, wird man Sie herumschubsen, Sie beleidigen, bedrohen und Ihnen auch mal eins über die Rübe geben. Und das sind nur die Vorgesetzten.“
13. Fall für Inspector Swanson
„Inspector Swanson und der Todesengel“ grenzt umgehend und kongenial an den Vorgänger an. Dabei ist die Swanson-Reihe inzwischen so zuverlässig wie das Weihnachtsfest. Jedes Jahr erscheint im Herbst ein neuer Band, der vorliegende ist bereits der dreizehnte Fall und orientiert sich dabei an dem Mord an Elisabeth Camp, einem der bekanntesten und zugleich ungelösten Kriminalfälle der britischen Eisenbahngeschichte. Robert Marley hat sich des historischen Stoffes angenommen und dabei unterstellt, dass Swanson wohl an den damaligen Ermittlungen beteiligt gewesen wäre. Dazu habe er sich „skrupellos wie immer, zahlreiche Freiheiten genommen“ und heraus kommt ein kurzweiliges Krimivergnügen im Stile eins Landhaus-Krimis oder Cosy, der eine Lösung aufzeigt. So könnte es gewesen sein oder auch nicht, was aber der Lektüre keinen Abbruch verschafft.
Für Fans der Serie dürfte ohnehin das Wiedersehen mit ihren kleinen und großen Helden wichtiger sein. Und so sind sie wieder alle am Start, nicht wenige schon seit Serienbeginn dabei. Swanson, Phelps und Wensley ebenso wie Penwood, Evans und Stedman auf Seiten der Polizei. Fehlen dürfen keinesfalls die Herren Greenland und Dale, wobei überraschend die Frauen, insbesondere Annie und Louisa (die Ehefrauen von Swanson und Greenland) so gut wie gar nicht mitwirken. Gleiches gilt für den früheren Straßenjungen Badger, der in den ersten Romanen für eine seitenfüllende Side-Story um seine eigene Herkunft verantwortlich war. Dafür tritt, wenn die Erinnerung des Rezensenten nicht trügt, erstmals Ihre Majestät Königin Victoria persönlich auf, die sich Sorgen um ihren engen Vertrauten Abdul Karim (1863-1909) macht, der ansonsten reichlich Feinde in der Königsfamilie hat. Immerhin, noch steht er unter dem Schutz der Kaiserin von Indien, mehrere Sikhs sind für seine Unversehrtheit verantwortlich.
Wer einen ruhigen, gemütlichen Cosy mag, der greift gerne erneut bei Swanson zu. Der vorliegende dreizehnte Fall, in dem die Zahl dreizehn eine besondere Bedeutung erlangt – sie findet sich unter anderem auf einem Holzbohlen des Zugabteilfensters wieder, geschrieben mit dem Blut des Opfers – ist keineswegs ein (literarisches) Unglück. Er sorgt im Gegenteil schon für Vorfreude auf Band 14.
- Autor: Robert C. Marley
- Titel: Inspector Swanson und der Todesengel
- Verlag: Dryas
- Umfang: 300 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: September 2025
- ISBN: 978-3-98672-110-7
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Wertung: 12/15 dpt







