Kingdom of Gonzo – Interviews mit Hunter S. Thompson (Buch)

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Hunter S. Thompson - Kingdom Of Gonzo Cover © Edition TiamatHunter Stockton Thompson (HST, * 18.07.1937, Louisville, Kentucky) begann seine Schreib-Karriere als Sportjournalist, bevor er Reporter für den Rolling Stone und als Begründer des „Gonzo“-Journalismus‘ zu, zumindest laut Wikipedia, so etwas wie einer Ikone der Hippiebewegung wurde. Hunter S. Thompson nahm sich am 20.02.2005 in seinem Wohnort Woody Creek, Colorado, das Leben. Dazwischen – also zwischen der Gonzo-Schöpfung und dem Suizid – gab er immer wieder Interviews – u.a. ABC News, der Playboy, High Times (sic!), sein Ex-Arbeitgeber Rolling Stöhn, Spin oder Vanity Fair suchten das Gespräch mit dem Medien- und Drogen-Phänomen. Die nach Ansicht von Herausgeberin Anita Thompson besten erschienenen Interviews versammelt dieser 2009 im Original und 2011 erstmals in deutscher Übersetzung erschienener Band.

Wie Johannes auf Jesus bereitet letzterer übrigens auf das für Mitte Februar erwartete Erscheinen der deutschen Ausgabe der „Gonzo Letters“ vor: „Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten – Gonzo-Briefe 1958-1976“ (Edition Tiamat). Doch dem Fan von beispielsweise „Angst und Schrecken in Las Vegas“ verschafft „Kingdom“ schon heute „Wollust & Spannung in Gonzonistan“: So erfahren wir eingangs beispielsweise, wie es zu dem zu seinem  Durchbruch führenden Buch über die Hell’s Angels kam – und wie er dabei fürchterlich verdroschen wurde. Wir lernen erstaunt, wie der Autor für den Sheriff-Posten in Aspen kandidierte (aber dann doch nicht als Senator aus Colorado; S. 33). Und wie relativ bescheiden er seine diesbezüglichen Handlungsmöglichkeiten einschätzte: »Glauben Sie, Sie könnten irgend etwas Gutes bewirken?« »Nicht viel […]« (S. 33).

In anderer Hinsicht hingegen zeigte er deutlich mehr Selbstvertrauen: »“Fear and Loathing in Las Vegas“ ist ein Meisterwerk […] Ich würde es, in Truman Capotes Worten, als einen Sachbuch-Roman bezeichnen, weil fast alles davon wahr ist und wirklich passierte. […] Es ist so gut wie „Der große Gatsby“ und besser als „Fiesta“, aber es ist kein Roman.«

Wir lernen seine Definition des mit ihm identifizierten lakonischen Schreibstils kennen: »Die Leute nennen es Gonzo-Journalismus, aber tatsächlich ist es Schlamperei, nichts anderes.« »[…] ist ganz einfach Journalismus, der ohne Überarbeitung hingeschrieben wurde.« (S. 87, 89) Überdies ist – abweichend von den meisten Lehrmeinungen– »die Präsenz des Reporters in den Geschichten« von zentraler Bedeutung (S. 88). Einer der bekanntesten Reporter seiner Zeit gab denn auch zu Protokoll: »Ich bin kein Reporter. Ich bin Schriftsteller« (S. 48). Und sah sich selbst, wenn’s besser passte, eben doch so: »Ein weiterer Grund, warum ich Journalist wurde: man muß am Morgen nicht aufstehen.« (S. 97). Kaum ein Wunder, dass er für „ordentlichere“ Kollegen darum auch einfach mal nur der »König des Irrsinns« war (S. 53).

Zur Bereicherung des Spektrums trägt bei, dass sich HST als Waffennarr und „lebenslanges Mitglied der NRA“ („National Rifle Association“; S. 210) outet, der andererseits aber auch sieht: »Dieses Land [USA, d. Red.] ist abhängig vom Krieg als der wichtigsten Industrie.« (S. 212). Wir hören von Zusammenhängen, die nicht mal Michael Moore in dieser Schärfe formuliert hat: »Die Geschichte der Familie Bush ist furchterregend. Sie waren mit Hitler, Saddam und Osama im Geschäft…«

Der Band endet mit Exzerpten aus Interviews mit dem Playboy, die buchstäblich von seinem Tod unterbrochen wurden. Diese wurden von Thompson um Stichworte wie „Freiheit“, Fahren“, „Schusswaffen“ herum drapiert. Ganz besonders spannend ist, was HST uns zum Thema „Ablehnung“ wissen lassen wollte… Doch das sollt ihr bitte selbst lesen!

„Kingdom“ ist ein Buch, das wie eine gelungene Party sowohl unterhält als auch durch Austausch informiert. Da kartet man normalerweise auch nicht nach, wenn der Kater überstanden ist. Es sei denn, es gibt zu viel Anlass. In diesem Fall scheint das Buch leider zu sehr gemäß Gonzo-Credo („ohne Überarbeitung“) produziert worden zu sein. Anzeichen dafür sind: Casus-Fehler (z. B. S. 14); „Harotio Alger“ statt Horatio; S. 59); sehr merkwürdiger Blocksatz (z. B. S. 65); üble Trennfehler (z. B. „Sa-ab“, S. 73); „zu tote kam“ statt „zu Tode kam“ (S. 85); schlicht ungrammatische Sätze (z. B. „Journalismus: er erlaubt einem zu lernen und wird dafür bezahlt“; S. 97); „zu Seite“ statt „zur Seite“ (S. 235), „die absolute Spaß“ statt „der“ und viele, viele mehr… Das hätte nicht mal HST gefallen.

Wertung: 11/15 dpt


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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

Wie wurdest du zum booknerd?
Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

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2 Kommentare

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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