Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe (Hörbuch, gelesen von Torben Kessler)

1

Scott Hutchins - Eine vorläufige Theorie der Liebe (Hörbuch, Cover © Osterwold Audio)In den Mittdreißigern haben es so einige “geschafft”. Bombenjob, wunderbare Familie, Glück. Doch Neill Bassett Juniors frische Ehe geht alsbald in die Brüche, und so führt ihn sein auch sonst eher suboptimal verlaufendes Leben sogar zu furchtbar peinlichen Single-Tennisabenden. Doch hinsichtlich Arbeit geht es mit ihm überraschend aufwärts, denn das fünftausend Seiten starke Tagebuch seines Vaters, welches dieser nach seinem Selbstmord hinterlassen hat, führt ihn zum Silicon Valley und soll ihm bei der Programmierung eines nie dagewesenen Computers mit künstlicher Intelligenz helfen – einer KI, die auch zu Empfindungen fähig ist. Der Motor des Lebens ist wieder angesprungen, der Job war der zündende Funke.

Daten stehen ihm zuhauf zur Verfügung, also füttert Neill den Computer Stück für Stück mit selbigen und unterhält sich hierbei mit der Maschine, damit diese die Dialogführung erlernt. Doch das Lernen findet nicht nur seitens des Superrechners statt, denn durch die virtuellen Zwiegespräche mit dem selbst erschaffenen Vater aus Nullen und Einsen kommt er schrittweise der Antwort auf die Frage, weshalb sich der Senior das Leben nahm, auf die Spur. Und es ist abzusehen: Während Neill dem digitalen Abbild seines Erzeugers die Liebe beizubringen versucht, ist er selbst es, der über die Liebe Ungeahntes lernt. Und auch über sich selbst. Die Herausforderung wird zu einer Obsession… Außerhalb der Arbeit lernt er zudem Menschen – darunter eine offene wie rätselhafte Frau – kennen, die sein Leben und sein Denken neu zu formatieren in der Lage sind. Auf moralischer, sexueller, ethischer und auf geistiger Ebene.

Der US-Autor Hutchins, der mit “Eine vorläufige Theorie der Liebe” nach ein paar Erzählungen in Zeitungen und Magazinen sein Romandebüt vorlegt, benötigt mit seinem vereinnahmenden Schreibstil nicht viel Zeit, um den Geschichtenverfolger für seine Story zu begeistern, denn der Roman ist in einer äußerst angenehmen Geschwindigkeit geschrieben, sodass es nie schleppend oder hektisch wird. Man bekommt genau zu den richtigen Zeitpunkten einen Moment zum Luftholen, bevor sich die nächsten Dinge ereignen oder Basset Jr. wieder ein Stück weiter mit dem Jetzt, der Zukunft oder der Vergangenheit gelangt ist.

Besonders originell bei diesem (Hör-)buch ist, wie Scott Hutchins in den arbeitslastigen Kapiteln die Chat-Dialoge zwischen Junior und “Senior” in die Storyline einflicht. Dialoge und die Erzählung Neill Basset Juniors in der 1. Person unterbrechen einander, sodass man gleichzeitig in den Kopf des Sohnes hineinschauen kann und vor dem inneren Auge des Hörers ein sich immer mehr verfeinerndes Pixelmosaik langsam zu einem imaginären Gesicht mit Konturen und später Feinheiten entsteht – ein digitales Grundgerüst wird “step by step” zur Realität. Und gerade dieses Wechselspiel wirkt wie ein Strudel. Einer, der oftmals blitzartig umkehrt und dann eine Fliehkraft entwickelt, die den Hörer hinausschleudert. Und wieder einsaugt. Wäre dieser Roman ein Jahrmarkts-Fahrgeschäft, wäre er ein Breakdance in Zeitlupe, aber mit gleicher Wucht.

Nicht ganz unschuldig daran ist Sprecher Torben Kessler, der hier einen Sprechstil pflegt, welcher gleichzeitig eine verletzliche Distanziertheit und eine entwaffnende Ehrlichkeit in sich birgt, die dem Hörer häppchenweise das Innenleben des Protagonisten offenbart; Zuerst ist die Tür nur einen winzigen Spalt geöffnet, dann öffnet sie sich zaghaft, und irgendwann steht man mitten im Raum. In Juniors Kopf. Und in Seniors Geist. Und der Raum öffnet sich, und unverhofft findet man sich mit Neill unter diesen neu kennengelernten Menschen wieder. Und dann wieder im dunklen Raum vor dem Megarechner. Nullen und Einsen, Virtualität versus Realität, Liebe versus Ablehnung, Hoffnung versus Aufgabe, Kesslers “ganz nah” und sein “weit weg”. Dualität, wohin man schaut. Gleichermaßen Fragen beantwortend wie aufwerfend. A wie B. 0 wie 1. Yin wie Yang, Dunkelheit wie Helligkeit, Licht wie Schatten.

Ja, “Eine vorläufige Theorie der Liebe” ist packend und originell und lässt einen erst in Ruhe, wenn man die abschließenden Zeilen gehört hat. Und irgendwie doch nicht…

Cover © Osterwold Audio/Hörbuch Hamburg

  • Autor: Scott Hutchins
  • Titel: Eine vorläufige Theorie der Liebe
  • Originaltitel: A Working Theory of Love
  • Übersetzer: Eva Bonné
  • Label:
    Osterwold Audio
    (Hörbuch Hamburg)

  • Erschienen: 10.03.2014
  • Sprecher: Torben Kessler
  • Spielzeit: 456 Minuten auf 6 CDs
  • ISBN: 978-3-86952-207-4
  • Sonstige Informationen:
    Gekürzte Lesung
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
∇ mehr über Chris Popp/Kontakt


1 Kommentar

  1. Pingback: Das war 2014 - Chris Popp

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Dann abonniere unseren Newsletter!

Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
1