Zoran Drvenkar - Du bist zu schnell (Buch) Cover © UllsteinDie Jahre des Erwachsenwerdens und des jungen Erwachsenseins waren für Val eine Zeit des Sich-selbst-Ausprobierens, eine Zeit des Unsteten – und auch gegenüber Drogen war sie sehr aufgeschlossen, wobei sie nicht selten auch gen Maßlosigkeit und Selbstverlust abdriftete. Immer wieder – offenbar auch unabhängig von den Drogen, öffnete sich in ihr die Tür zu psychotischen Schüben, in welchen sie die Zeit schleichend langsam wahrnahm und eine einzelne Sekunde Minuten dauerte. Die Psychose war gleichermaßen ein Zustand der Vollkommenheit und des Horrors. Denn einerseits sah sie die Welt der Schnellen in all ihrer Vielfalt und Schönheit, andererseits wollten die Schnellen Val nicht in ihrer Welt haben. Ihr wurde gedroht, dass, wenn sie die “Tür” öffne, dies nicht geschehen werde, ohne einen Preis dafür zahlen zu müssen. Das brachte ihr unter anderem mehrfach die Einweisung in die geschlossene Anstalt ein, und von den Ärzten wurden ihr auch nach ihren dortigen Aufenthalten regelmäßig Psychopharmaka verordnet – und ihr nahegelegt, sie solle den Drogen entsagen.

Nach einiger Zeit und diversen Wohnortwechseln gelingt es ihr über die Jahre, Stück für Stück wieder zurück in ein geregeltes Leben zu finden und die Welt der Schnellen selbige sein zu lassen. Auch findet sie in Marek einen jungen Mann, der sie liebt. Anzeichen von Schüben registriert sie schnell und behält die Psychose unter Kontrolle, ab und zu wird dennoch gerne noch mal einer über den Durst getrunken oder eine konische Zigarette geraucht. Doch nach sieben Jahren Ruhe entwickelt sich in Val eine Leere, die sie in die falsche Richtung lenkt. Als dann ihre beste Freundin Jenni auf Vals dringenden Wunsch hin zu Besuch kommt, da sie merkt, dass sich in ihr wieder Ungutes anbahnt, gerät ihre geordnete Welt schlagartig aus den Fugen: Die Schnellen sind wieder da und versuchen einmal mehr, ihr den Weg in ihre Welt zu versperren – mit den altbekannten Drohungen. Val möchte ihre Psychose steuern können und den Schnellen gegenübertreten. Sie sieht Dinge, die der normale Mensch nicht sehen kann. Nur eines sieht sie noch nicht: Die Wahrheit.

Unverhofft ereignet sich der Mord an einem Bekannten, und nur kurze Zeit später bezahlt auch noch Jenni  mit ihrem Leben, denn diese liegt blutverschmiert und brutal zugerichtet als Leiche im Badezimmer – weder Val noch Marek wissen, wie es dazu kommen konnte, und gemeinsam mit Jennis Freund Theo, den sie schonend von ihrem Tod unterrichten, versuchen sie nun herauszufinden, was da geschehen ist. Besonders für Val wird die Suche nach der Wahrheit, dem Ich, den Schnellen und dem Mörder zu einer nervenzerfetzenden Wanderung über den schmalen Grat zwischen der Realität und ihren Visionen, zwischen dem Richtig und dem Falsch, zwischen Treue und Verrat – und zwischen sich selbst eins und sich selbst zwei. Die Geschwindigkeit, in der dies geschieht, zieht auch Theo und Marek unweigerlich mit in den Strudel des Ungewissen.

Drei Menschen an ihren Grenzen.

Und an diese Grenzen bringt Zoran Drvenkar mit seinem ersten, 2003 bereits bei Klett-Cotta erschienenen und bei Ullstein acht Jahre später neu aufgelegten Erwachsenenwerk auch den Leser. Abwechselnd aus der Egoperspektive der drei Protagonisten erzählend, taucht der Leser sofort in die individuellen Gedankenwelten Theos, Mareks und Vals ein, und ähnlich unvorhersehbar und unberechenbar wie jedes Drittel dieses Trios ist auch die Geschichte, die ein heftiges Tempo vorgibt und durch ihren Fahrtwind mitzureißen weiß.

Drvenkar verfolgt in “Du bist zu schnell” einen klaren Stil, Worte entfachen ihre einfache Wirkung, ohne Füllsel und ausschmückende Zusätze wird die harte geschriebene Realität (oder das, was die Realität zu sein scheint…) gezeigt – Momente der Hoffnung und der Ruhe wirken wie solche, und die Momente des Wahns und der Grausamkeit werden ebenfalls völlig ungefiltert wiedergegeben. Dies schafft zum Leser oftmals eine Nähe, die ihn frösteln lässt, denn der Autor versucht erst gar nicht, dem Roman irgendeine moralische oder gar pädagogische Komponente aufzudrücken – diese wäre hier ohnehin überflüssig und auch fehl am Platze, denn oftmals unterschätzen Kritiker die Intelligenz der Leser doch sehr. Ebenso wurden auch schon Stimmen laut, dass “Du bist zu schnell” durch seine unmittelbare Nähe zum Leser in den extrem drogengeschwängerten Passagen die Gefahr bewusstseinserweiternder Substanzen und Psychopharmaka relativiere und auch Mord durch den sehr anderen Umgang damit beschönigt werde. Das ist insofern Unsinn, weil der Storyverlauf und die persönlichen Zustände der Protagonisten genau diese ungeschönten und direkten Schilderungen verlangen.

Denn vielmehr bekommen wir hier einen Einblick in die kaputte Psyche einer jungen Frau gewährt, die irgendwo ihren Platz im Leben sucht und ihn nicht zu finden scheint – und dabei nicht nur auf einer aussichtslos erscheinenden Suche ist, sondern auch Gefahr läuft, sich jederzeit selbst verlieren zu können. Was nun tatsächlich vor ihren Augen stattfindet und was nur in ihrem Kopf geschieht, verschwimmt für den Lesenden zunehmend zu einem kaum durchdringbaren Dickicht, sodass der sich oftmals selbst fragen muss, ob Vals Wahrnehmungen nun vielleicht doch real und nur anders sind oder ob sie gar nur gewissermaßen metaphorisch durch ihre Gehirnwindungen schießen – ist Vals Psychose der Schlüssel zur seelischen Reinigung und zur Tür zu sich selbst? Oder führt sie in eine Abwärtsspirale, in ihren totalen Untergang? Wird die Fiktion Realität oder ist die Realität reine Fiktion?

Die Spannung, die dieser Thriller in sich birgt, entwickelt einen immensen Druck auf den Brustkorb, so als hätte sich Drvenkar in das Gehirn des Lesers gehackt und dort den Atmungsbefehl deaktiviert und den Sichtbereich auf ein Rechteck minimiert, durch welches die volle Konzentration auf das Buch gelenkt wird. Doch nicht nur der Inhalt erzielt ebendiese Wirkung, sondern auch die atmosphärische Dichte, welche gänzlich ohne Ballast und vor allem komplett klischeefrei erzeugt wird – während andere Thrillerautoren beim Schreiben offenbar schon Hollywood im Hinterkopf haben und ihre Storys mit Hochglanz versehen, sind hier die Flächen oftmals matt, voller Dreck, voller Blut. Ohne Weichzeichner. Ohne das dramaturgische Bügeleisen. Hässliches wird hässlich belassen.

Als Beobachter der Geschichte sieht man nicht nur zu. Man hört all die Töne. Man spürt all die Gefühle. Man merkt selbst trotz des Nur-Lesens die Wirkung, wenn Val ihr Bewusstsein durch Alkohol, Drogen oder Tabletten steuert. Man schmeckt, was die Charaktere zu sich nehmen. Man riecht all die Gerüche. Man ist in der Story, steckt in ihr wie die Psychose in Val. Man wird “Du bist zu schnell” förmlich aufgefressen und mit dem letzten Satz auf Seite 296 gnadenlos wieder ausgespuckt.

 Cover © Ullstein Verlag

  • Autor: Zoran Drvenkar
  • Titel: Du bist zu schnell
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 10.06.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3-54828-362-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Buch
    Hardcover erschien 2003 bei Klett-Cotta

Wertung: 12/15 dpt


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