Robert B. Parker – Tod im Hafen (Buch)

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Robert-B-Parker-Tod-im-HafenJesse Stone hat seit einem Jahr keinen Alkohol mehr getrunken, geht regelmäßig zu seinem Psychiater Dix und versucht einen Neuanfang mit seiner (Ex?)-Frau Jenn. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, in dem der Polizeichef von Paradise versucht, seinem Leben den matten Anstrich von Gediegenheit zu geben, wird die Leiche einer jungen Frau angeschwemmt, deren hemmungsloser Lebenswandel vermutlich zu ihrem Ableben führte.
In der Welt der Schönen und Reichen feiert der Hedonismus scheinbar fröhliche Urstände. Drogen, Sex und Laissez faire in allen Lebenslagen sollen das Leben zur rauschenden Party werden lassen. Doch wie so oft, werden während des Feierns Lebenslügen aufgedeckt und am Ende wartet ein Riesenkater. Oder im Falle Florence Horvaths das Ertrinken.

Der „Tod im Hafen“ entwickelt sich zur langwierigen Angelegenheit. Die Ermittlungen gehen schleppend voran, obwohl in Gestalt der fähigen Polizistin Kelly Cruz sogar Unterstützung auf dem Festland zugegen ist. Parker konzentriert sich diesmal auf einen einzigen Fall, setzt als Pendant Stones Gedanken um seine privaten Veränderungen, beziehungsweise das Hadern damit. Glücklicherweise bleibt Parkers Stil gewohnt knapp und nüchtern, garniert mit leisem Humor. Der sich unter anderem darin äußert, dass gelegentlich von einem Bostoner Privatdetektiv samt gefährlichem, dunkelhäutigem Sidekick die Rede ist, und Anwältin Rita Fiore leibhaftig auftaucht, mit der nicht nur Jesse Stone sondern auch Spenser ein Techtelmechtel hatten.  

Obwohl der Plot vor Anspielungen auf sexuelle Ausschweifungen nur so birst, das ganze Revier Privatpornos (aufgenommen von verdächtigen Bootseignern) anschauen muss, bleibt das Ausmalen exzessiver Liebesspiele erfreulicherweise aus. Detaillierte Akte waren nie Parkers Stärke, so ist man über zeitige Abblenden froh.    

Der Mittelteil schwächelt dennoch, denn die Ermittlungen kommen kaum voran, mehr als eine vage Ahnung vom Exzess wird kaum vermittelt und eine seltsame Art von Bigotterie macht sich breit. Die bösen Lüstlinge drehen ungeniert Pornos, die redlichen Polizisten sind gezwungen, diese zu betrachten. Aber nur aus beruflichem Interesse. So betont Jesse es jedenfalls mehrfach, während er in Richtung Jenn unkeusche Gedanken und Eifersucht hegt. Damit hat er zwangsläufig Probleme, die er aber, als einsichtiger Partner, mit seinem Psychiater bespricht, damit die neue Zweisamkeit nicht an Traute verliert.  Das passt in seiner Biederkeit zum Protagonisten, bleibt als Blick in eine so regel- wie zügellose Gesellschaft aber recht blass und oberflächlich.

Bekommt im letzten Drittel aber wieder Drive, als sich die vorgebliche Partystimmung in einen Sturzflug in (familiäre) Abgründe wandelt. Hier brilliert Parker wieder stilistisch und inhaltlich, indem er Kindesmissbrauch ernst nimmt und nicht plakativ ausschlachtet, sondern glaubwürdig und konsequent bleibt. Gerade in Bezug auf Jesse Stones Verhalten den möglichen Opfern gegenüber.

Das ist beklemmend, spannend und zeigt eine Familienaufstellung, in der mitleidloser Exzess der Alltag ist und milder Wahnsinn eine perfekte Tarnung. Einmal mehr wird der Biedermann als Brandstifter entlarvt, der perfide sämtliche Regeln des zugeneigten Miteinanders bricht und damit durchkommt, bis seine Gier Menschenleben kostet. Das mag ein wenig überzogen und verknappt dargestellt sein, ist aber keineswegs unrealistisch.

Neben den vorhandenen Schwächen kriegt Parker zwischendurch und insbesondere zum Schluss immer wieder die Kurve, sodass abseits von ein wenig Generve und Redundanz, auch dank der geschliffenen Dialoge, Jesse Stones fünfter Fall positiv im Gedächtnis bleibt.

Cover © Pendragon Verlag

  • Autor: Robert B. Parker
  • Titel: Tod im Hafen
  • Teil/Band der Reihe: Der 5. Fall für Jesse Stone
  • Originaltitel: Sea Change
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon Verlag
  • Erschienen: 04.07.2014
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 323
  • ISBN: 978-3-86532-416-0
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Robert B. Parker – Tod im Hafen (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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