Oliver Uschmann & Sylvia Witt – Überleben auf Partys: Expeditionen ins Feierland (Buch)

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Oliver Uschmann & Sylvia Witt - Überleben auf Partys (Buch)Es war abzusehen, dass Oliver Uschmann und Sylvia Witt das Muster, welches sie erstmals mit „Überleben auf Festivals: Expeditionen ins Rockreich“ aufgegriffen haben, fortsetzen würden, und es wäre durchaus zu befürchten gewesen, dass „Überleben auf Partys: Expeditionen ins Feierland“ ein müder Abklatsch des 2012er Vorgängers geworden wäre, nur, dass dieses Mal nicht die Festivalbesucher-Typen, sondern die verschiedenen Arten der Partys die Vorlage liefern.

Bereits nach den ersten Seiten wird allerdings klar, dass dem nicht so ist – im Gegenteil: Das Autorenpaar, welches, wenn man sich dessen Schreibfrequenz vor Augen führt, offensichtlich ohne Schlaf, Nahrungsaufnahme und Verdauung auszukommen scheint, legt qualitativ ein paar Kohlen nach und schüttet noch einmal etwas Brandbeschleuniger hinzu. Die Kreativitätsmaschine läuft heiß.

Zuerst fällt bei „Überleben auf Partys“ auf, dass die Quantität der Fotos auf ein Minimum zurückgeschraubt wurde und das Bildmaterial somit einer deutlich erhöhten Menge Text weichen durfte. Und während bei „Überleben auf Festivals“ noch eher deskriptiv zu Werke gegangen wurde, werden die einzelnen Partyformen in diesem Buch eher in Form von in sich geschlossenen Kurzgeschichten präsentiert. In diesen finden auch deutlich mehr Dialoge zwischen den einzelnen Charakteren ihren Platz, sodass die diversen Partys auf den Leser wirken, als sei dort eine versteckte literarische Kamera installiert worden, die den Zeilenempfänger mit Bildmaterial fürs Kopfkino versorgt.

Die Angriffsfläche der zahllosen Klischees wird voll ausgenutzt, es gibt allerlei Absonderungen von Anhäufungen alberner Alliterationen, und in den meisten Fällen stellen die Autoren das „worst case scenario“ dar, was dem Leser regelmäßige Fremdscham im positiven Sinn bescheren wird.  Noch mehr als beim Festivalschmöker überzeichnen Witt und Uschmann sowie die Verfasser vierer Gastbeiträge in diesem Vierhundertseiter die Szenarien und Figuren noch gnadenloser, teilweise regelrecht comichaft, und diese karikaturesk-übertriebene, satirische Form der Darstellung macht einen Großteil des Lesevergnügens aus: Hüpfburgenbehüpfende Kinder, die in herbstlicher Kälte in der Luft zu Wassereis erstarren. Eingeschüchterte Passanten, deren Köpfe in hochgestellten Kragen verschwinden, sobald ihnen die Bedrohung zu nahe kommt. Ehemänner, die im Regelfall links und rechts der den Körper verdeckenden Zeitung Erdnusskrümel katapultieren.

Die amüsanten, oftmals plastisch wirkenden Erzählungen werden immer wieder durch kleine Merksätze in Form von „Weisheiten“ unterbrochen, und auch der Wissenschaft wird je ein kleiner Absatz eingeräumt, in welchem fiktive Experten wie etwa Professor Dietrich Dowidat vom Institut für dramatische Dörflichkeit (IfdD) in Davensberg mit analytischen und rechercheunterfütterten Ausführungen zu Wort kommen. Beendet werden die einzelnen Quasi-Kapitel jeweils mit einer Bepunktung des Alkoholpegels sowie des Drama-, Erotik- und Spaßfaktors. Ebenso wird dokumentiert, was von diesen Partys erwartet wird, was tatsächlich passiert und welches Tun ratsam wäre. Den Schlusspunkt setzen sowohl der für die Partys typische Song als auch das typische Getränk.

Dieses Vorgehen nach Struktur klingt womöglich ermüdend, ist es jedoch keinesfalls, denn es passt hervorragend zu den Stereotypen, die nicht nur durch Fünkchen von Wahrheit erstrahlen, sondern durch regelrechte Feuerwerke derselben funkeln und blitzen. Jeder, der der ein oder anderen der beschriebenen Partys in ihrer extremsten Form einmal beigewohnt hat, wird hier und dort sagen müssen: „Oh Mann, ich wollte, ich könnte bestätigen, dass es nicht genau so ist!“

Uschmann und Witt, anscheinend von Natur aus hyperkreativ, unterstreichen mit „Überleben auf Partys“ ihre Vielseitigkeit einmal mehr und meistern es problemlos, neben locker-luftiger Unterhaltung mit coolpädagogischem Ansatz („Finn“-Reihe) auch ernstere (die Jugendbücher via script5-Verlag), komödiantische (frühe „Hartmut und ich“-Romane), emotionale (spätere „Hartmut und ich“-Romane) und eben auch satirische Werke zu verfassen. Und die machen Spaß. Einfachen, ehrlichen Spaß.

Cover © Heyne Hardcore

  • Autor: Oliver Uschmann & Sylvia Witt
  • Titel: Überleben auf Festivals: Expeditionen ins Feierland
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 03/2013
  • Einband: Broschur
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-453-26875-3

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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