Hilary Mantel – Die Ermordung Margaret Thatchers. Storys (Buch)

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Hilary Mantel - Die Ermordung Margaret Thatchers Cover © Dumont BuchverlagGut Ding will Weile haben, auch wenn das Gute in diesem Fall das Bitterböse und Makabere ist. Kaum dass dieser Satz geschrieben ist, treibt es dem Rezensenten die Schamesröte ins Gesicht. Floskeln wie diese braucht doch niemand. Und doch ist dies der Eindruck, der ihm, dem Rezensenten, durch den Kopf schießt, als er den aktuellen, schmalen und doch gewichtigen Erzählband “Die Ermordung Margaret Thatchers” zuklappt und beiseite legt.

Immerhin, so geht die Legende, habe sich Hilary Mantel, die zwischenzeitlich zum Henning Mankell des Historischen Romans avanciert ist, über 30 Jahre Zeit gelassen, die titelgebende Story um die “Ermordung Margaret Thatchers” zu veröffentlichen. Und auch wenn bei vielen Autoren, die irgendwann ihre alten Geschichten aus den verstaubten Schubladen kramen, der Verdacht nahe liegt, es sei ihnen nichts Neues eingefallen, und daher haben sie auf altes, damals für nicht gut befundenes Material zurückgegriffen, so weicht dieses anfängliche Vorurteil bereits nach den ersten Zeilen einem Staunen! Wahrscheinlich hat diese Story, die auf gerade einmal 14 Seiten ein uchronistisches Panorama Englands entwirft, genau diese Zeit des Reifens und Überarbeitens gebraucht – vielleicht auch musste die Geschichte auf den natürlichen Tode Margaret Thatchers warten.

Ausgangspunkt dieser Geschichte ist ein biographisches Erlebnis der Autorin, die 1983 nicht nur freie Sicht auf das Krankenhaus hatte, in dem sich die damalige Premierministerin einer Operation unterzogen hatte, sondern auch auf die Parkanlagen, in denen diese spazieren ging. Einfach so, einer Intuition gehorchend, formte Mantel mit Armen und Händen ein Gewehr, legte es an – und drückte ab. Wie einfach wäre es gewesen,so fragte sie sich, dem Thatcher-Spuk hier ein Ende zu bereiten, wenn nicht sie, die friedliebende Autorin, sondern jemand ganz anderes an diesem Fenster stehen würde? Und genau diese uchronistische Wendung der Geschichte lässt sie in der Erzählung ihre Ich-Erzählerin schildern. Dort ist es ein IRA-Terrorist, der sich als Installateur ausgebend, Zugang in die Wohnung verschafft hat und nun in aller Ruhe sein Gewehr präpariert, während die anfangs eingeschüchterte Wohnungsbesitzerin dem Attentäter in aller Seelenruhe Tee zubereitet und sich auf ein Gespräch über die Härte und Empathieunfähigkeit Miss Thatchers einlässt.

Diese Story ist dabei nicht nur eine Abrechnung mit der in England immer noch gleichermaßen geliebten wie gehassten Politikerin, sondern sie ist zugleich auch eine Poetologie des literarischen Werks Hilary Mantels. In Deutschland hat sie mit ihren bislang zwei erschienen Romanen um Oliver Cromwell für Furore gesorgt. Denjenigen, die bislang einen Bogen um historische Romane gemacht haben, seien diese beiden wärmstes empfohlen, verfolgen sie ein ebenso spannendes wie kluges Geschichtskonzept, das sich alle Freiheiten der Lücken, die der Teufel ansonsten gerne mal lässt, herausnimmt – und dabei selbst Lücken hinterlässt, die an teuflischer Boshaftigkeit kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Nein, weder die Romane, noch dieser Erzählband sind Bücher, die man einfach so weglesen könnte – sie sind unbequem und konfrontieren den Leser immer und immer wieder mit all den Alternativen, über die wir bei Lichte betrachtet verfügen. Immer, so heißt es in einem der zahlreichen poetologischen Einschübe Mantels, öffne sich in den Wänden, die uns umgeben, Türen, die wiederum andere Räume öffnen, die Entscheidungen abverlangen, die Chancen aufzeigen, die aber gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit, und den Willen zur Freiheit, zur Alternative und zum Auf-, Ab- und Ausbrechen verlangten. So lassen sich nicht nur die Titelgeschichte, sondern auch die vorangestellten neun weiteren Stories als literarische Ausgestaltung dieser Poetologie begreifen. Das klingt jetzt vielleicht etwas arg trocken und akademisch – doch so schlimm ist es wirklich nicht. Denn Mantel versteht es, ihre Protagonisten mit derart viel Leben zu füllen, dass die Lektüre auch und das in allererster Linie ein sinnliches Vergnügen bleibt.

Wie gehen Menschen mit unerwarteten, unbequemen Ereignissen um? Verdrängungen ins Mythische und Übersinnliche, die ein eigenes Handeln ersetzen sollen, quittiert die Erzählerin kühl und unerbittlich. Ein Leben ohne Zumutungen ist in diesem Erzählkosmos schlichtweg nicht vorstellbar bzw. lebenswert. Ein Lesen ohne Zumutung, so die Autorin in einem Interview, übrigens auch nicht. Und das beweist Hilary Mantel hier bravourös!

Cover © Dumont Buchverlag

  • Autor: Hilary Mantel
  • Titel: Die Ermordung Margaret Thatchers. Storys
  • Originaltitel: (The Assassination of Margaret Thatcher
  • Übersetzer: (bei fremdsprachigen Titeln, sonst entfernen)
  • Verlag: Dumont
  • Erschienen: 10.09.2014
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 158
  • ISBN: 978-3-8321-9768-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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