Jakob M. Leonhardt – Erst der Spaß, dann das Vergnügen – Geniale Chaoten bringt nichts auf die Palme (Buch, mit Illustrationen von Fréderic Bertrand)

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Jakob M. Leonhardt - Erst der Spaß, dann das Vergnügen (Buch) Cover © Arena VerlagSeit 2012 fabriziert der völlig verpeilte und verplante Felix Rohrbach, Teenager und „genialer Chaot“, am laufenden Band Mist und nervt damit nicht nur seine Lehrer und Mitschüler bis zur Toleranzgrenze (und meist weit darüber hinaus), sondern verlangt auch seiner Familie so einiges ab – die Eltern raufen sich regelmäßig die Haare, und Schwester Jenni, die von Felix mehr oder minder liebevoll „Jack Russel“ genannt wird, muss stets mit fiesen Streichen ihres Bruders rechnen. Seine Freunde Mike (superclever), Spike (der das Chillen und Relaxen auf ein neues Level hievt) und vor allem der gefräßige Musti, dessen Traum es ist, der krasseste Gangsta-Rapper überhaupt zu werden, nehmen Felix jedoch so, wie er ist und stehen ihm zuverlässig zur Seite. Echte Freunde eben.

Wie so ziemlich jeder pubertierende Junge ist auch Felix neugierig, wie das so mit Liebe und mehr ist, und nichts wünscht er sich sehnlicher, als endlich eine hübsche, cooles, heiße Chica an seiner Seite zu haben. Doch was immer er auch anstellt: Es geht schief. Die Mädels haben keinen Bock auf so einen wie ihn. Musti hat die ultimative Idee, ein Date via Internet zu organisieren – Felix und Musti wären allerdings nicht Felix und Musti, wenn sie das nicht auf ihre Art machen würden. Ihr Plan scheint aufzugehen, denn beide machen prompt Bekanntschaft mit zwei Ladies. Die beiden trifft allerdings fast der Schlag, als sie von Weitem ihre potenziellen Herzdamen sehen, denn Mustis Date ist Katie – und noch schlimmer: Felix‘ Date ist die entsetzliche, seltsame Luisa, das für ihn peinlichste Mädchen der Welt. Ihr gelingt es schon allein durch ihr Luisasein, Felix Rohrbachs Ruf für immer zu ruinieren, zumal sie sehr anhänglich ist.

Doch Felix hat noch ein ganz anderes Problem, denn nachdem er bei einer wilden Party das Haus seines neuen Mitschülers Jun Yakitori beinahe in Schutt und Asche gelegt hat, lädt Juns Vater nach einem gemeinsamen Gespräch mit Felix‘ und Mustis Eltern den dauerfutternden Möchtegernrapper und den selbsternannten „Chaotinator“ ins ferne Japan nach Tokio ein, damit sie dort Disziplin und Benehmen erlernen. Was sich die beiden als furchtbar ausmalen, erweist sich jedoch als eine wunderbare Erfahrung, denn irgendwie ist Tokio verdammt cool. Und Mädels hat’s dort auch jede Menge. Zuckersüße. Wunderschöne. Doch irgendwie muss er immer wieder an Luisa denken, und bald merkt er, dass es definitiv keine Kakerlaken oder Mistkäfer sind, die in seinem Bauch für Unruhe sorgen, sondern bunte Schmetterlinge. Er vermisst Luisa irgendwie. Er vermisst sie? Kann man verliebt sein in SO ETWAS? Schock und Doppelschock!

Der sowohl in Tokio als auch in Hamburg heimische Autor Jakob Musashi Leonhardt lässt seine schrillen Figuren auch im neuesten Felix-Rohrbach-Band auf ihre typische Art weiterleben. Sicherlich ist der Überraschungsfaktor mittlerweile etwas geringer als beim ersten oder zweiten Teil der Buchreihe, doch Leonhardt begeht nicht den Fehler, all diese Charaktere zur Abziehbildern ihrer selbst zu machen. Man gewöhnt sich gewissermaßen an sie und erwartet, dass einerseits wieder eine Menge Unfug auf dem Plan steht, sich die Figuren andererseits aber auch auf ihre Weise weiterentwickeln und an sich wachsen (oder auch nicht…) – und gerade das macht den Charme dieses wilden Haufens letztendlich aus: Sie alle sind, wie sie sind, und das ist gut so.

Leonhardt füllt die knackig-kurzen Kapitel, die nur äußerst selten die Zwei-Seiten-Marke überschreiten, mit viel Situationskomik und mit unzähligen Übertreibungen, und im Gegensatz zu vielen anderen Kinderbuchautoren ist der 1975 geborene Schriftsteller doch sehr anarchistisch veranlagt. Legt man viel Wert auf pädagogisch wertvolle Inhalte, bildende Elemente oder eine subtile Message, ist man bei dieser Buchreihe definitiv an der falschen Adresse. Hier wird nämlich übertrieben, bis der Arzt kommt. Hier werden teilweise Dinge angestellt, bei denen Eltern, wenn sie selbst solche Chaoten als Kinder hätten, durchaus unter Tränen an sich selbst und ihrer erzieherischen Kompetenz zweifeln könnten – doch belletristische Literatur ist Kunst, und die Welt des Felix Rohrbach ist reine Fiktion.

„Erst der Spaß, dann das Vergnügen“ ist keine Anleitung zum Nachmachen, sondern dient schlichtweg der Unterhaltung – und man sollte die Kids nicht unterschätzen, denn die werden bei der Lektüre dieses Druckwerks bestimmt nicht das Elternhaus ihres neuen Schulfreundes verwüsten, sondern schlichtweg herzhaft über das Tohuwabohu lachen. Sich ob der Peinlichkeit, die die Charaktere an den Tag legen, fremdschämen. Über den ganzen Unsinn, den sie verlässlich veranstalten, den Kopf schütteln. Sich selbst wiedererkennen in ihren Teenie-Launen und mit ihren eigenen Flausen im Kopf.

Wie bereits bei den Vorgängerbüchern liefert Illustrator Fréderic Bertrand (der zum Beispiel auch die schräge „Scary Harry“-Reihe von Sonja Kaiblinger optisch liebevoll ergänzt) auch hier köstlich schräge, cartooneske Zeichnungen, die den überzogenen, satirischen Grundton unterstreichen und in den richtigen Momenten akzentuieren. Nicht selten muss man bereits vor der Lektüre der jeweiligen Seiten laut auflachen, weil die zahlreichen, wunderbar bekloppten Bilder die Blicke sofort auf sich ziehen.

Der Ausdrucksstil bedarf einiger Gewöhnung, doch es dauert nicht lange, bis man sich mit den buchreihentypischen Phrasen („Stöhn und doppelstöhn!“, „Kotz und doppelkotz!“, „Schwitz und doppelschwitz!“) arrangiert hat – es gehört schlichtweg dazu, vor allem zum Wesen des Felix Rohrbach. Dass die Jugendsprache zuweilen ein wenig out-of-date ist, fällt dabei nicht allzu sehr ins Gewicht.

Man kann kritisieren, dass der Autor hier und dort ein wenig zu viele Klischees bedient – speziell, als Musti und Felix in Tokio unterwegs sind, wird doch sehr viel in die Japan-Klischeekiste gegriffen – doch wenn man sich den satirischen Charakter der „Geniale Chaoten“-Serie vor Augen führt, schließt sich der Kreis, denn alles ist gewissermaßen mit einem intensiven Augenzwinkern gemeint. Allein an Musti (Migrationshintergrund, voll krasser Typ, ein paar Kilo zu viel auf der Waage, Gangsta-Rapper-Look und »Guckst du, Alter, zeig ich dir!«-Ausdrucksweise) wird dies nur allzu deutlich. Darüber kann man sich künstlich aufregen, muss man aber nicht.

Nur der latent vorhandene Fäkalhumor (zum Beispiel bei einem Streich, den Felix seiner Schwester spielt sowie bei der Beschreibung einer bestimmten Speise) ist fürwahr verzichtbar – es gibt unzählige andere Möglichkeiten, den Leser zum Lachen zu bringen. Auch wäre es vielleicht ganz angebracht, allgemein etwas weniger Krassheit walten zu lassen und etwas mehr Story zu erzählen, denn hier und dort hätte man die Eindrücke, die auf Felix und Musti wirken, noch etwas besser wirken lassen können.

Letztendlich erfüllt das Buch trotz dieser zwei nicht allzu gravierenden Mankos perfekt seinen Zweck: Es unterhält von der ersten bis zur letzten Seite und macht neugierig darauf, was die liebenswerten Taugenichtse als nächstes aushecken… Die Felix-Rohrbach-Reihe ist schlichtweg das literaturgewordene OMG und WTF – und passt somit perfekt in die Jetztzeit.

Cover © Arena Verlag

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Jakob M. Leonhardt – Erst der Spaß, dann …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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