Desierto – Tödliche Hetzjagd (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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desierto-toedliche-hetzjagd-blu-ray-br_desiertoJonás Cuarón ist der Sohn des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Alfonso Cuarón, der unter anderem das dystopische „Children of Men“ inszenierte, mit „Der Gefangene von Askaban“ am Harry-Potter-Franchise beteiligt war und für „Gravity“ den Regie-Oscar gewann. Einer von sieben Statuetten 2014. Jonás Cuarón war als Drehbuchautor am Welterfolg des Weltraum-Kammerspiels beteiligt.

„Desierto – Tödliche Hetzjagd“ ist, nach drei Kurzfilmen in Eigenverantwortung, seine erste Regiearbeit in Spielfilmlänge. Aus dem Weltraum führt es zurück auf die Erde, hinein in ein, gerade angesichts der Tagedesierto-toedliche-hetzjagd-blu-ray-x-xxyxxsaktualität, höchst beklemmendes Thema. Obwohl in den letzten Jahren infolge der kriselnden Wirtschaft die Zahl der Rückwanderer nach Mexiko die der Einwanderer übersteigt, flüchten tagtäglich Menschen (nicht nur aus Mexiko) trotz ausgebauter Grenzanlagen und verschärfter Überwachung in die USA. Teilweise über immer gefährlichere und unzugänglichere Routen. Laut Border Patrol starben zwischen 1998 und 2013 6029 illegale Migranten beim Grenzübertritt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Seit 2005 ist das Verhältnis zwischen Toten und lebend festgenommenen Flüchtlingen um einiges gestiegen.

„Desierto – Tödliche Hetzjagd“ handelt von einem mörderischen Zusammenstoß inmitten der kargen Wüste, bei Temperaturen weit über 40°. Eine Gruppe von Einwanderern trifft auf den Jäger Sam und seinen Hund Tracker. Nachdem der Fluchtwagen mit einem Motorschaden liegengeblieben ist, sind die Flüchtlinge zu Fuß unterwegs. Leichte Beute für den Ex-Soldaten und Scharfschützen Sam, der ohne Umschweife von der Kaninchen- zur Menschenjagd umschwenkt. Lediglich eine Splittergruppe entkommt der gnadenlosen Hinrichtung. Vorerst. Denn der selbsternannte Grenzschützer hetzt den kleinen Pulk durch die unerbittliche Hitze und unwegsames Gelände. Er ist bewaffnet, besitzt einen Pickup und einen scharfen Jagdhund. Es sieht übel aus für die Verfolgten. Doch der junge Moises, der auf dem Weg zu seinem, in den USA lebenden, Sohn ist, erweist sich als zäher Gegner, fast zwangsläufig entwickelt sich die Handlung zu einem Duell in der Sonne zwischen Moises und Sam.

Natürlich stehtdesierto-toedliche-hetzjagd-blu-ray-172254-jpg-r_640_600-b_1_d6d6d6-f_jpg-q_x-xxyxx „Desierto – Tödliche Hetzjagd“ in der Tradition seines großen Ahnen „The Most Dangerous Game“ („Graf Zaroff – Genie des Bösen“), der nachdrücklichen Blaupause aller Menschenjagd-Thriller. Er funktioniert als spannender Actionfilm über weite Strecken hervorragend. Die dem Genre innewohnende Tendenz zu logischen Brüchen muss man anscheinend in Kauf nehmen (unter anderem verfehlt der sichere Schütze Sam ein ums andere Mal das ermattete und gut sichtbare Ziel Moises, außerdem halten es die Figuren verdammt lange ohne Wasservorräte in der sengenden Hitze aus. Bei schwerster körperlicher Beanspruchung). Schwamm drüber, diesen Tribut zahlen wir gerne ans Medium Film. Werden dafür entschädigt durch eine stilsichere Bildgestaltung, die geschickt zwischen weiten Panoramen und dicht angesetzten Profilaufnahmen variiert. Die berüchtigte „Wackelkamera“ kommt nur selten und äußerst zweckdienlich in ausgewählten Fluchtsituationen vor.

Die gezeigte Gewalt wird ebenfalls dem Sujet entsprechend eingesetzt. Sie beschönigt nichts, es gibt blutige Einschüsse, Knochenbrüche und heftige Hundeattacken, doch Regisseur Cuarón vermeidet jede graphische Ausbeutung. „Desierto“ wird zu keinem Zeitpunkt zum gewaltzelebrierenden Slasher. Die Altersfreigabe „Ab 18“ ist überzogen, geradezu angesichts der gesellschaftspolitischen, gegenwartskritischen Komponente hätte eine Freigabe des ungekürzten Films ab sechzehn Jahren drinsitzen müssen.

Auch bedingt durch die aktuellen Geschehnisse (Wahl eines menschenverachtenden Soziopathen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten) gewinnt „Desierto“ an bedrückender Eindringlichkeit und Brisanz. Dieser Faktor wird nicht dem Film nicht nachträglich zugetragen, sondern ist in seiner gesamten Anlage bereits vorhanden. Jonás Cuarón wählt einen didaktisch anspruchsvollen, aber nicht moralinsauer belehrenden Ansatz. Seine Figuren sind Reflektoren eines bestehenden Zustandes, keine filigran und vor allem dezidiert ausgearbeiteten Charaktere.

Es liegt amdesierto-1 schauspielerischen Können Gael García Bernals und Jeffrey Dean Morgans, dass die Antagonisten ein menschliches Antlitz bekommen. In diversen Kritiken wurde dem Autoren Cuarón vorgeworfen, dass er Jeffrey Dean Morgan mit zu wenigen Konturen versehen habe und so sein darstellerisches Potenzial verschenke. Ein Filmbewerter verstieg sich sogar in den Wunsch, man hätte Sam mit einem Background ausstatten müssen, der seinen Hass auf die Mexikaner erklärt. Vergewaltigung seiner Ehefrau, gewaltsamer Tod eines Familienangehörigen oder ähnliches. Klar, unser Redneck als freundlicher Vigilant von nebenan, der nur ein Trauma gewaltsam abarbeitet. Diesen Film wird möglicherweise Donald Trump demnächst in Auftrag geben…

Doch verweigert sich Jonás Cuarón derartigen Ansprüchen. Sein Sam benötigt keine Hintergrundstory, ebenso wie Moises Geschichte auf ein gefühliges Rudiment verkürzt ist. Der Hass des verbitterten Mannes auf Migranten, auf alles, was er als Minderwertiger als sich selbst und seinen Hund einstuft, der Mangel an Empathie, der beiläufige Rassismus, sind keine individuellen Wesensschwächen (oder ein von außen erzeugtes Traumata), sondern ein Bewusstseinszustand, der über die Charakterschöpfung eines misanthropischen Scharfschützen hinausgeht.

Ebenso wenig findet das Gegenteil statt, eine Dämonisierung des Mannes. Sam ist kein auf hinterhältig, gemein und böse getrimmter Superschurke wie ihn Jeffrey Dean Morgan als Negan in „The Walking Dead“ spielt. Sein Sam ist ein grummeliger alternder Mann, der im Unfrieden mit sich und seiner Welt lebt. In seinem einzigen längeren Monolog bekennt er dezidiert, dass ihm am gegenwärtigen Amerika eigentlich gar nichts liegt. Diesen Ausflug in weinerliche Bigotterie hätte man sich zwar schenken können, er funktioniert aber trotzdem als Erläuterung einer so durchschnittlichen wie irrationalen und gebrochenen Seele.

Sam ist der Vertreter einer Gesellschaft, die eine Art der Freiheit propagiert, die nur auf das eigene (Gemein)wesen bezogen ist. Alles ‚Andere‘ wird mit beiläufiger Selbstverständlichkeit zur Bedrohung erklärt und darf somit bedenkenlos ausgemerzt werden. Das führt „Desierto“ so plakativ wie effektiv vor.

Zum zwingenden, analytischen Polit-Thriller fehlt ihm ein wenig die bittere Konsequenz eines „Figures in a Landscape“ („Im Visier des Falken“) von Joseph Losey oder Peter Watkins „Punishment Park“ („Strafpark“), doch als karger Actionfilm mit bitterem und leider auch realitätsnahem Hintergrund funktioniert „Desierto – Tödliche Hetzjagd“ ausgezeichnet. Allerdings bin ich skeptisch, ob es zum Auslands-Oscar reicht, für den das Werk vorgeschlagen ist. Andererseits, angesichts der herrschenden politischen Situation, wer weiß…

Stellvertretend Sams zynischer Kommentar im Anschluss an einen tödlichen Schuss ins Herz eines bereits verwundeten Flüchtlings:

„Willkommen im Land der Freiheit!“

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Cover und Fotos © Ascot Elite

  • Titel: Desierto – Tödliche Hetzjagd
  • Originaltitel: Desierto
  • Produktionsland und -jahr: Mexiko, Frankreich, 2015
  • Genre:  Action, Menschenjagd-Thriller
    Erschienen: 21.10.2016
  • Label: Ascot Elite Home Entertainment
  • Spielzeit:
    85 Minuten auf 1 DVD
    88 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Gael García Bernal
    Jeffrey Dean Morgan
    Diego Catano
    Alondra Hidalgo
    Regie: Jonás Cuarón
  • Drehbuch:
    Jonás Cuarón
    Mateo Garcia
  • Kamera: Damian Garcia
  • Musik: Woodkid
  • Extras: 
    Deutscher Trailer, Originaltrailer
    Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video: 16/9, 1.85:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video: 16/9, 1.85:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Filminfos und Erwerbsmöglichkeiten @ Ascot Elite

    Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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