Newton Thornburg – Cutter und Bone (Buch)

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Newton-Thornburg-Cutter-und Bone„Cutter & Bone“ scheint wie ein aus der Zeit gefallener Roman. Nicht nur, weil er im Original bereits 1976 erschien, hierzulande 1984 gekürzt(!) in der „Playboy“-Reihe(!!)  des  Pabel-Moewig Verlags unter dem vielsagenden Titel „Geh zur Hölle, Welt!“ publiziert wurde, und nicht sonderlich überzeugend und recht frei  (trotz passender Besetzung mit John Heard als Cutter und Jeff Bridges als Bone) bereits 1981 als „Cutter’s Way“ verfilmt wurde.

Bone, die eigentliche Hauptfigur des Romans und sein Kumpel Cutter sind auf den ersten Blick anachronistische Protagonisten. Bone ist ein Aussteiger, der einen wohldotierten Job und seine Familie sausen ließ, um sein Dasein als attraktiver aber mäßig geschäftstüchtiger American Gigolo zu fristen, während der körperlich und geistig versehrte Vietnamveteran Cutter als selbstzerstörerischer Zyniker von eines dunklen Gottes Gnaden, Bones Leben gehörig auf Trab hält.

Stromer, mit wenig Geld, noch weniger Antrieb und, obwohl Cutter in einer Art Zweierbeziehung lebt,  mit verblühenden Hippiemädchen im Schlepptau. In einem anderen Universum hätte Cutter einen apokalyptischen Prediger wie Charles Manson  abgeben können, samt Bone als Tex Watson, seinem gutaussehenden Menschenfischer. In einer späteren und wesentlich freundlicheren, karmabereinigten Inkarnation hätte Bone das Zeug zum „Dude“ Lebowski (wieder einmal der fabulöse Jeff Bridges) gehabt und Cutter zu dessen paranoidem Veteranen-Kumpel Walter Sobchak.

In Thornburgs Roman reicht es nur zum Faszinosum für verzagte Seelchen und zur selbstzerstörerischen Reibungsfläche für jeden außerhalb des kleinen Zirkels. Genaue Beobachter sind beide, doch sie machen nichts aus dieser Gabe.  Und als sie es doch halbherzig versuchen,  schlittern sie unweigerlich in eine Katastrophe.

Während einer nächtlichen Autopanne beobachtet Bone wie ein Mann scheinbar seinen Müll entsorgt. Der sich bald als die Leiche einer jungen Frau entpuppen wird. Als Bone in einem Zeitungsartikel den reichen „Großmogul“ J.J. Wolfe als vermeintlichen Mörder wiedererkennt, setzt sich eine unheilvolle, rostig knarzende Maschinerie in Gang, die in einer halbherzigen Erpressung gipfelt. Dabei gehen Cutter und Bone derart planlos, widersprüchlich und naiv vor, dass ein lukratives Gelingen des Erpressungsversuchs von Beginn an nahezu aussichtslos scheint. Es bleibt sogar in der Schwebe, ob das Verbrechen tatsächlich umgesetzt wird.

Der zögerliche Bone wird mehr als einmal zum Advocatus Diaboli und stellt seine eigene Beobachtung in Frage.
Trotzdem begeben sich Cutter, Bone und Mo, die erst Bone rettet, dann Cutter verfällt, auf die Reise von Santa Barbara in die Ozarks, wo Wolfes Heimatort liegt. Showdown. Wirklich? Bone weiß noch nicht, ob er teilnehmen möchte, wird deshalb gar nicht erst gefragt,  Cutter erscheint mit einer ungeladenen Waffe und macht Witze auf Kosten der skrupellosen Kontrahenten. Meist zu Lasten Bones. Mo sieht entgeistert zu. Ein Happy End ist fraglich.

„Cutter & Bone“ zeigt die (amerikanische) Gesellschaft in einer Umbruchs- und gleichzeitig desolaten Situation. Die einstigen Hippieträume sind ausgeträumt, die wenigen Übriggebliebenen sind weltfremde Flüchtlinge auf der Suche nach neuen Ufern. Der Vietnam-Krieg beginnt bereits zur Folie seiner kommenden Fiktionalisierung zu werden. In Cutters Erzählungen wird er nur selten thematisiert und kaum hinterfragt.  Eine Politisierung findet weder bei ihm noch seinem Freund Bone statt, der gesellschaftlichen Normen zwar den Rücken kehrt, aber eher aus Bequemlichkeit als einer politischen Bewusstwerdung. So sind Cutter und Bone zwar gesellschaftliche Außenseiter aber kein Teil einer Protestbewegung. Sie stellen zwar die richtigen Fragen – auch während der Planung und zumindest theoretischen Durchführung der Erpressung – doch verweigern sich den Antworten. Stattdessen Ausflüchte; der versehrte Cutter entzieht sich in die mentale Obdachlosigkeit, Bone in ein fast schon manisches Laissez faire.

Worunter anfangs besonders Cutters schwangere Lebensgefährtin Monk leiden muss, in die Bone verliebt ist. Denkt er jedenfalls. Doch auch hier kneift er, immer genügend Entschuldigungen im Schlepptau. Mit tragischem Ausgang.  Was zu einem apokalyptischen Besäufnis führt, der Begegnung mit Mo (die halbe Monk… sprechende Namen) und in der Fahrt in die Ozarks gipfelt. Eine der stärksten Szenen des Romans, in der all das komprimiert dargestellt wird, was die Figuren Cutter & Bone ausmacht. Einmal ohne Cutters übliche sarkastische Geschwätzigkeit.  

Thornburg romantisiert und schont seine beiden Outlaws nicht, ganz im Gegenteil, er lässt kaum Zweifel daran, dass Bone und Cutter aus dem Tod der jungen Pamela Durant Profit schlagen wollen. Skrupulös zwar, doch Gedanken an solch schnöde Begriffe wie Gerechtigkeit, Moral und Integrität bleiben betäubten Momenten sowie als Vorwand um Valerie, die Schwester des Mordopfers ins Boot zu holen. Die sich ohne großartige Gewissensbisse auf den Plan einlässt, als Geldgeberin missbraucht wird, um sang- und klanglos aus dem Buch zu verschwinden als es brenzlig wird.  

Was hauptsächlich nicht aufgrund der aus dem Ruder laufenden Erpressung geschieht, sondern wegen Cutters losem Mundwerk. Der Roman spult keine standardisierte  Gangsterposse ab, noch weniger taugt er als Ermittler-Krimi. Zwar trägt Bone Züge des vertrauten Privatdetektivs, d.h. er denkt viel über Zusammenhänge nach und bewertet sie, wie auch seine Lebensumstände. Doch schaltet sich sein Geist beständig ab oder verharrt auf halber Strecke, wenn es gefährlich wird.

Polizisten tauchen zwar auf, doch stochern sie bestenfalls ambitioniert im Nebel oder dienen Bone als Chauffeur in misslichen Gelegenheiten. Und wenn selbst ein indifferenter Charakter ohne Einfluss die Cops manipulieren kann, stellt sich die Frage, was vermögen  erst Menschen mit Einfluss, Geld und Macht?
Was zur eindrucksvollsten Figur des Buches führt, dem großen, bösen J.J. Wolf(e), der leibhaftig nur einen (nicht einmal verifizierten)  Kurzauftritt hat, aber als Schattenspieler Bones und Cutters Schicksal nachhaltig bestimmt. Manifest wird er nur über seine angestellten Handlanger. Das reicht, um  zwei verwirrten Amateuren ihre Grenzen aufzuweisen.

Spätestens hier wird der aus der Zeit gefallene Roman zeitlos aktuell. Tradierte Tugenden sind wenig wert, eine mögliche Aufbruchsstimmung wurde vom Krieg und schnöden Alltagssorgen ausgebremst. Was vom Protest übrigblieb sind Schmerzen und Posen. Während gesichtslose „Großmogule“ tun, was ihnen gefällt. Das pervertierte Pippi-Langstrumpf-Syndrom.   

Thornburg umreißt dies unprätentiös, mal pointiert, mal geschwätzig, den Schwächen seiner Akteure geschuldet. Suchen, fragen, schimpfen, hilflos sein. Unbedarft sympathisch bis gedankenlos faul verachtenswert. Ein kurzer, schwerer Rausch, danach ein langes Dahindämmern.  Vierzig Jahre später sind Manipulationen, Machtmissbrauch und Misere nicht weniger geworden. Eher im Gegenteil. Manchmal fällt etwas aus der Zeit und trifft mitten in die gegenwärtige Schwärze. Funkelnd.

Cover © polar Verlag

Wertung: 12/15 dpt

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Newton Thornburg – Cutter und Bone (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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