Moa Herngren – Geschwister (Buch)

In jeder Familie gibt es Befindlichkeiten, Zu- und Abneigung, vergrabene Streitigkeiten, die vor sich hinbrodeln – und vieles wird eigentlich nie direkt angesprochen. Es sei denn, zu wirklich emotionalen Gegebenheiten, bei denen vielleicht die Haut etwas dünner als sonst ist. Moa Herngren hat sich dafür den Tod des Familienvaters ausgesucht und legt den Finger konstant in die Wunden der Familie Edman. Genauer gesagt: in die Wunden der Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus. Als der Vater stirbt, ist es Andrea, die den geliebten Vater am stärksten vermisst. Die ältere Schwester Ulrika scheint sich hingegen mit der Mutter bestens zu verstehen, während Nesthäkchen Rasmus blass und ungeschickt versucht, sich aus allem herauszuhalten.

Moa Herngren richtet ihre Aufmerksamkeit nacheinander auf jedes einzelne der Edman-Kinder. Und Vorsicht: Jedes Mal, wenn man gerade tiefes Verständnis für eine Perspektive empfindet, stellt man bei der nächsten Perspektive fest, dass die Realität für jedes Kind eine andere ist – und es keine einzige Wahrheit gibt. Dabei schildert die Autorin einfach nur die unspektakulären Dinge des Alltags: Wer organisiert die Beerdigung des Vaters? Wie feiert man das erste Weihnachtsfest nach seinem Tod? Und warum ist die Porzellanplatte mit den kleinen Rosen nicht mehr im Küchenschrank der Mutter? Andrea kümmert sich um alles, Ulrika ist unzuverlässig wie immer, und Rasmus macht halt gar nichts und braucht Anweisungen. Das ist das Bild der Familie, während man Andrea folgt. Das ändert sich dann um 180 Grad, wenn Ulrika und ihre Wahrnehmung in den Fokus gestellt werden. Und auch Rasmus‘ Perspektive aufs Familienleben, die wir anschließend kennenlernen, ist nicht die, die man nach den Kapiteln der beiden Schwestern erwartet.

Ullis‘ kleine Sticheleien sind nicht Neues, Andreas ganze Kindheit und große Teile ihres Erwachsenenlebens waren geprägt vom Bedürfnis ihrer Schwester, sich auf ihre Kosten zu produzieren.Andrea; Seite 109/110

Ullis versucht ruhig zu atmen, aber ihr Ärger bricht sich Bahn. Es sind noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen, und ihre Schwester fängt schon an, wegen der Beerdigung Stress zu machen. Egal, worum es geht, Andrea hat es immer eilig.Ulrika; Seite 387

„Aber mich ruft ihr nur an, wenn ihr einen Handlanger braucht ohne Persönlichkeit oder Eigenleben oder Gefühle. Aber ich bin ein Mensch!“Rasmus; Seite 562

Als Lesende/r ist man noch in der privilegiertesten Position, denn viele der Situationen und Ereignisse erfährt man gleich zwei bis drei Mal und kann sich aus diesem Puzzle die wahrscheinlichste Version der Wahrheit zusammensetzen. Dabei verrutschen immer wieder die eigenen Sympathien und Antipathien gegenüber den Familienmitgliedern. Dass es in der Familie auch noch ein Geheimnis gibt, das nicht alle kennen und das erst langsam ans Licht geholt wird, macht alles noch komplizierter in der Familiendynamik. Man sitzt förmlich mit bei Kaffee und Kuchen am Tisch, packt die Weihnachtsgeschenke aus oder fährt zum Winterputz des kleinen Familienbötchens mit an den See.

Vielleicht wirkt dies auf den ersten Blick nicht spannend – die Aufarbeitung von Kindheitserinnerungen, die kleinen Streitigkeiten zwischen Geschwistern, die dann doch weitreichender sind als gedacht. Aber wer „Geschwister“ liest und Geschwister hat, wird vieles wiedererkennen und blickt eventuell auch noch einmal neu auf die eigene Familienkonstellation. Niemand sucht sich seine Familie aus, nicht immer passen die verschiedenen Persönlichkeiten zusammen, und dennoch ist die Bindung zu Eltern oder Geschwistern nicht einfach zu ignorieren. Autorin Moa Herngren nimmt das alles in ihrem Roman auf und beweist dabei ein enormes Gespür für die kleinen Ereignisse und Gefühle, aus denen das Leben und letztendlich die großen Gefühle bestehen. Ihre Sprache ist dabei sehr geradeaus, sehr dialogisch und lässt einen von Kapitel zu Kapitel weiterrauschen durch die Geschichte. Dabei macht Moa Herngren es unmöglich, den Personen gegenüber neutral zu bleiben, ständig lotet man aus, wer denn nun Recht hat und warum niemand in klärende Gespräche geht.

Fazit:

Die schwedische Autorin Moa Herngren guckt in „Geschwister“ mit psychologischem Feingefühl ganz genau aufs Zwischenmenschliche und zeigt, wie prägend die Familie ist, aber auch wie isoliert und subjektiv die Empfindungen und Erinnerungen aller sind. Es geht um Verletzungen, Erinnerungen, Schuldgefühle, aber auch um die Beziehungen, die in Familien wie ein Netz gespannt sind. Realistischer könnte ein Familienroman kaum geschrieben sein.

Wertung: 15/15 dpt

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