Ian Bray – Moornacht (Buch)

Packender Serienstart

Moornacht
© Penguin

Es hat lange gedauert, aber jetzt liegt die Entscheidung aus Scarborough vor, dass der personellen Verstärkung im kleinen CID Whitby nichts mehr entgegensteht. DCI George Bolton leitet dort die Police Station Spring Hill, wo der leicht verschrobene Toby Waters sein einziger Detective Sergeant ist. Nun also ein zweiter Kollege, endlich, doch DS Sam Fox entpuppt sich als Samantha Fox, eine Frau, die freiwillig aus Nottingham wechselte. Aber warum? Ein Blick in die Personalakte bestätigt Boltons Befürchtungen, Fox gilt zwar als gute Polizistin, aber auch als extrem unangepasst. Teamplay ist für sie ein Fremdwort ebenso wie die Einhaltung von Vorschriften.

„Du hast eine andere Meinung?“

„Die spielt doch keine Rolle, ist ja auch nicht gewollt, oder?“

Zeit zur Eingewöhnung gibt es nicht, denn am ersten Arbeitstag von Fox wartet bereits die erste Leiche, besser gesagt deren Überreste. Ein Mann wurde im Fylingdales Moor verbrannt, unweit einer Radarstation der Royal Air Force, die für das amerikanische Frühwarnsystem zur Raketenabwehr wichtig ist. Waters, der aushilfsweise einer Betrugsbeschwerde über manipulierte Spielautomaten im Hafengelände nachging, erfährt, dass dort Gordon Smith, Chef der betroffenen Spielhalle, vermisst wird. Auch dessen Tante Dorothy Sayers hat ihn schon seit Tagen nicht mehr gesehen.

Smith ist der Tote, der erstochen und anschließend verbrannt wurde. Verdächtig ist zunächst dessen Ehemann Constantine, da man sich über einen Verkauf an die Chinesen, die einen Teil des Betriebs übernehmen wollten, nicht einig war. Wenig später erfährt Fox zufällig von einer jungen Frau namens Cynthia Parker, dass deren damaliger Freund Gregg Shaw vor fünf Jahren nicht unweit des aktuellen Tatorts gefunden wurde. Angeblich stürzte er zu Tode, obwohl er die Gegend bestens kannte. Laut Cynthia war der aktive Tierschützer einem großen Skandal über Schafzucht und Gammelfleisch auf der Spur. Diese führt zu dem Politiker William Rattler, der kurz vor der Wahl ins Britische Unterhaus steht.

Während Bolton und Fox immer wieder aneinandergeraten, da sich der DCI nicht mit den Alleingängen seiner Kollegin arrangieren kann und will, stellt sich für Fox vor allem eine Frage: Gibt es einen oder zwei Mordfälle? Es zeigt sich, dass es in der Stadtgesellschaft von Whitby einige Geheimnisse gibt.

Neuer (deutscher) Krimi-Hotspot Yorkshire

Whitby ist ein kleines, wenngleich bekanntes Küstenstädtchen an der Nordseeküste von North Yorkshire. Bram Stoker ließ sich hier einst zu „Dracula“ inspirieren und die Karriere des bekannten Seefahrers James Cook nahm hier ihren Anfang, wovon man sich im Captain Cook Memorial Museum überzeugen kann. Schaut man auf die Landkarte, so liegt Whitby oberhalb von Scarborough, eine Stadt die deutschen Krimifans bestens bekannt sein dürfte. Dort spielen die Kate-Linville-Krimis von Charlotte Link, deren sechster Band „Kalte Tage“ gerade erschienen ist.

Ian Bray alias Arnold Küsters, zuletzt erfolgreich mit seiner in Cornwall spielenden Simon-Jenkins-Reihe (Klippentod, -grab, -rache und Klippensturm) startet mit dem vorliegenden Roman eine neue Serie, die sogenannte North York-Moor-Reihe, die mit „Moorjagd“ im März 2027 ihre Fortsetzung finden wird. Dabei bleibt der Autor (oder ist es der Verlag?) seiner Linie bezüglich „origineller“ Buchtitel treu. Immerhin, aus Marketinggründen ist es nachvollziehbar. Wäre zudem noch auf die doppeldeutigen Namen Samantha Fox („Touch Me“) und Dorothy Sayers (das „L.“ müssen Krimifans zwangsläufig mitdenken“) hinzuweisen.

Whitby bildet die schillernde Hintergrundkulisse, die vor allem durch den Hafen belebt wird. Die Geräusche, eher der Lärm der Spielhallen sowie etliche Chippies, also „Fish and Chips“-Buden, prägen das Bild. Daneben gibt es noch das „Love Planet“ sowie eine Thai-Massage-Salon, zwei Etablissements, in denen Bolton regelmäßig zu finden ist. Ja, auch er hat seine Geheimnisse. Derweil warten zuhause seine Frau und seine an Trisomie 21 leidende dreizehnjährige Tochter. Auf Fox, die noch in der Jugendherberge ein Zimmer belegt, wartet niemand, was der Einzelgängerin entgegenkommt. Es ist ihrer Vergangenheit geschuldet, die alles andere als einfach verlief. Zum Ausgleich besucht Fox abends das örtliche Pub, wo sie nicht nur reichlich Alkohol konsumiert, sondern gelegentlich bei Live-Sessions am Schlagzeug aushilft. Und dann ist da noch der Dritte im Bunde: DS Waters. Pflichtgetreu und damit genau Boltons Mann, wäre er nicht so schwerfällig, lebt vor allem für seine zahlreichen Sukkulenten und die Glocken der Kathedrale in York, wo er sich gerade als Glöckner beworben hat.

Der Fall selbst besteht aus zwei Fällen: Dem aktuellen Mord an Gordon Smith und dem zu den Akten gelegten Unfall des Gregg Shaw. Dass die beiden Fälle womöglich zusammenhängen, dürfte Krimilesern ebenso wie Fox früh in den Sinn kommen. Verdächtige gibt es einige, hinzukommen verstörende Einblicke in die Schafzucht vor Ort sowie die rücksichtslosen Machenschaften des Politikers Rattler. Ein vielschichtiger, spannender Mix mit starkem „englischen Einschlag“, dem Handlungsort geschuldet, was sich auch mit unzähligen Bechern Tee bemerkbar macht. „Moornacht“ ist ein unterhaltsamer Serienstart, der Vorfreude auf die Fortsetzung macht.

  • Autor: Ian Bray, Arnold Küsters
  • Titel: Moornacht
  • Verlag: Penguin
  • Umfang: 464 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Januar 2026
  • ISBN:   978-3-328-11241-9
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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