Michael Poore – Der raffinierte Mr. Scratch (Buch)

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Michael Poore - Der raffinierte Mr. Scratch (Cover © Lübbe)Eines vorweg: Die Idee, mit einem satirisch-skurrilen, zuweilen herrlich makaberen Roman Kreationismus, Evolution und den Teufel – jener allzeit präsent in Menschengestalt – miteinander kollidieren zu lassen, ist dem Autoren hoch anzurechnen, denn in dieser Form dürfte dies wohl recht einzigartig sein. Doch noch mehr vorweg: Wenngleich die Story einen gewissen Unterhaltungspegel halten kann, entsteht oft der Eindruck, als habe Poore sich zu viel zugemutet.

Doch fangen wir von vorne an und ignorieren sowohl den irreführenden Klappentext als auch das, was auf dem Backcover prangt, denn es gibt nicht so wirklich wieder, was sich in „Der raffinierte Mr. Scratch“ ereignet. Im Grunde ist dieser durchaus mächtige Schinken eine satirische Parabel, die der Gesellschaft der letzten Jahrhunderte (nein, gar bis ins alte Ägypten reichend!) inklusive all ihrer Entwicklungen, Ideale und Fortschritte den Spiegel vorhält. Protagonist ist der Teufel – hier „Mr. Scratch“ genannt -, der in vielen Epochen zu Hause ist und war und hier und dort sehr einflussreich agierte. Selbst Personen von geschichtlich hoher Bedeutung kreuzen hierbei seinen Weg. Und mittendrin, Ende der 60er, scheint eine aus drei Hippies bestehende Restband, die ihren Bandleader verloren hat, eine wichtige Rolle bei alldem zu spielen – ihre Story bildet einen der beiden Erzählstränge des Buches.

Dieser Teufel ist allerdings kein gewönlicher, denn er ist dazu in der Lage, menschliche Gefühle zu äußern und zu empfinden, und das lässt ihn einerseits zum Sympathen, andererseits zum Hassobjekt werden. Eine Lovestory ereignet sich einerseits, andererseits ist er zu grausamen Dingen fähig, die durch ihre Absonderlichkeit durchaus auch einem Horrorroman entsprungen sein könnten – inklusive widerlichster Szenen. Doch letztendlich kann man auch den menschgewordenen Beelzebub eher als eine Metapher sehen – als eine Hälfte der Dualität allen Lebens. Wo Gut ist, ist auch Böse nicht weit, wo hier dunkel ist, ist dort hell, laut versus leise, schön versus hässlich, Liebe versus Hass, Zärtlichkeit versus Brutalität. Überall dazwischen: Philosophie.

Grundsätzlich hat der Schriftsteller hier eine reizvolle Idee vorgestellt, aber beim Knüpfen, Stricken und Weben der Storyfäden fällt auf, dass die Maschen oftmals unregelmäßig sind und das fertige Konstrukt einige Löcher aufweist. Diese versucht Poore mit Flickschusterei zu stopfen beziehungsweise miteinander zu verbinden, sodass die humoristischen Pointen und die dramatischen Höhepunkte durch die dramaturgische Unsicherheit leiden. Vieles wirkt schlichtweg bemüht, konstruiert und mit Füllstoff im literarischen Sinne zu einer kompletten Story aufgeblasen.

Erschwerend kommt  hinzu – und dafür kann der Autor ausnahmsweise nichts -, dass der Fehlerteufel (sic!) hier sehr häufig mit seinem Dreizack in die Seiten gepiekst hat, sodass man demjenigen, der dieses Werk lektoriert hat, am liebsten ein mit Rotstift bearbeitetes Exemplar zusenden möchte – der Lesefluss wird hierdurch erheblich beeinträchtigt.

Letzten Endes weckt dieses Buch durch seine Farbgebung, durch den Titel und die Texte auf Klappe und Buchrückseite Neugier, die nicht so recht befriedigt wird. Stattdessen sieht man sich als Leser mit einer Geschichte konfrontiert, die zuweilen eher wie eine Abarbeitung einer Konzeptliste wirkt – so als hätte sich Poore das ein oder andere aus den Fingern gesogen und unter Zeitdruck alles Vorhandene zu einem fertigen Roman zusammengepuzzlet. AUnd das sorgt letztendlich dafür, dass die wirklich originellen und gehaltvollen Passagen und Ansätze in diesen weit über 400 Seiten Inkonsistenz untergehen.

Schade, zumal Potential in rauen Mengen vorhanden ist.

Cover © Lübbe

  • Autor: Michael Poore
  • Titel: Der raffinierte Mr. Scratch
  • Teil/Band der Reihe:
  • Originaltitel: Up Jumps the Devil
  • Übersetzer: Axel Merz
  • Verlag: Lübbe
  • Erschienen: 01/2014
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 447
  • ISBN: 978-3-7857-6101-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei Lübbe

Wertung: 7/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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