Stephen Greenblatt – Die Wende (Buch)

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Stephen Greenblatt - Die Wende (Cover © Pantheon)Für „Die Wende. Wie die Renaissance begann“ (The Swerve. How the World Became Modern) hat der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt 2012 den Pulitzer Preis gewonnen. Die deutschen Feuilletons bescheinigen dem Buch über ein antikes Lehrgedicht und einen Bücherjäger aus dem fünfzehnten Jahrhundert ebenfalls eine ‚meisterhafte‘ Qualität. Der Text sei ’spannend inszeniert‘, zudem aber auch pappsatt mit historischen Quellen belegt. So weit, so gut. Schließt sich noch eine Frage an: Was macht einige antike Verse so interessant? Die Antwort wird hier gleich vorweggenommen: Sie sind eine Abrissbirne.

Die Verse stammen von dem römischen Dichter Lukrez, der sie im ersten Jahrhundert v. u. Z. zu Ehren des Philosophen Epikur verfasste und mit „De rerum Natura“ (Über die Natur der Dinge) betitelte. Wenn es nach Greenblatt geht, lassen sich fundamentale Grundüberzeugungen der modernen Welt heute nur deswegen denken, weil sie in diesen Versen in Italien, gute 1500 Jahre später, wieder rezipiert wurden. Als revolutionäre Gegenposition zu den Denkvorgaben der Kirche erhielt Lukrez‘ Text in dieser Zeit eine gravierende kulturelle Wirkmacht. Greenblatt schreibt:

Daher erzählt uns der Literaturwissenschaftler die Geschichte des Gedichts und seiner kulturellen Wirkung anhand von Poggios Jagd nach Büchern und seiner Obsession, von Bibliomanie ist die Rede, für antike Schriften, für Petrarca und Cicero. Poggio Bracciolini, einst Sekretär im Dienst eines Papstes, der den heiligen Stuhl mit dem Kerker getauscht hatte, kennt sich im religiösen Diskurs seiner Zeit aus. Zu Beginn begleitet der Leser ihn auf seiner Reise durch Süddeutschland, wo der ehemalige Vatikanangestellte alte Klosterbibliotheken nach vergessenen und verbotenen (antiken) Schrift-Schätzen durchsucht.

Im weiteren Verlauf der histroischen Rekonstruktion von Poggios Leben und dem Weg von Lukrez‘ Gedicht durch die Zeit(-alter) beschreibt Greenblatt sowohl die Denk- und Schreibbedingungen der Antike als auch die des endenden Mittelalters lebensnah und detailliert. Nachvollziehbar werden die epochalen Denkgebäude beschrieben, die in der Renaissance aufeinandertreffen werden. Gleichzeitig ist das Buch mit unendlichen text-pragmatischen Details wie dem Schutz der antiken Schriftrollen vor Bücherwürmern, dem vatikanischen Schriftverkehr, den Arten religiöser „Ablass“-Schreiben und vielem mehr angereichert. Greenblatt erzählt in „Die Wende“ also auch eine Geschichte des Schreibens und Rezipierens, von der antiken Musenanrufung bis zu den mittelalterlichen Kopisten und den Bücherjägern zu Beginn der Renaissance.

Das Gedicht von Lukrez übrigens enthält die Darstellung der Lehren Epikurs, der sich eine Welt ohne Götter denkt, in der Menschen und Dinge aus demselben Material, den Atomen, zusammengesetzt sind. Auch bei der gesellschaftlichen Entwicklung (und Hierarchisierung) ist nichts göttlich gefügt. Der Mensch ist seines eigenen Schicksals Schmied und die Seele ist vergänglich. Somit sind auch keine jenseitigen Strafgerichte zu fürchten. Für die Menschen zu Poggios Zeit, in der die Kirche das Leben der Menschen vollständig bestimmt, haben solche Texte, die über Jahrhunderte verboten waren, die willkommene Schlagkraft kultureller Abrissbirnen entwickelt, und sowohl Wissenschaftlern als auch Künstlern einen Weg aus den Grenzen ihrer Zeit gewiesen.

Man kann Greenblatts Buch einfach lesen. Dann lernt man viel spannend verpacktes, Interessantes über Bücher und Kulturgeschichte. Man kann das ernst nehmen und staunend lesen, dass Literatur nicht nur „für Kunst“ ist, sondern genügend kulturelle Kraft aufbringen kann, um Architekturen einzureißen. Man kann „Die Wende“ natürlich auch noch akademisch beschnüffeln und hält dann ein Werk in den Händen, in dem Fleisch und Theorie einer literaturwissenschaftlich gedachten Kulturwissenschaft saftig vor dem hungrigen Jäger der Hörsäle aufgetischt werden.

Cover © Pantheon

  • Autor: Stephen Greenblatt
  • Titel: Die Wende. Wie die Reanissance begann
  • Originaltitel: The Swerve. How the world became modern
  • Übersetzer: Klaus Binder
  • Verlag: Pantheon
  • Erschienen: Oktober 2013
  • Einband: Paperback, Klappenbroschur
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-570-55225-4
  • Sprache: Deutsch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
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1 Kommentar

  1. Avatar
    Petra De Baptistis am

    Durch Zufall habe ich das Buch in der Buchhandlung, im Museum Albertina in Wien entdeckt. Das Buch sollte unbedingt Pflichtliteratur in der Schule werden. In einer Tageszeitung widnet man dem Buch eine Ueberschrift im Rezesionstext, der so wunderbar zutreffend ist. „Mit Lukrez zurueck in die Zukunft“. Stephen Greenblatt hat die von Klaus Binder uebersetzten Verse aus De rerum natura wunderbar in sein Buch eingefuegt.
    Man ist gefesselt von seinen Erklaerungen und es wird an keiner Stelle lanweilig
    Klaus Binder sagt in einem Interview, Lukrez zeigt: Freier Wille, Geist, Seele, das ist nichts Übernatürliches, das liegt in der Natur selbst, die als ein schaffendes Ganzes zu begreifen ist, und wir mitten darin. Fuer mich eines der schoensten „Lehrbuecher“ ueber Buecher, Philosophie, Kunst und Ethik.

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Stephen Greenblatt – Die Wende (Buch)

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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