Svetlana Lavochkina – Die rote Herzogin

Satirisches Sprachfeuerwerk

Coverbild: Dierote Herzogin (c) Voland & Quist

Bereits in ihrem Vorwort macht Svetlana Lavochkina klar:
„Die rote Herzogin“ ist keine Lektüre, bei der man sich sanft zurücklehnen und vom Text einlullen lassen kann.

„Autoren sind Sappeure, die nach vergrabenen Bomben in Gedächtniserde suchen. Ihr Ziel ist dabei jedoch nicht, die gefundenen Bomben zu entschärfen, sondern in den Köpfen der Leser explodieren zu lassen.“

Auf nur 128 Seiten entzünden die Autorin und ihre Übersetzerin Diana Feuerbach ein gewaltiges Sprach-Feuerwerk, bei dem man als Leser*in kaum zum Luft holen kommt.

Lavochkina entführt uns in die kleine ukrainische Provinzstadt Zaporoschje. Wir schreiben die turbulenten 1920-er Jahre. Auf Befehl Stalins entsteht ein modernes Wasserkraftwerk am Dnjepr. Doch nicht nur die Natur soll nach dem neuen Weltbild umgeformt werden. Auch die Menschen müssen sich in die sowjetische Gesellschaftsordnung fügen. Ein Prozess, der viele dazu bringt, ihren Lebensentwürfen drastische Wendungen abzuverlangen.

So heiratet die ehemalige Herzogin Darja den jüdischen zum Christentum konvertierten Ingenieur Chaim Katz. Eine lebensrettende Maßnahme, um sich eine bürgerliche Identität zu sichern. Zur Propagandachefin ernannt, begleitet sie das ambitionierte Damm-Bauprojekt, bei dem ihr Mann Bauleiter ist. Skrupellos nutzt Darja ihre Position zum eigenen Vorteil aus.

Macht, das zeigt Lavochkina, korrumpiert immer. So wie das Volk unter der Willkür des Adels im Zarenreich gelitten hat, so leidet es unter der Willkür der neuen sowjetischen Machthaber. Stalin erscheint als neuer Zar, seine Vertreter bilden den neuen Adel ab. Die ehemalige Herzogin verwandelt sich in die „rote Herzogin“.

Doch das neue System bietet keine echte Sicherheit. Darja, die sich nur dem äußeren Schein nach mit dem Kommunismus arrangiert hat, wird ihre Sehnsucht nach der alten Ordnung zum Verhängnis.

Lavochkinas Protagonisten wirken wie aus klassischen russischen Romanen entliehen. Charaktere, wie man sie auch bei Gogol oder Puschkin treffen kann. Sie passen nicht in die neue Zeit. Wie Fremde im eigenen Land manövrieren sie sich durch die Turbulenzen der geschichtlichen Ereignisse. Das Leben ist zum Überleben geworden. Jedwede persönliche Freiheit bleibt dabei auf der Strecke.

Lavochkina porträtiert die Absurdität des Stalinismus in all seinen menschenverachtenden Ausprägungen. Mit spitzer Feder verleiht sie ihrem Roman das Gesicht einer bitterbösen Satire.

Ihre Sprache ist ein Konzentrat aus beißendem Humor und kindlich-naiver Brutalität, aus poetischen Bildern und lakonischen Beschreibungen. Sie überzeichnet die Realität und erzeugt zugleich eine Emotionalität, der man sich nicht entziehen kann. Sie hält uns Leser*innen auf Distanz, und richtet gleichzeitig das Brennglas auf ein besonders grausames Kapitel der Geschichte.

„Die rote Herzogin“, im Februar 2022 bei Voland & Quist erschienen, liefert die Vorgeschichte zu Lavochkinas Erfolgsroman „Puschkins Erben“.

Es ist erschreckend, aber auch aufklärend, anhand der Lektüre zu erkennen, wie sich die Parallelen zwischen dem Sowjet-Terror damals und der russischen Diktatur unter Putin heute darstellen. Geschichte, das zeigt Lavochkinas Roman überdeutlich, ist etwas, das sich in eine Gesellschaft einbrennt.
Geschichte ist niemals einfach vorbei. Sie setzt sich fort und kann leicht zum Ausgangspunkt weiterer Tragödien werden.

Fazit: Nicht nur vor dem aktuellen Hintergrund des Ukraine-Krieges eine absolut bereichernde Lektüre.

  • Autorin: Svetlana Lavochkina
  • Titel: Die rote Herzogin
  • Originaltitel: Dam Duchess
  • Übersetzer: Diana Feuerbach
  • Verlag: Voland & Quist
  • Erschienen: Februar 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 128 Seiten
  • ISBN: 978-3863913236


Wertung: 13/15 dpt


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