Lazare ermittelt wieder in Sète

Lazare und die Spuren des Todes
© btb

Mouhamad Yassin meldete vor einigen Tagen in Sète seine bald achtzehnjährige Tochter Nadia als vermisst, doch die ermittelnde Capitaine Capucine Lenoir tappt noch immer im Dunkeln. Richter Simoneau wittert einen guten Fall, um die eigene Karriere zu fördern und entsendet Commandant Siso Lazare von der police national in die südfranzösische Küstenstadt wo er nur bedingt mit offenen Armen empfangen wird. Auch Lazare selbst versteht seinen Auftrag nicht, steigt aber in die Ermittlungen ein und stößt auf eine verschlossene nordafrikanische Gemeinde. Als er einen Verdächtigen verfolgt wird er niedergeschlagen, er landet im Krankenhaus und muss eine Auszeit nehmen.

Dass ein Beamter mit ihrer Erfahrung nicht mit Fällen behelligt werden sollte, die schon bei einem Polizeischüler ein Gähnen hervorrufen würden, darüber herrscht zwischen Richter Simoneau und mir Konsens.

Derweil überschlagen sich im Kanton St. Pierre d’Elze die Ereignisse. Ein ausufernder Streit um verseuchte Böden treibt den Streit zweier Nachbarn auf abseits gelegenen Höfen in die Eskalation. Bei einer Schießerei wird auf dem Hof Le Mazout dessen Besitzer Gaston Petit erschossen. Für den aus Montpellier angereisten Kommissar Jacques Bruant ist der Fall schnell geklärt. Sein Nachbar Corentin Arnal muss der Mörder sein. Bruant liebt schon seit jeher die einfachen Lösungen. Eine anstehende Gedenkfeier bindet polizeiliche Ressourcen, spanische Untergrundkämpfer sorgen für Unruhe ebenso wie ein in letzter Minute vereitelter Anschlag auf ein Hotel. Derweil zanken sich der alte Siset, ein „Onkel“ Lazares, und Mathilda, die ihm den Haushalt führt, wie die Kesselflicker. Dabei steckt in einem nicht unerheblichen Teil der aktuellen Ereignisse Siset tiefer drin als alle vermuten.

Verkettung zahlreicher Ereignisse

Nach „Lazare und der tote Mann am Strand“ (2017) ermittelt der eigenwillige Lazare in seinem zweiten Fall, der ihn erneut nach Sète bringt. Folglich gibt es ein Wiedersehen mit bekannten Figuren wie Capitaine Lenoir, Brigadier Jeanjean, Jacques Bruant oder eben Siset und Mathilde, deren bissige Dialoge hohen Unterhaltungswert haben. Zunächst führt der aktuelle Fall, das Verschwinden von Nadia, zu der Frage, ob es sich überhaupt um einen Fall handelt. Schließlich ist die gesuchte Frau fast volljährig und einen Freund soll sie auch haben.

Als Erstes würde mich interessieren, ob man hier überhaupt von einem Gewaltverbrechen ausgeht.“ „Weil Sie sich – wie wir alle hier – fragen, weshalb man Sie hierher beordert hat, richtig?

Dieser „Freund“ heißt Driss Akibi, war der Polizei lange Zeit als Kleindealer bekannt und leitet seit geraumer Zeit einen Gebetskreis. Folglich bietet sich die Gelegenheit, sich über aktuelle Themen wie Islam und Integration auszulassen. Doch kaum hat Lazare eine erste Spur, wird ihm nach einem KO-Schlag der Fall schon wieder entzogen. Nur gut, dass noch viele andere Dinge geschehen, in die Lazare auf verschiedene Weise immer wieder – zumindest am Rande – hineingezogen wird.

Bei einigen jungen Männern fällt mir auf, dass sie trotz all ihrem oft protzigen Getöse unter einer maßlosen Langeweile leiden. Eine Idee für die Zukunft zu entwickeln scheint ihnen aber auch zu mühsam. Bei manch einem von ihnen entwickelt sich daraus eine Lust am Untergang. Dann wird vom letzten großen Feuerwerk geträumt. Endlich jemand sein, endlich wahrgenommen werden.

Eine stringente Ermittlung eines konkreten Falles darf man nicht erwarten. Stattdessen gibt es ein Potpourri aus verschiedenen Sachverhalten, die parallel aufgelöst werden wollen und unterschiedliche Polizeieinheiten beschäftigen. Die Handlung springt somit in meist kurzen Kapiteln hin und her. Selbst der Staatsschutz um deren Chef Bernard de Soto spielt mit und – erwartungsgemäß – eine unrühmliche Rolle. Dabei ist auch das Fernduell zwischen de Soto und Simoneau, die jeweils auf Kosten des anderen Karriere machen wollen, nicht uninteressant. Hier beweist Robert Hültner einmal mehr sein großes Können. Feine Charakterstudien und scharfe Beobachtungen alltäglicher Begebenheiten, kombiniert mit einem unterhaltsamen wie anspruchsvollem Schreibstil. Verbrechen gibt es zwar reichlich, jedoch bleibt der Autor bei den leisen Tönen. Die Zeichnung der Figuren sowie deren Interaktionen bilden den Fokus der Geschichte(n). Einmal mehr ist lesenswert, wie die losen Fäden am Ende zueinander finden. Der für seine Inspektor-Katejan-Reihe mehrfach preisgekrönte Autor ist auch mit seiner neuen Lazare-Reihe auf gutem Weg, sich eine treue Leserschaft zu erschließen.

  • Autor: Robert Hültner
  • Titel: Lazare und die Spuren des Todes
  • Verlag: btb
  • Umfang: 316 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Juni 2021
  • ISBN: 978-3-442-75659-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 11/15 dpt


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