Nils Mohl – Es war einmal Indianerland (Buch)

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Nils Mohl - Es war einmal Indianerland (Buch)Sonderbar liest sich das Zitat auf der Buchrückseite, skurril der Klappentext – das Interesse wird zu Neugier, und diese ist erst gestillt, wenn der letzte Punkt des letzten Satzes auf der letzten Seite per Auge und Gehirn erfasst wurde. „Es war einmal Indianerland“ erzählt vom Erwachsenwerden eines siebzehnjährigen Jungen, der am Stadtrand in einem Hochhausgebiet wohnt.

Sommerferien. Im Freibad bringt ein Mädchen namens Jackie die Gefühlswelt des Spätteenagers komplett durcheinander. Edda wiederum, die vier Jahre ältere neue Angestellte aus der ortsansässigen Videothek, stellt ihm nach. Er selbst sieht immer wieder einen Indianer mit Federkrone, braucht Geld, Schlaf und ein Auto. Hat eine Mütze und Edda`s Bohrmaschine. Mauser boxt gegen Kondor. Zöllner würgt seine Frau zu Tode.

Der Leser dieser Zeilen wird sich mit semiintelligentem Gesichtsausdruck am Kopf kratzend fragen: „Hä? Welch wirres Zeug redet dieser Mensch da gerade?“

Viele Fragezeichen poppten auch über dem Kopf des Rezensenten auf, denn ihm erging es bei der Lektüre dieses Romans ähnlich. Das nahm bereits bei der Tatsache den Anfang, dass die Kapitel nicht chronologisch ablaufen, sondern nach einem willkürlich erscheinenden  Muster aufeinander folgen. Schnell wird nachvollziehbar, wieso der Autor vor jedem der zwei Teile des Buches einen Kalender gesetzt hat.

Auch die Kapitel selbst fahren häufig zweigleisig, denn während sich der junge Mann in einer bestimmten Situation befindet, geschieht es ständig, dass sich in seinem Kopf andere Szenen abspielen. Dieses vermeintliche Durcheinander spiegelt letztendlich genau das wider, was in und um ihn herum geschieht. Die Art und Weise, wie sich die Story zusammensetzt, kann man mit einem Puzzle vergleichen, nur, dass dieses nicht mit den Randteilen beginnt, sondern mit irgendeinem beliebigen. Und einem weiteren beliebigen Teil, das, hmmm… hier hin passen könnte… und dieses… vielleicht dort.

Kontinuierlich verschieben sich im Kopf des Bibliophilen mit jedem hinzukommenden Puzzleteil die bereits liegenden, und im letzten Fünftel der Prosa prasseln die restlichen Teile fast einem Platzregen ähnlich hernieder, bis sich das fertige Bild ergibt und man sich sicher ist: Anders hätte Mohl diese Geschichte voller schneller Szenenwechsel und Schnitte gar nicht erzählen dürfen.

Oft ist man sich unschlüssig, ob man die Hauptperson nun in sein Herz schließen möchte oder ihr am liebsten die Pest an den Hals wünschen würde, doch es darf bezweifelt werden, dass es dem Heranwachsenden in dieser Geschichte anders geht. Die Eindringlichkeit, mit der die geschriebenen Zeilen auf den Rezipienten wirken, ist immens. Besonders gut ist dem Autor hierbei die Beschreibung der Gefühle gelungen, und die visuelle Kraft seiner Worte, die er in oft eigenwilliger Schreibweise (gelegentliche Dreier-Wortgruppen, keine französischen Anführungszeichen bei wörtlicher Rede) zu Papier gebracht hat, speichert im Gehirn einen kompletten Film ab – mit dem Unterschied, dass statt zwei der fünf Sinne nach Aristoteles (also Hören und Sehen) alle fünf plus die vier der modernen Physiologie angesprochen werden. Zu passend bei der abenteuerlichen Suche nach sich selbst ist es, dass der Protagonist dieses Buches namenlos bleibt.

Es gibt demzufolge zahlreiche Gründe, diese Lektüre aus dem Jahre 2011 zu einer der größten Überraschungen der letzten Jahre zu küren. Ein wenig irreführend ist jedoch die Bezeichnung „Jugendbuch“, denn für „Es war einmal Indianerland“ sollte man durchaus über eine geistige Reife in Form von – wenn auch noch kurzer – Lebenserfahrung verfügen. Denn ein zwölfjähriger Leser wird mit diesem Roman wenig anfangen können, ein sechzehnjähriger schon eher.

Cover © rororo/rotfuchs

  • Autor: Nils Mohl
  • Titel: Es war einmal Indianerland
  • Verlag: rororo/rotfuchs
  • Erschienen: 2011
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-4992-1552-0

Wertung: 12/15 dpt

(Diese Rezension wurde vom Verfasser überarbeitet und erschien ursprünglich in noisyNeighbours #33. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme!)

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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