Elementary (Serie, Staffel 1.1 & Staffel 1.2, DVD)

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Elementary Season 1.1 - DVD Cover © ParamountSherlock Holmes-Adaptionen und Neuauflagen schießen zur Zeit beinahe wie Pilze aus dem Boden. Derzeit werden in aller Regelmäßigkeit neu übersetzte, von Oliver Kalkofe gelesene Hörbücher veröffentlicht, doch besonders in audiovisueller Hinsicht geschieht seit einigen Jahren einiges. In Großbritannien und auch hierzulande konnte beispielsweise die britische BBC-Serie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes in modernisierter Form begeistern. Jene Serie transportiert die Originalfälle in der Jetztzeit und wurde mit Technik und den heutigen Möglichkeiten aufgemotzt – Sherlock-Holmes-Puristen rümpften jedoch zu einem großen Teil die Nase, denn wenngleich man sich stark an den klassischen Fällen Arthur Conan Doyles orientiert und sich auch die Qualität der Umsetzung auf sehr hohem Niveau befindet, erwarten jene Hardliner selbstverständlich auch eine gewisse zeitliche Bindung zum originalen Stoff, der bis ins Jahr 1891 zurückreicht.

Auch der 2009er Film „Sherlock Holmes“ mit Robert Downey Jr. und Jude Law in den Hauptrollen wusste einerseits Erfolge zu erzielen, hatte aber bis auf die übernommenen Figuren nichts mit den Arthur Conan Doyle-Krimis gemein – und war den Sherlock-Ultras dementsprechend ebenfalls ein Dorn im Auge.

Elementary Season 1 - Szenenfoto © Paramount„Elementary“dürfte in den dornenversehrten Augen Letztgenannter wohl ein noch größeres Unding sein, denn obwohl die Figur des Sherlock Holmes, brillant von Jonny Lee Miller („Eli Stone“, „Dexter“, „Dark Shadows“) inszeniert, gerade auch hinsichtlich der dunklen Seiten und Schwächen deutlich näher am Originalcharakter liegt und somit ein um einiges authentischeres Bild des aufmerksamen Detektivs gezeichnet wird (welches in der britischen Serie „Sherlock“ doch ziemlich geschönt wurde), sind zahlreiche Grundelemente in vorliegender CBS-Serie komplett anders. So spielt „Elementary“ nicht etwa in London, sondern im heutigen New York, mit all seinem Dreck, mit all seinen aktuellen Verbrechen, und Watson ist nicht etwa ein Mann, sondern eine starke Frau – auch ist die generelle Besetzung deutlich multikultureller angelegt.

Der geniale Holmes, ex-Scotland Yard-Ermittler, wurde nach seinem Drogenentzug aus einer New Yorker Klinik entlassen und findet sich im Big Apple unentgeltlich arbeitend wieder, wo ihm von seinem Vater die clevere ex-Chirurgin Suchtbetreuerin Joan Watson (Lucy Liu, „Ally McBeal“, „Kill Bill 1 & 2“) zur Seite gestellt wird. Für das NYPD soll Holmes nun unter der Leitung von Captain Toby Gregson, den Holmes aus Scotland Yard-Zeiten bereits kennt, mit seinem messerscharfen Verstand und seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe zur Auflösung ungeklärter Fälle beitragen.

Damit Holmes nicht wieder seiner Heroinsucht erliegt und Watson ihn rund um die Uhr betreuen kann, zieht Watson als Mitbewohnerin in sein Gästezimmer – Watson traut Holmes noch nicht allzu sehr über den Weg und gerät mit ihm an ihre Grenzen, und auch Eigenbrötler Holmes ist Watsons Anwesenheit unangenehm. Doch je mehr die beiden zusammenarbeiten, umso mehr gelingt es ihnen, einander zu arrangieren. Zudem ist Joan Watson von der Arbeit ihres „Patienten“ derart fasziniert, dass sie von Mal zu Mal mehr Blut leckt und Holmes bei seinen ermittlerischen Arbeiten enthusiastisch unterstützt.

Elementary Season 1 - Szenenfoto © ParamountEin weiterer klarer Unterschied zum Original oder zur Wiederaufbereitung desselben ist, dass sich die Fälle, die es zu lösen gilt, sich – sehr zur Pein der Puristen – ebenfalls nicht an den Doyle-Vorlagen orientieren, sondern absolut eigenständig und aktuell sind. Hierbei sollte man sich allerdings fragen: Müssen die „ollen Kamellen“ denn immer und immer wieder wiedergekäut werden oder ist es nicht auch mal erfrischend, das Erbe Arthur Conan Doyles einfach mal weiterzuführen und rund 120 Jahre später mit zeitgemäßen Mitteln, mit aktuellen Inhalten und auf eigenständige Weise neu zu interpretieren, ohne dass „Sakrileg!“ geschrien wird?

Den „Elementary“-Machern ist es nämlich hervorragend gelungen, die Brücke zwischen Ursprung und dem Heute zu schlagen, denn so sehr die Schere zwischen Original und Neuinterpretation auch aufklappt, so sehr wurde auch die Fahne des Respekts stets hoch gehalten – und wenn man mal ehrlich ist: Wie viele Serien und Filme sind im Grunde nichts weiter als Sherlock Holmes-Remakes? Man schaue sich nur mal „psych“, „The Mentalist“ oder „Dr. House“ an, und selbst „CSI“ gäbe es wohl ohne die doylesche Blaupause nicht in dieser Form. Warum also nicht den Kreis schließen und eine Serie erschaffen, die zeigen könnte, wie die Sherlock Holmes-Geschichten denn ausgefallen wären, wenn es einen Doyle heute gäbe und er erst heute, zwölf Dekaden später, Krimis geschrieben hätte?

Eine weitere Verbindung zwischen dem Damals und der Jetztzeit findet sich ebenfalls unübersehbar: Einerseits bestehen nämlich in den insgesamt 24 Episoden procedural-typische in sich geschlossene Fälle, und Staffel-, ja gar Serienübergreifend werden andererseits die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren erzählt und aufgerollt und greifen in deren alltägliches Geschehen ein (Drogensucht, berufliche Vergangenheit, Erzfeinde wie Moriarty, die Liebe zu Irene Adler).

Elementary Season 1 - Szenenfoto © ParamountSerienerschaffer Robert Doherty und seine Crew sowie die exzellenten Darsteller Jonny Lee Miller, Lucy Liu, Aidan Quinn und Jon Michael Hill und die unzähligen Nebendarsteller haben allesamt Mut bewiesen, dieses Experiment des „neuen Sherlock Holmes im heutigen New York“ zu wagen, und dieser Mut sollte belohnt werden – denn man hat nicht den Fehler begangen, es mit den Modernisierungen zu übertreiben, und auch die Tatsache, dass „Elementary“ nicht so klinisch und hochglanzpoliert ist wie so einige US-Produktionen, ist den Verantwortlichen hoch anzurechnen.

Und wenn man nach Strickfehlern suchen möchte, dann findet man diese sicherlich auch – aus rein subjektiver Sicht ist „Elementary“ zuweilen vielleicht etwas zu protagonistenlastig (Quinn sowie Hill sehen neben Liu und Miller doch etwas blass aus), und gerade gegen Ende der Staffel gibt es so ein paar Dinge, die trotz intensiver Bemühungen um Innovation ein wenig vorhersehbar sind. Doch da das Gesamtniveau dieser Fernsehserie überdurchschnittlich hoch ist, fallen diese eventuellen Mängel bestenfalls marginal ins Gewicht.

„Elementary“ ist daher für den Fan guter Krimiserien äußerst empfehlenswert, zumal sie trotz zeitlicher Aufmotzarbeit realistisch, echt und bodenständig ist.

Ein Ärgernis ist, was momentan im deutschen Free-TV mit der Serie geschieht. Zuerst wurde sie auf Sat.1 nach einer Unterbrechung von einem recht gut akzeptierten auf einen ungünstigen Sendeplatz verlegt, dann spontan zur Verwirrung der Zuschauer wieder auf den alten Sendeplatz geschoben, um dann die letzten zwei Episoden nicht zu zeigen. Und dann mal eben doch, aber auf SIXX. Anschließend wurde Werbung dafür gemacht, dass die letzten beiden Folgen dann doch donnerstags auf Sat.1 gezeigt werden und es dann – ebenfalls donnerstags – mit der zweiten Staffel nahtlos weiter geht – um kurze Zeit darauf den Stecker erst mal komplett zu ziehen. Dann war kurz kabel eins im Gespräch, wo man freitags die zweite Staffel zeigen wollte. Um dann nun doch erst einmal die erste zu wiederholen. Wenn sich die Sendergruppe nun noch wundert, dass der Zuschauer keine Lust mehr auf solcherlei Hickhack hat und die Einschaltquoten der Wiederholungen in den Keller sinken, muss man sich ernsthaft fragen, wie naiv die Verantwortlichen eigentlich sind – und für wie naiv und geduldig sie ihre Zuschauer halten.  Man kann es schon kommen sehen, das „worst case scenario“: Die Wiederholungen floppen, mittendrin wird der Stecker gezogen – und die zweite Staffel lässt noch länger im deutschen Fernsehen auf sich warten. Möglicherweise für immer. Es wäre jammerschade um die Serie. Aber es wäre auch nicht das erste Mal, dass Serien auf diese Weise kaputtgesendet wurden.

Etwas, was im Vorfeld bereits für verständlichen Unmut gesorgt hat (aber wofür die Serie selbst natürlich nichts kann), ist der Preis, für den „Elementary“ hierzulande verkauft werden soll. Der Serienfan muss nämlich sehr tief in die Tasche greifen: Da eine Staffelhälfte fast 30 Euro kostet, muss er für die komplette erste Staffel fast 60 Euro auf den Tisch legen – eindeutig zu viel, wenn man bedenkt, dass ähnlich aufwändige aktuelle Serienstaffeln für nicht mal zwei Drittel dieses Preises den Weg in den Handel finden.

Cover & Szenenfotos © Paramount

  • Titel: Elementary
  • Originaltitel: Elementary
  • Staffel: 1.1 und 1.2
    (jeweils separat erhältlich)
  • Episoden: Jeweils 12 von insgesamt 24 Folgen der 1. Staffel
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2012
  • Genre:
    Krimi, Serie, Psychologie
  • Erschienen: 06.03.2014
  • Label: Paramount
  • Spielzeit:
    Staffel 1.1:
    502 Minuten auf 3 DVDs
    Staffel 1.2: 498 Minuten auf 3 DVDs
  • Darsteller:
    Jonny Lee Miller
    Lucy Liu
    Aidan Quinn
    John Michael Hill
    u.v.m.
  • Produktion: Alysse Bezahler
  • Idee:
    Serie:
    Robert Doherty
    Bücher:
    Arthur Conan Doyle
  • Musik: Sean Callery
  • Extras:
    Staffel 1.1:
    Ein ganz eigener Holmes
    Liu und Watson
    Staffel 1.2:
    Holmes Sweet Holmes
    Set-Tour mit Lucy Liu
    VBS-Starterpromos (x6)
    Die Macht der Beobachtung
  • Technische Details (DVD)
    Bildformat:
    16:9
    Tonformat:
    Surround; Dolby Digital 5.1
    Sprachen:
    Surround: Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch;
    Dolby Digital: Englisch
    Untertitel:
    Deutsch, Englisch SDH, Dänisch,
    Holländisch, Finnisch,
    Französisch,
    Italienisch, Norwegisch, Spanisch,
    Schwedisch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei Paramount

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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