Abschluss der Highway-59-Trilogie

Ranger Darren Mathews hat seinen Kampf gegen die Aryan Brotherhood of Texas aufgegeben, denn im Jahr 2019 ist der Rassismus unter Präsident Trump weiter ausgebrochen. Weg war er ohnehin nie, doch jetzt sitzen dessen Vorkämpfer an der Macht. Bezirksstaatsanwalt Frank Vaughn will im Strom der MAGA-Bewegung nach oben, nächstes Jahr in den Kongress, da kommt ein Feldzug gegen einen linken Störer bei den Rangern wie gerufen. Er will Darren endlich vor einer Grand Jury sehen, will den Mord an Ronnie Malvo neu aufrollen. Als Beweisstück dient die Tatwaffe, die einst Darrens Mutter Bell der Staatsanwaltschaft von San Jacinto County hat zukommen lassen.
Ein Prozess und viele Jahre Haft drohen, aber immerhin kann er sich auf seine Freundin Randie verlassen, nachdem er vor Jahren den Mord an deren Mann aufklären konnte. Die zuständigen Behörden waren weniger hilfsbereit. Darren gibt seinen Stern als Ranger und damit viel Machtpotential ab, er ist mit dem System durch und verbringt die meiste Zeit mit seinem besten Freund Jim Beam. Und dann steht nach drei Jahren Funkstille ausgerechnet Bell in seinem Haus.
Das war doch verrückt, dachte er, dieses Herumgefuchtel mit Waffen, wobei seine eigene Hand nach dem Colt .45 an seiner Seite zuckte. Bis ihm einfiel, dass er ohne Dienstmarke nicht das Recht hatte, sich auf dem Privatgrund anderer Leute aufzuhalten. Laut texanischem Recht durfte der junge Mann ihn erschießen, wenn er sich bedroht fühlte.
Bell putzt an der Nacogdoches University, wo ihr ein schwarzes Mädchen aufgefallen war, da sie das einzige Mitglied in einer nur für weiße Studentinnen zugelassenen Verbindung namens Rho Beta Zeta ist. Sie hat sie schon einige Tage nicht mehr gesehen, stattdessen Kleidung und private Sachen von ihr in einem Müllcontainer entdeckt. Sie bittet ihren Sohn nach dem Mädchen zu suchen, da sie sich Sorgen mache, doch davon will Darren nichts wissen. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist seit jeher zerrüttet, zudem sei sie eine notorische Lügnerin. Randie bittet ihn ebenfalls, sich zumindest mal umzuhören, wodurch es zu einem erbitterten Streit kommt.
Darren erkennt nach einem brutalen Alkoholabsturz, dass es so nicht weitergeht, will um Randie kämpfen und beginnt daher Fragen zu stellen. Das Mädchen heißt Sera Fuller und ist nach Angaben anderer Studentinnen aus dem Wohnheim ausgezogen. Laut ihrem Vater Joseph wohnt sie aber noch an der Uni. Darren kommt nicht voran, da präsentiert ihm Rey, der gleichaltrige Nachbar der neunzehnjährigen Sera, ein T-Shirt mit Blutflecken, welches Sera gehörte.
Abrechnung mit dem Rassismus unter Trump
Nach „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“ führt uns Attica Locke in ihrem dritten und letzten Teil der Highway-59-Trilogie in die älteste Stadt Texas. Es geht nach Nacogdoches, gegründet 1716, wo rund dreißigtausend Menschen leben, darunter Bell mit ihrem Bruder Pete. Aushängeschild ist unter anderem die Universität, benannt nach Stephen F. Austin. Es geht sehr amerikanisch zu in „Guide Me Home“, wo Texas zum zweiten Protagonisten wird. Seit jeher grassiert hier Rassismus in allen Formen, in der ersten Präsidentschaft von Trump wird es nicht besser. Die Auswirkungen für Schwarze sind offenkundig, Attica Locke prangert sie ausführlich an und macht sie an dem Beispiel Obamacare greifbar, dass längst nicht für alle armen Schwarze die gewünschte Versorgung schafft.
Sicher zehn Sekunden lang dachte Darren, er leide unter Halluzinationen. Joseph Fuller war Trump-Unterstützer? Das war ungefähr so, als würde ein Schwein selbst zum Schlachthof fahren. Und vorher noch den Tank vollmachen.
Im Zentrum des Krimiplots steht neben Nacogdoches die Kleinstadt Thornhill, in der man sich um alles kümmert. Eine Fabrik zur Tierverarbeitung sorgt für Arbeitsplätze, die teils abgeriegelte Stadt sorgt für medizinische Versorgung. Für Menschen wie die Familie Fuller, die zuvor zeitweise obdachlos war, ein Traum. Nur warum reagieren die Eltern so widersprüchlich auf Darrens Frage, wo sich ihre Tochter befindet? Dass er von offizieller Seite behindert wird, daran ist er gewöhnt. Selbst sein bisheriger Chef Wilson rät ihm dringend, sich aus dem Fall rauszuhalten. Doch gibt es überhaupt einen Fall? Diese Frage trägt den Spannungsbogen und wird erst spät beantwortet. Bis dahin bleibt viel Zeit für Kritik am amerikanischen Staat und seinen Institutionen, von denen Nicht-Weiße benachteiligt werden. Attica Locke ist eine der kraftvollsten Stimmen der Gegenwartsliteratur hinsichtlich dieser Materie.
Mehr Familiendrama denn Kriminalroman
Allerdings darf die Frage erlaubt sein, was ein Kriminalroman eigentlich ist? Ulrich Noller, Krimi-Experte des WDR, macht diese Frage zum Gegenstand seines lesenswerten Nachwortes und zitiert dabei den Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche (u.a. für Suhrkamp tätig): „Ein Krimi ist das, was ich gerade lese und für einen Krimi halte.“ Sagen wir es lieber so: Attica Locke nutzt die Grenzen des Genres bis zum Äußersten aus, denn eigentlich ist „Führe mich Heim“ weitgehend ein Familiendrama, welches kraftvoll erzählt wird. Darrens Lebenslauf, der auf etlichen Lügen basiert, wird im finalen Teil der Trilogie endlich aufgeklärt und nimmt einen nicht unerheblichen Teil des Buchumfangs in Anspruch. Ja, man kann den Roman selbständig lesen, es ist aber sehr zu empfehlen, die beiden Vorgänger und somit die drei Romane in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Es verbessert das Verständnis jenseits des Krimiplots ungemein.
Im Lauf der letzten Jahre, in denen Amerika von Wahnsinn befallen mit faschistischen und dystopischen Ideen gespielt hatte, die sich als Rückkehr zu besseren Zeiten tarnten, als Nostalgie, die im Kern ein langsamer, nach Magnolien duftender Tod war, war er feist geworden, hatte sich fett gefressen.
„Führe mich Heim“ ist ein vielschichtiger Roman. Ein Krimi, mit einer Ermittlung in einem möglichen Verbrechen, eine Klageschrift gegen ein aus den Fugen geratenes Land sowie ein emotionales Familiendrama. Mehr Widersprüche als in diesem Roman wird man selten finden. Ein Schwarzer als Texas Ranger? Damit fängt es schon an.
- Autorin: Attica Locke
- Titel: Führe mich Heim
- Originaltitel: Guide Me Home. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf
- Verlag: Polar
- Umfang: 360 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: September 2026
- ISBN: 978-3-910918-56-6
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Wertung: 12/15 dpt







