Krimi für Jazz-Fans

Martha Kiesler wollte als Jazzpianistin in Amerika groß rauskommen, was ihr nur teilweise gelang. Ihr vermeintlicher Mentor Lionel war mehr auf seinen Vorteil bedacht, weswegen das Engagement bald in Schieflage geriet und Martha sich entschloss, nach Hamburg zurückzukehren. St. Pauli im Jahr 1951. Der Krieg ist vorbei, vieles liegt weiterhin in Trümmern, auch die weltbekannte Reeperbahn. Hier will Jack, der eigentlich Hein Jansen heißt, das Jazzlokal „Bohemia Bar“ eröffnen und bietet seiner Freundin Martha an, als Musikerin einzusteigen. Eine Band gibt es obendrein.
„Es ist nicht schwierig, unsere Musik zu verstehen, man muss sie einfach auf sich wirken lassen. Aber das können die Damen und Herren in den klassischen Konzertsälen nicht. Sie müssen sich alles erklären, am besten mit Genie. Ein Genie geht planvoll vor. Wir aber improvisieren. Und dann auch noch gemeinsam. Die ganze Combo. So viel Genie halten die Spießer nicht aus. Also lassen wir sie bewusst im Regen stehen, das ist unsere Arroganz.“
Nach ihrer Ankunft in Hamburg machte Martha eine Tour durch die Lokale und erhält Auftritte im Hotel König-Royal, wo eines Abends ein ihr unbekannter namens Paul sie spontan mit seinem Bass begleitet. Martha ist fasziniert von Pauls Spiel und will nur noch mit ihm auftreten, doch der Start in der „Bohemia Bar“ steht unter einem schlechten Stern. Noch bevor es losgeht wird das Fenster der Bar eingeschmissen, die Tür aus dem Angeln gerissen. An die Polizei will sich Jack nicht wenden, denn dort arbeitet Friedhelm, während des Dritten Reiches startete er als Rottenführer, man kennt sich in gegenseitiger Ablehnung.
Paul kommt und verschwindet so oft wie sein Instrument, wobei er offensichtlich Ärger mit einem Amerikaner namens Mike hat, den er aus seiner Zeit bei der Armee in Frankfurt kennt. Dort kam es zum Streit mit Vorgesetzten, Paul desertierte in die britisch besetzte Zone. Aber womit kann Mike drohen? Welche Rolle spielt ein junges Mädchen und worin begründet sich der Hass zwischen Jack und Friedhelm wirklich? Und dann wäre da noch Willy, Marthas bester Freund aus vergangener Zeit, der unter ungeklärten Umständen starb.
Melancholische Grundstimmung auf der Reeperbahn
„Die nackte Haut“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der es auf Platz 2 der Krimibestenliste im Februar 2026 schaffte. Dort wird er als „historischer Jazz-Krimi“ bezeichnet, ein dem Rezensenten bislang unbekanntes Subgenre. Aber es stimmt schon, denn ein Interesse an Musik, genauer Jazz, sollte man haben. Korrigiere, muss man haben, sonst wird es mitunter anstrengend. Wie die Musiker ihre Sets, Einsätze und Soli aufbauen respektive einbringen, nimmt einen nicht unerheblichen Teil der Handlung ein. Man taucht tief ein in windige Hotels und düstere Lokale, was die melancholische Grundstimmung bestens auffängt.
„Na, an was erinnert sie das?“
„Das war kontrapunktisch, nicht? Also … wie Bach … nur ein bisschen wilder.“
„So spielt Lennie Tristano. Das ist Cool Jazz. Wenn Sie davon schreiben, sind Sie ganz vorne dran.“
Martha scheint ohne Whisky nicht auszukommen, Jack liegt im Dauerstreit mit Friedhelm, aber auch mit einem Mann namens Winkler, einem Kriegsgewinnler, der nach und nach die Grundstücke an der Reeperbahn aufkaufen möchte. Üble Gestalten, von vermeintlich Guten ist hier weit und breit nichts zu spüren, sorgen für eine diffuse Unruhe. Während der Kriegsjahre geschahen unsägliche Dinge, selbst Jack hat ein schweres Päckchen zu tragen, was einen Teil seiner Verbitterung erklärt. Doch ähnlich wie Pauls Armeezeit und seine Beziehung zu Mike bleibt vieles im Ungefähren. Man ahnt mehr als man erfährt und so zieht die Handlung einen mehr und mehr in seinen Bann. Anschließend kennt man gefühlt alle Jazzgrößen, die es bis 1951 gab und die meisten ihrer großen Lieder. Wer sich die Mühe macht, die erwähnten Künstler und Titel aufzuschreiben erhält eine wunderbare Setlist zum Buch.
„Wir helfen dem Swing auf die Sprünge, geben Gas und rasen die Bebop-Avenue entlang, und dann biegen wir auf den Cool-Jazz-Highway, lehnen uns zurück, schauen nach oben und versuchen die Klangkonstellationen am Abendhimmel neu zu arrangieren.“
Robert Brack ist ein Experte für zeithistorische Romane, wie er beispielsweise mit „Und das Meer gab seine Toten wieder“ und „Schwarzer Oktober“, es handelt sich um die Bände eins und vier der Klara-Schindler-Reihe (die bislang vier Romane umfasst), unter Beweis stellte. Dass er zudem ein Experte für Jazz ist, beweist er mit „Die nackte Haut“ eindrucksvoll. Wie im Nachwort erwähnt, diente in Ansätzen die Biografie der deutschen Jazz-Ikone Jutta Hipp als Vorbild für Martha. Hipp bekam als einzige weiße Frau einen Vertrag beim legendären US-Jazz-Label Blue Note Records.
Für Jazz-Fans ist „Die nackte Haut“ fast Pflichtlektüre, bei der aber auch musikinteressierte Krimifans auf ihre Kosten kommen.
- Autor: Robert Brack
- Titel: Die nackte Haut
- Verlag: Edition Nautilus
- Umfang: 216 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Februar 2026
- ISBN: 978-3-96054-477-7
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Wertung: 12/15 dpt







