Anna Tell – Vier Tage in Kabul (Buch)

Zwei schwedische Diplomaten verschwinden in Kabul

August 2014. Amanda Lund, Kriminalkommissarin und beste Verhandlungsführerin der schwedischen Reichskripo, soll eigentlich eine internationale Einsatztruppe in Nordafghanistan mit aufbauen und dem afghanischen Truppenkommandanten als Beraterin in Mazar-e Scharif zur Seite stehen. Doch dann schickt sie ihr Chef Bill Ekman, stellvertretender Leiter der Auslandseinsatzkräfte, zurück nach Kabul, da aus der dortigen Botschaft zwei Diplomaten verschwanden. Zusätzliche Ressourcen hat das Außenministerium aktuell nicht, Amanda ist auf sich allein gestellt. Aber was ist passiert? Wurden die beiden Diplomaten entführt oder sind sie unter den Opfern eines schweren Bombenanschlags der Taliban zu finden, der zweiunddreißig Tote forderte? Der Fall gilt als geheime Verschlusssache, einziger Ansprechpartner ist der schwedische Botschafter Sven Leijonhufvud, der sich wenig kooperativ zeigt. Als Amanda einen Moment allein in dessen Büro sitzt, entdeckt sie im Drucker eine Lösegeldforderung über zehn Millionen US-Dollar, allerdings ohne weitere Angaben. Warum verschweigt der Botschafter dies?

„Diese Entführungsgeschichte ist wirklich merkwürdig. Eine Lösegeldforderung, aber keine Instruktionen, wie die Übergabe erfolgen soll. Wir haben unsere beste Verhandlungsführerin vor Ort – aber niemanden, mit dem wir verhandeln können.“

Derweil wird in Stockholm die Leiche eines Mannes in einem Gebüsch neben einer Bar für Homosexuelle gefunden. Polizeihauptmeister Oskar Karlsson arbeitet jedoch mehr als schlampig und so stellt sich erst später heraus, dass der Tote ein Mitarbeiter des Außenministeriums ist, der erst kürzlich aus Afghanistan zurückkehrte. Ekman versucht von Stockholm aus, Amanda zu unterstützen und erkennt, dass die Entführung der Diplomaten und der Mord in Stockholm anscheinend zusammenhängen. Nur wie? Offensichtlich spielen ein pikantes Foto und eine größere Menge Heroin, die nach Schweden geliefert werden sollte, eine wichtige Rolle. Die Hintergründe bleiben weiter unklar, da wird ein Anschlag auf Sven, den Botschafter, verübt, der sich immer seltsamer verhält.

Rasanter Serienstart für Amanda Lund

Anna Tell arbeitete als Kriminalkommissarin über zwanzig Jahre für die Polizei und das Militär in Schweden und war auch im Ausland im Einsatz. Es gilt, der viel zitierte Satz, der sich im Buchinnenrücken befindet: „Die Autorin weiß, worüber sie schreibt.“ Dabei ist der vorliegende Band „Vier Tage in Kabul“ der Auftakt der Amanda-Lund-Serie, der im Original bereits 2017 erschienen ist. Der zweite Band „Nächte des Zorns“ erschien in Deutschland 2020.

„Mach dir keine Sorgen, Bill. Einen sicheren Ort als das ISAF-Hauptquartier gibt es aktuell nicht.“

„Ja, aber es ist die Wegstrecke dahin, die mich beunruhigt.“

Der Roman startet mit einer eindringlichen Actionsequenz, wo sich eine afghanische Einheit ein Gefecht in Dolatabad liefert. Danach geht es für Amanda wie erwähnt zurück nach Kabul und es entwickelt sich eine undurchsichtige Geschichte, die der Protagonistin einiges abverlangt. Gerade die Actionszenen sind beeindruckend, aber auch der Plot insgesamt ist stimmig und sorgt für viel Atmosphäre. Dazu tragen einerseits der Handlungsort Kabul sowie die bildgewaltige Kulisse Afghanistans bei, in der nicht zuletzt die Unterschiede zur westlichen Welt deutlich werden. Man sollte aber beachten, dass die Handlung 2014, also vor über zehn Jahren spielt und sich seitdem die Verhältnisse im Land verändert haben. Zum anderen überrascht der Plot, da hier nicht ein hirnloses Dauergefecht, beispielsweise eines US-Super-Soldaten gegen unzählige Taliban, stattfindet. Anders als in vergleichbaren Romanen nicht unüblich, spielen amerikanische oder russische Geheimdienste keine Rolle; stattdessen der schwedische Geheimdienst FRA und die afghanischen Sicherheitsbehörden bis hin zum Innenminister.

Nach dreizehn Jahren Krieg und Wiederaufbau waren die Botschaften der westlichen Staaten noch immer von Mauern und Stacheldraht umgeben. So viele Soldaten aus aller Welt waren gekommen und wieder gegangen; einzig Schweden hatte im Laufe der Jahre rund zehntausend Soldaten vor Ort stationiert.

Die Geschichte spielt abwechselnd in Kabul und Stockholm, ist rasant erzählt und bleibt lange offen, was den Spannungsbogen beständig hochhält. In der zweiten Buchhälfte kommen dann verstärkt Actionfans auf ihre Kosten, wobei es hauptsächlich um versuchte Geiselbefreiungen geht. Die Rolle des Botschafters nimmt eine besondere Rolle ein und nicht zuletzt sind die Lagebesprechungen in Rosenbad, dem Sitz der schwedischen Regierung, beachtenswert. Hochrangige Vertreter des Innen- und Außenministeriums beraten über die Lage in Kabul vor allem unter dem Aspekt, wie man diese aus den Medien heraushalten kann. Schließlich kommt in wenigen Wochen der afghanische Präsident zu Besuch, da sind diplomatische Verstimmungen zwingend zu vermeiden. Wie sich ein Staatssekretär und andere karriereorientierte Wichtigtuer in ihrer Politblase bewegen, ist ebenso unterhaltsam wie bestürzend zu lesen. Arrogant, die Realität ignorierend, beharrt man auf der eigenen Meinung bei gleichzeitigem Bemühen, sich jeglicher Verantwortung zu entziehen. Beispielsweise hinsichtlich des (Über-)Lebens der beiden vermissten Diplomaten. Dabei drängt die Zeit, denn von der bewährten Zusammenarbeit afghanischer und schwedischer Sicherheitskräfte kann plötzlich keine Rede mehr sein.

Wenngleich die genreüblichen Zutaten verwendet werden, ragt „Vier Tage in Kabul“ aus der Masse deutlich sichtbar heraus. Anna Tell hat einen packenden Schreibstil, der eine vielschichtige Story mit temporeicher Action gekonnt kombiniert. Lesenswert!

  • Autorin: Anna Tell
  • Titel: Vier Tage in Kabul
  • Originaltitel: Fyra dagar i Kabul. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann
  • Verlag: Rowohlt Polaris
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: August 2018
  • ISBN:   978-3-644-40312-3
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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