Benedict Wells – Becks letzter Sommer (Buch)

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Benedict Wells - Becks letzter SommerVon „Fast Genial“, dem dritten und aktuellsten Werk des gebürtigen Müncheners angefixt, galt es, auch dessen Vorgängerwerke unter die Lupe zu nehmen. Und was sich da zwischen den Buchdeckeln von Becks letzter Sommer“ verbirgt, übertrifft sämtliche Erwartungen, denn es wirkt lange nach. Robert Beck, siebenunddreißigjähriger Lehrer an einem Münchener Gymnasium, offenbar lebenslang beziehungsunfähig und einstmals ein Musiker voller Hoffnung, ist in seinem jetzigen Leben gefangen. Sein Job, der ihm eigentlich Sicherheit bietet, widert ihn an. Sein zehn Jahre jüngerer, deutschafrikanischer Kumpel und ehemaliger Bandkollege Charlie geht ihm mit seiner extremen Art mächtigst auf die kaum noch vorhandenen Nerven, doch trotzdem verspürt er diesem hypochondrierenden, unsteten, überdrehten Drogenwrack gegenüber tiefste Sympathie.

So unterrichtet er tagsüber seine teilweise nervtötenden Mitschüler, hobelt sich zu Hause seinen fleischgewordenen Holzscheit auf seine Schülerin Anna Lind und hängt mit Nervenbündel Charlie regelmäßig in Kneipen oder zu Hause ab. In seiner 11b bereitet ihm der aus Litauen stammende Rauli ernsthafte Sorgen – er, in sich gekehrt und seltsam, wird in der Klasse gemobbt und gepiesackt, und seine Noten wollen sich nicht bessern. Wieder wird er es gnadenlos vergeigen. Als Beck ihn im Musikzimmer zu einem Gespräch zur Seite nehmen will, entdeckt der junge Kerl eine Fender Stratocaster und möchte sie , Klammer auf, nur mal kurz, Klammer zu, bespielen.

Die Töne, die Rauli der Gitarre entlockt, formatieren Becks Gehirn innerhalb von Sekunden, und die Lebensgeister des Pädagogen sind wiedererweckt: Scheiß auf das Gespräch, die beiden müssen zusammen etwas aufziehen. Musik machen. Am besten bei einem großen Label – Rauli Kantas als Star und er selbst als sein Manager. Da gibt es jedoch noch seinen Kumpel Charlie sowie Lara, eine Kellnerin, zu der er sich hingezogen fühlt und die einen Neuanfang wagen möchte. Eine turbulente Zeit beginnt, und jeder der vier Protagonisten steht an einem Wendepunkt seines Lebens. Wohin soll es gehen? Und wann? Sofort? Oder ist doch alles so, wie es ist, gut? Kaum. Oder doch? Die Suche nach vielen Dingen, unter anderem auch sich selbst, beginnt und diese führt die drei grundverschiedenen Männer auf eine unglaubliche Reise, von München über Osteuropa bis nach Istanbul.

Der Roman beginnt noch recht grob gezeichnet, und die ersten fünfzig Seiten wähnt man sich noch in einem beinahe slapstickartigen Szenario, doch es dauert nicht lange, da taucht man schon unbemerkt in Robert Becks Seelenleben ein und erlebt die Hochs und Tiefs sämtlicher Hauptfiguren hautnah mit. Und hier entfaltet sich das Talent Wells‘: Mit unglaublich tiefsinnigen und feingeistigen literarischen Pinselstrichen erschafft der Autor Bilder und Emotionen, die einen im Innern, aber auch beinahe physisch packen, und das Beeindruckendste seiner Schreibkunst ist die Lebensweisheit, die viele Zeilen vermitteln. Oder solche großartigen Feinheiten wie diese Passage: „Auf einmal hielt er es nicht mehr aus. Er stand ruckartig auf, wollte irgendwas tun, irgendwas verändern. Seine Fäuste waren geballt. Da war so viel Wille. Eine Weile stand er einfach nur so da und wollte. Dann setzte er sich wieder hin und sah fern“…

Sicher, Nick Hornby lässt grüßen, aber Wells hat die Nase weit vorn: Das Romandebüt des 1984 den mütterlichen Katakomben entflohenen Autors strotzt nur so vor intelligenter Gedankengänge, und der junge Kerl versteht es wie kaum ein anderer, den Leser gleichzeitig mächtig ins Grübeln zu bringen, um ihn zwei Seiten später wieder zu schallendem Gelächter zu treiben. „Becks letzter Sommer“ ist eine packende Geschichte von Neuanfängen, vom Leben an sich, von der Normalität und der Skurrilität, vom Geben, vom Nehmen, Bob Dylan, vom Was, vom Wer, vom Wo, vom Warum, vom „Warum nicht?“ – und vom „Hätt‘ ich nur.“

Cover © Diogenes

  • Autor: Benedict Wells
  • Titel: Becks letzter Sommer
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 2008
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 453
  • ISBN: 978-3-257-24022-1

Wertung: 13/15 dpt

Vielen Dank an noisyNeighbours, von denen ich den Artikel „mitnehmen“ durfte. Die Originalversion findet ihr in noisyNeighbours #36, das ihr hier herunterladen könnt.

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Benedict Wells – Becks letzter Sommer (Buc…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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