Verflucht, verdammt und Halleluja! (Spielfilm, DVD/Blu-ray)Harte Genres wie der (Italo-)Western eignen sich hervorragend für Parodien. In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Zentenniums hat man hauptsächlich in Italien und Spanien mehr dieser Streifen produziert als es bis dahin Filme gab (Angabe nach gefühlter Schätzung). Einige davon tragen nicht nur die besten deutschen Titel der gesamten Filmgeschichte (“Gnade spricht Gott – Amen mein Colt”, “Ich will ihn tot” oder “Sartana – noch warm und schon Sand drauf”) sondern verhandeln auf verdammt gute, kritische Weise die patriotistisch verseuchten, amerikanischen Vorbilder, deren strahlende Helden meist im Sumpf rassistischer und frauenfeindlicher Implikationen ihre feisten, weißen Wänste schrubben. Es liegt auf der Hand, dass bei dieser Massenware neben genialen Ausreißern auch zuhauf narrative Keksförmchen die Geschichte vorgeben.

“Verflucht, verdammt und Halleluja!” ist eine wunderbare Westernparodie und nimmt sich auf liebevolle Weise diesen Förmchen an. Regisseur und Drehbuchautor E.B. Clucher, besser bekannt als Enzo Barboni, auf dessen Konto auch einige Westernkomödien mit Bud Spencer und Terence Hill gehen, gelingt dies vielleicht deswegen so gut, weil er selbst aus dieser hocheffizienten Western-Produktionsmaschinerie kommt. Unter anderem war er Kameramann bei Genre-Legende Sergio Corbucci (“Django”, 1966).

Barbonis Film erhält 1972 Einzug in die deutschen Kinos. Der Italo-Western hat bereits mehr als zehn Jahre auf dem Buckel, den Zenit überschritten und geht langsam aber sicher seinem Ende entgegen. Gleichsam siedelt sich auch die erzählte Geschichte am Ende des Wilden Westens an. Bereits in den ersten Einstellungen wechselt typische Westernidylle mit Luftaufnahmen einer fast schon zu modern wirkenden Eisenbahn. Die Musik ist purer Pop und keine Wüstenstimmung. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist lange vorbei. Die weite Prärie hat Stacheldrahtzäune bekommen und das eiserne Ross treibt dem Westen das Wilde ebenfalls aus.

In diese melancholische Endzeitstimmung platzt nun der unbedarfte, gut gelaunte, englische Gentleman und Western-Neuling Joseph Moore (Terence Hill). Und prompt wird er von den drei altgedienten Räubern Bull Schmidt (Gregory Walcott), Monkey Smith (Dominic Barto) und Holy Joe (Harry Carey Jr.) überfallen. Die Charaktere der eingeschworenen Clique werden zu Beginn von Barboni in einer Art Shotgun- und Montagetechnik vorgestellt und sind bis in die letzte, speckige Pore karikiert. Bull ist der stinkfaule, sympathisch-hilfsbereite Experte für Schlägereien, Monkey frönt zynisch seiner Kleptomanie und Holy Joe predigt fiebrig den Sündern, um anschließend mit ihnen zu feiern.

Der von Terence Hill bis in den Slapstick hinein gespielte Moore folgt dem Ruf seines mittlerweile verstorbenen Vaters in den Wilden Westen. Als er mit riesigen Reisekoffern, die unter anderem eine Geige, ein Mikroskop und ein Fahrrad enthalten, an der Waldhütte seines alten Herrn ankommt, trifft er wieder auf die jetzt unmaskierte Bande. Moore erkennt die Schurken durch ein Foto als die Kumpanen seines Vaters, den sie den „Engländer“ nennen. Er war ein treuer Teil ihrer verbrecherischen Unternehmen. Über den Raubüberfall schweigen sich Bull, Monkey und Joe dann auch aus Ehrgefühl aus, als der joviale Moore ihnen einen Brief seines Vaters gibt. Darin bittet der Engländer seine Kumpanen, um einen letzten Gefallen. Aus seinem Kindskopf von Sohn sollen die Gauner einen richtigen Mann machen.

Das geht zu Beginn und mangels Motivation natürlich kräftig daneben. Der pseudo-gebildete Moore weigert sich, eine Pistole zu benutzen, fährt lieber mit dem Fahrrad, anstatt mit dem Pferd zu reiten und beobachtet Ameisen durch ein Mikroskop. Die Bande hat für all das wenig Verständnis. Doch währenddessen hat sich der Sohn des Engländers in die gebildete und selbstbewusste Tochter, Candida (Yanti Somer), des Großgrundbesitzers Frank Austin (Enzo Fiermonte) verliebt. Für Frank kann es an der Seite seiner Tochter aber nur eine bestimmte Sorte Mann geben: Jenen prügelnden, tabakspuckenden und schießenden Western-Trash-Typen.

Mit dem Antrieb der erwiderten Liebe versehen, geht Moore nun abermals bei seinen drei Ziehvätern in die Lehre und wird zum Mime eines Parodie-Charakters, um Frank zu beweisen, dass er seiner Tochter würdig ist. Die ist sich natürlich des Schauspiels bewusst und freut sich insgeheim über das eigentliche, dichterisch-schwärmerische Naturell ihres neuen Liebhabers.

Zwischen Slapstick und skurrilen Szenen erzählt Barboni diese Geschichte ausgedienter Charaktere und ihrer Nachäffung in einer sich verändernden Umwelt. Die Schlägereien sind dabei genauso überzeichnet wie die Liebesszenen. Ohne albern zu wirken sind die Gags witzig, gut und teilweise so stark, dass der Film bricht und Theater wird. “Verflucht, verdammt und Halleluja!” gibt insgesamt in seiner parodistischen Auslegung einen Einblick in die Höhen und Tiefen des (Italo-)Westerns. Ohne beißenden Spott wird mal melancholisch meistens aber heiter und mit gewitzten Motiven zurückgeblickt auf die wilden Jahre heißer Produktionsmaschinen und rauchender Colts.

Das Bonusmaterial ist von durchschnittlich geringer Substanz mit einer Besonderheit: Das Interview mit Riccardo Pizzuti, einem Stuntman und Nebenrollendarsteller in vielen Italo-Western, ist, wie soll man sagen, seltsam. Der Mann plaudert aus dem Nähkästchen und sein verletzter Stolz, er verflucht Bud Spencer und Terence Hill, treibt einem Lachtränen, Zweifelfalten und Fremdschamröte aufs Gesicht, wenn er seine intime Geschichte erzählt.

 Cover & Szenenbilder © Koch Media

  • Titel: Verflucht, verdammt und Halleluja!
  • Originaltitel: E poi lo chiamarono il magnifico
  • Produktionsland und -jahr: Italien, Frankreich, Jugoslawien, 1972
  • Genre:
    Westernparodie
    Italo-Western
    Western
  • Erschienen: 24.05.2013
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 120 Minuten (DVD)
    ca.
    125 Minuten (Blu-Ray)
  • Darsteller:
    Terence Hill
    Gregory Walcott
    Harry Carey
    Yanti Somer
  • Regie: Enzo Barboni
    alias E.B. Clucher
  • Drehbuch: Enzo Barboni
  • Musik: Oliver Onions
    alias Guido & Maurizio De Angelis
    Extras:
    Analyse des Films mit Filmhistoriker Antonio Bruschini
    Interview mit dem Darsteller Riccardo Pizzuti
    diverse Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Sprachen
    :
    D, GB
    Untertitel:
    keine Angaben
    Video:
    16:9
    Audio:
    Dolby Digital 2.0
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Sprachen
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
    Video:
    16:9
    Audio:
    Dolby Digital 2.0
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit DVD
    Erwerbsmöglichkeit Blu-ray

Wertung: 10/15 dpt

 

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