Attica Locke – Bluebird, Bluebird (Buch)

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Das nächste „Rassending“ – großartig erzählt

Darren Mathews hätte eine vermutlich große Karriere als Anwalt offen gestanden, stattdessen arbeitet er zum Verdruss seiner Ehefrau als Cop. Statt einem Bürojob mit halbwegs geregelten Arbeitszeiten ist er als Texas Ranger auf den Highways unterwegs und muss mitunter seine Knochen hinhalten. Wir schreiben das Jahr 2016, Obama ist der erste schwarze Präsident der USA, aber in Osttexas scheint man davon weit entfernt. Ganz im Gegenteil, die Arische Bruderschaft von Texas, kurz ABT, ist hier aktiv wie Darren bald erfahren muss.

Es handelt sich um einen Fall von Ertrinken, der keiner ist, so viel kann ich Ihnen verraten.“

Wegen eines halb-familiären, durchaus fragwürdigen Einsatzes tagt demnächst eine Grand Jury, in dem auch zur Entscheidung ansteht, ob Darren seinen Job behalten darf. Zunächst ist er vom Dienst suspendiert, wird aber von einem befreundeten FBI-Agenten gebeten, sich zwei Fälle in dem kleinen Ort Lark im Shelby County anzusehen. Keine zweihundert Einwohner zählt das Kaff, doch zwei Tote binnen weniger Tage wecken Aufmerksamkeit. Zumindest außerhalb von Lark, wo sich die Einheimischen nicht gerne reinreden lassen. Das erste Opfer, ein 35-jähriger Schwarzer namens Michael Wright, wurde tot im Attoyac Bayou aufgefunden. Offiziell ist er ertrunken, zahlreiche Verletzungen deuten jedoch auf ein mögliches Kapitalverbrechen hin, aber Parker van Horn, der örtliche Sheriff, wird erst aktiv als das zweite Opfer, die zwanzigjährige Missy Dale ermordet aufgefunden wird. Darren vermutet zwei Mordfälle mit rassistischem Hintergrund und erhält wiederwillig Unterstützung von seinem Chef, Lieutenant Wilson. Dieser will sich nicht vorwerfen lassen, keine Ermittlungen durchgeführt zu haben, nur weil das Opfer ein Schwarzer ist.

„Wer hat je von einem schwarzen Serienmörder gehört?“„Sie glauben also, der Mörder ist schwarz?“
„Glauben Sie das etwa nicht?“
„Ein weißes Mädchen wird einen Steinwurf vom schwärzesten Ort in Shelby County angeschwemmt. Was denken Sie also?“
„Ich denke, das erklärt, weshalb der Sheriff sofort hier war.“
„Das Mädchen ist von hier, Wendy. Das ist was anderes.“
„Das Mädchen ist weiß. Deshalb ist es was anderes.“

Darren darf also zunächst seinen Ranger-Stern behalten und trifft auf Randie Winston, die Witwe von Michael Wright, die recht forsch eine Überführung des Täters erwartet. Dabei übersieht sie jedoch, dass die Macht in Lark von einem Mann namens Wally ausgeht sowie von einigen Weißen, die sich offen zur ABT bekennen. Für „Nigger“ wie Randie und Darren keine guten Aussichten …

Obama ist Präsident, der Rassismus lebt

Das kleine Nest Lark ist kein schöner Ort. Eine Viertelmeile trennen das Café „Genevas Sweet`s Sweet“, lokaler Treffpunkt der schwarzen Einheimischen, von dem „Eishaus“, einer Kneipe für Weiße, in der zahlreiche Konföderiertenflaggen die Wände zieren. Immer wieder kommt es zu teils gewalttätigen Provokationen und so gerät bald Keith Dale, der Ehemann von Missy, in Darrens Visier. Gerade aus der Haft wegen Drogenbesitz entlassen, zeigt sich Keith offen rassistisch; seine Ehe mit Missy war alles andere als perfekt. Könnte es sein, dass Missy und Wright eine kurze Liaison hatten? Schließlich wurden sie am letzten Abend im Leben von Wright gemeinsam im Café gesehen. Oder war der Mord an Wright eine Initiation für ein neues Mitglied der ABT?

„Ich kann Leute nicht ausstehen, die hierherkommen, an einen Ort, wo wir schon gelebt haben, als Sie noch aufs Töpfchen gegangen sind, einen Ort, den Sie nicht verstehen, und glauben, alles besser zu wissen.“

Attica Locke erzählt in ihrem preisgekrönten Roman „Bluebird, Bluebird“, dessen Titel einem Song von Lightnin‘ Hopkins entspricht (nicht zu verwechseln mit „Bluebird“ von John Lee Hooker), auffallend ruhig. Gerade dadurch wirken die bedrohlichen Szenen noch intensiver, die von den Weißen ausgehende latente Gefahr für alle Schwarzen in Lark ist so stets präsent. Was zunächst wie ein weiterer Krimi mit rassistischen Motiven wirkt, entpuppt sich im Verlauf der Handlung zunehmend zu einem vertrackten Liebes- und Familiendrama, denn die Hauptfiguren in Lark stehen sich, ungeachtet ihrer Hautfarben, näher als gedacht. Nach und nach wird das ganze Drama sichtbar, bis es zu einer nur teilweise erwartbaren Auflösung kommt. Am Ende platziert Attica Locke zudem noch eine kleine „Bombe“, die zu einer gedanklichen Beschäftigung zum Thema „Moral“, auch über den Roman hinausgehend, einlädt.

Der Mix aus Kriminalroman, Liebesdrama und Rassismuskritik ist stimmig. Zudem beherrscht immer wieder der Blues die Erzählung, denn welche Musik wäre bei diesem Setting passender? Somit bietet das Buch eine gute Gelegenheit, nach Ende der Lektüre die alten Werke von den Größen ihres Fachs (Lightnin‘ Hopkins, John Lee Hooker, Muddy Waters und wie sie alle heißen) aufzulegen. Zudem kann man sich einmal mehr mit den großen Themen Liebe und Heimat auseinandersetzen.

Cover © polar Verlag

  • Autor: Attica Locke
  • Titel: Bluebird, Bluebird
  • Originaltitel: Bluebird, Bluebird
  • Übersetzer: Susanna Mende
  • Verlag: polar Verlag
  • Erschienen: 10/2018
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 329
  • ISBN: 978-3-945133-71-2
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Attica Locke – Bluebird, Bluebird (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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