Harry Wild – Mörderjagd in Dublin – Staffel 1 (Serie)

Harriet “Harry” Wild ist hingebungsvolle Literaturprofessorin am Dubliner Trinity College. Doch der Ruhestand ruft. Und was macht man, bevor die Langeweile das Rentnerinnendasein bestimmt? Schon Miss Marple wusste Bescheid, Jessica Fletcher ebenso: Frau geht auf Mörderjagd. Schreibt sie halt nicht den großen irischen Roman wie vorgenommen.

Nachdem ihr vom jungen Fergus die Geldbörse geklaut wurde, kommt die energische Harry bei ihrem Sohn, dem Polizisten Charlie, unter. Sehr zur Freude ihrer Enkelin Lola und der Missbilligung der schnippischen Schwiegertochter Orla. In einer schlaflosen Nacht blättert Harry illegalerweise in offen liegenden Fallakten herum und entdeckt literarische Bezüge in dem offenen Mordfall. Doch anstatt ihre Hinweise ernst zu nehmen, reagiert der gut vierzigjährige Charlie wie ein bockiger Teenager: Er hört nicht zu und macht dicht.

Also bleibt Harry nach eigenem Ermessen nichts anderes übrig, als selbst zu ermitteln. Dazu freundet sie sich mit Fergus an, auf den sie zufällig gestoßen ist und ihn verfolgt hat. Nur um festzustellen, dass er eine gute Seele ist, die aus den richtigen Gründen das Falsche getan hat. Fortan ist er erst sperriger, dann williger Schüler und Partner in Crime an Harrys Seite.

Natürlich lösen die Beiden unter lebensbedrohlichem Einsatz den Fall und düpieren damit Charlie und seine Kollegen, die auf falschen Fährten herumirren. Die Formel ist entworfen und wird im Folgenden nur marginal variiert. Harry und Fergus, manchmal unterstützt vom Unikum Glenn und/oder Enkelin Lola, stoßen auf ein mysteriöses Delikt, mischen sich ein, geraten in Gefahr und kommen schlussendlich heil wieder aus der Bredouille. Manchmal auch dank Charlies späterer Unterstützung.

Wenn Autorin Jo Spain in der Bonus-Sektion zugibt, dass die Fallgeschichten nur zweitrangig sind, weiß man, worauf man sich bei “Harry Wild – Mörderjagd in Dublin” (mit dem ungleich gelungenen Originaltitel “Wild about Harry”) einlässt: Spaß und Spannung mit einem ausgewogenen und fein harmonierenden Ensemble. Und das funktioniert.

Beginnend bei Hauptdarstellerin Jane Seymour, die klar das Zentrum der Show ist, ohne ihre Co-Stars völlig verblassen zu lassen. Forsch, selbstbewusst und meist ohne Rücksicht auf Verluste und die Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen, pflügt sie durchs Leben und die aufgepickten Fälle, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie raucht, trinkt, flucht und verschleißt Liebhaber. Unter anderem Charlies Chef, den verheirateten Commissioner Ray Tiernan, was für ein paar der witzigsten Szenen und Verwicklungen sorgt. Wie sagt es Serienschöpfer David Logan so schön im Bonus: “Harry, die immer recht hat, auch wenn sie sich irrt.”

Die Mordfälle orientieren sich altmodisch am Whodunnit, flirten aber unverhohlen mit der Gegenwart, wenn nicht gerade Harrys Profession, die Literatur, eine gewichtige Rolle spielt. So gibt es eine tödliche Menschenjagd mit Live-Streaming (“Einer wird gewinnen”, mit dem wesentlich kurioseren Originaltitel: “Samurai Plague Doctor Kills For Kicks”), einen Mord während eines Zoom-Meetings (hier ist der deutsche Titel witziger: “Susans Perücke… verzweifelt gesucht”) und kleine Spielchen mit Influencereien (“Operation Mincemeat”, ansonsten ein klassisches Täuschungsmanöver). “Die besten Pläne gehen nach hinten los” ist eine Cluedo-Variante, die in Harrys Stamm-Pub als einziger Location, während eines Stromausfalls, spielt.

Das Finale “Keiner kommt hier lebend raus” bringt noch einmal die Stärken und Schwächen der Serie aufs Tapet. Besetzung und Dialoge sind wie gewohnt charmant und burlesk, Charlie (Kevin Ryan, der in “Copper” einen kompetenteren und tafferen Polizisten spielen durfte) wie üblich begriffsstutzig, um am Ende doch rechtzeitig vor Ort zu sein. Ist schon gut, wenn man einen Deus Ex Machina in der Familie hat. Harry darf wieder gewohnt pfiffig kombinieren, um sich beim Herumschnüffeln, genauso obligatorisch, dämlich anzustellen.

Fergus und Harry werden wieder einmal (zu oft) überwältigt und können sich, trotz herumliegender Messer, Gabeln und genügend Bewegungsfreiheit, körperlich nicht gegen Mrs. Doubtfires durchgeknallte Schwippschwägerin durchsetzen. Mit dem Mundwerk allerdings schon.

Darum geht es schließlich bei “Harry Wild – Mörderjagd in Dublin”, und das beherrscht die Serie stilsicher: Einigermaßen bizarre Tableaus mit Witz und ein bisschen Spannung aufzubauen und aufzulösen. Dazu gesellt sich ein gerüttelt Maß an popkulturellen Verweisen und Späßchen.

Wobei der beste Gag nur in der deutsche Synchro vorkommt:
Fergus, am frühen Morgen zur verkaterten Harry: “Äh, als Bondgirl gehen Sie so nicht mehr durch!”
Im Original moniert er nur, dass Harry grünlich aussehe. Da finden wir die Anspielung auf Seymours frühen Auftritt als Solitaire in Roger Moores erstem Bond-Film “Leben und sterben lassen” (“Live And Let Die”) doch ulkiger.

Cover und Bilder: Edel Motion/Glücksstern

  • Titel: Harry Wild – Mörderjagd in Dublin, Staffel 1
  • Originaltitel: Wild About Harry
  • Produktionsland und -jahr: Irland, 2022
  • Genre: Krimiserie, Dramedy, Screwball Comedy
  • Erschienen: 03.06.2022
  • Label: edel Motion
  • Spielzeit:
    ca. 400 Minuten auf 3 DVD
  • Darsteller: Jane Seymour
    Rohan Nedd
    Kevin Ryan

    Stuart Graham
    Amy Huberman
    Paul Tylak .
    Rose O’Neill
    Esosa Ighodaro
    Ciara O’Callaghan
  • Regie: Rob Burke
    Ronan Burke
  • Drehbuch: David Logan (Creator)
    Jo Spain
  • Musik: Ray Harman
  • Kamera: David Grennan
    JJ Rolfe
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    Bildverhältnis 16:9
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch, Dolby Digital 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 10/15 dpt

 


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