Andreas Eschbach – Time*Out (Hörbuch, gelesen von Stefan Kaminski)

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Andreas Eschbach - Time*Out (Hörbuch)Der Kampf gegen die Kohärenz, ein Netzwerk, welches durch in Nähe des Riechnervs eingepflanzte Mikrochips untereinander kommuniziert und die Menschheit in einem gnadenlos voran schreitenden Prozess zu einer gleichgeschalteten Einheit verschmelzen lassen will, geht weiter. Nachdem der Hacker „Computer*Kid“, bürgerlich Christopher Kidd und das Geschwisterpaar Kyle und Serenity der Kohärenz erst einmal entrinnen und vom Hide Out aus keinerlei Erfolge gegen dieses globale Netzwerk verbuchen konnten, durchfährt es Christopher wie ein Blitzschlag, als er von einer riesigen, aggressiven Werbekampagne erfährt:

John Salzman, der Gründer des renommierten FriendWeb, möchte den Lifehook etablieren – ein Chip, mit dem die Menschen bar jenes Aufwands gedanklich miteinander kommunizieren können. Das kommt gerade bei den Jugendlichen bestens an – wer möchte schon ein Außenseiter sein und sozial ausgegrenzt werden, speziell bei Dingen, die man „einfach haben muss“? – doch Christopher ist sich absolut sicher, dass die Kohärenz der treibende Motor hinter alledem ist. Weiterhin nichts zu tun kommt nicht mehr in Frage.

Der junge Hacker kann es nicht zulassen, dass die Menschen sich weiterhin allesamt Chips einpflanzen lassen, und so muss eine Lösung gefunden werden. Christopher meint zu ahnen, wo der wunde Punkt des Netzwerks, des kollektiven Ichs, liegen könnte. Er und Serenity stehen vor einem potentiellen Wendepunkt ihres Lebens: Wenn sie sich zu dem aufmachen, was sie vor haben, könnte das gut gehen – muss es aber nicht. Sie riskieren es und wollen der Kohärenz endlich das Handwerk legen, und während dieser Schlacht geschehen Dinge, mit denen sie in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet hätten.

Mit dem abschließenden Teil der Trilogie erlebt die Story ein fulminantes, von unerwartet vielen Ereignissen gespicktes Finale, bei welchem Autor Andreas Eschbach virtuos komplexe Gedankengänge und ebensolche Handlungsstränge ineinander verknotet und sämtliche Knoten auch erst ganz am Ende platzen lässt. Sozialkritik, Sozialexperimente, Philosophie, Endzeitdrama, die gute und die schlechte Seite des technischen Fortschritts – all diese und noch einige Komponenten mehr wurden von Eschbach zu einer komplexen und dennoch stets nachvollziehbaren Geschichte verschmolzen, die fasziniert und den Leser beziehungsweise Zuhörer buchstäblich in ihren Bann zieht. So floskelhaft sich das an dieser Stelle lesen mag, so wahr ist es auch – zumindest aus subjektiver Sicht.

Ein besonders erfreulicher Punkt ist der, dass „Time*Out“ die Trilogie nicht klischeehaft abschließt, sondern eine gänzlich andere Route eingeschlagen wird, die tatsächlich für eine Überraschung in letzter Sekunde sorgt. Somit kann man die bei den Vorgängern angebrachte Kritik bezüglich des Tempoverlustes, welcher gegen Ende von „Black*Out“ Einzug nahm und sich noch etwas in „Hide*Out“ ausbreitete, getrost relativieren, denn wenn man alle drei Romane in ihrer Gesamtheit reflektiert, war diese Reduktion der Ereignisdichte nichts weiter als eine perfekt gesetzte Luftholphase.

Wie bei den ersten beiden der drei Teile mimt Stimm-Morpher Stefan Kaminski den Vorleseonkel, und einmal mehr zeigt er sich in hervorragender Form und verleiht der Story viel Dynamik, vor allem aber gelingt es ihm problemlos, den einzelnen Figuren ein beinahe plastisches Bild auf den Leib zu sprechen. Während Kaminski Wolfgang Herrndorfs „Sand“ fast sachlich und nüchtern wiedergab und im krassen Gegensatz dazu bei Anonymus‘ „Das Buch ohne…“-Reihe ein überzeichnet-comichaftes Tim Burton-Flair erzeugte, präsentiert er hier eine realistisch-lebendige Seite von sich und manifestiert seinen guten Ruf in der Hörbuchwelt.

Die Trilogie findet in „Time*Out“ ein mehr als würdiges Ende, der auch lange nach dem Lese-/Hörgenuss zum Denken anregt, und wenngleich die drei Bücher allgemein als Jugendbücher deklariert sind, sollte man sich als Erwachsener nicht von dieser Etikettierung abschrecken lassen, denn würde man die Protagonisten gegen doppelt so alte Figuren austauschen, würde das Ganze auch als Thriller-Trilogie, ja gar als „Thrillogie“ für Erwachsene funktionieren.

Diesen Dreiteiler kann man sich, ganz gleich welchen Alters man ist, als Freund intelligent gestrickter, realistischer und dennoch mit technischen Zukunftsvisionen gespickter Literatur, ohne schlechtes Gewissen ins Regal stellen.

Cover © Arena Audio

  • Autor: Andreas Eschbach
  • Titel: Time*Out
  • Verlag: Arena Audio
  • Erschienen: 10/2012
  • Sprecher: Stefan Kaminski
  • Spielzeit: 420 Minuten auf 6 CDs
  • ISBN: 978-3-401-26630-5
  • Sonstige Informationen: 
    Dritter Teil einer Trilogie
    (Teil 1: Black*Out, Teil 2: Hide*Out)
    Gekürzte Lesefassung

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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