Das Hörbuch-Duell: Antoine de Saint-Exupéry – Der kleine Prinz (Bastian Pastewka/Thomas Pigor vs. Stefan Kaminski/Hans-Magnus Enzensberger)

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Der kleine Prinz - Hörbuchduell (Cover © GoyaLiT <li></li>, ROOFmusic [re]

Gerade aufgrund seiner doch sehr parabelhaften Eigenschaften hat dieses moderne Märchen seine literarischen Krallen tief in die Geschichte der letzten Jahrzehnte gegraben – durch seinen welt- und sozialkritischen Unterton, seine diverse menschliche Werte propagierende Attitüde und seine politischen Anspielungen hat sich das Werk frühzeitig als eines der Werke etabliert, dessen Aussage besonders zwischen den Zeilen zu lesen ist. Interpretationsfreiraum ist da, aber es ist klar vernehmbar, worum es dem Autor ging.

Es gibt dort draußen bereits unzählige Varianten hinsichtlich Übersetzung und in diesem Fall auch hinsichtlich Sprechern, doch die Verlage und Plattenfirmen werden der Neuauflagen und Neuversionen weder müde noch überdrüssig. Zuletzt erschienen vom im Original betitelten Klassiker „Le Petit Prince“ einmal mehr zwei Ausgaben, die es nun unter die Lupe zu nehmen galt, zumal sie doch sehr verschieden sind:

Das Hörbuchlabel Antoine Saint de Exupéry - Der kleine Prinz - Hörbuch, Cover © GoyaLiTGoyaLiT (Jumbo Verlag) veröffentlichte vor nicht allzu langer Zeit eine Lesung, die sich doch sehr stark am Original orientiert – bereits optisch fällt dies auf, zieren doch die Originalillustrationen des Autors die Box, die Tonträger und das schicke Booklet. Der 1929 geborene Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, dessen Bibliographie bis ins Jahr 1957 zurückreicht, hat das Werk auf eine Weise übersetzt, die einerseits sehr klassisch und originalnah gehalten ist, aber durch sein zeitgemäßes Vokabular zu keiner Zeit antiquiert wirkt.

Kritiker merken zwar an, dass die Ursprungsversion (von Grete und Josef Leitgeb übersetzt) um einiges geheimnisvoller und anspruchsvoller sei und eine Banalisierung stattgefunden habe, doch zuweilen tut eine Entkryptisierung zugunsten des Lese- und Hörverständnisses auch mal ganz gut. Und so lange der Sinn der Aussage nicht verloren geht, ist dies nichts Verwerfliches. Puristen bleiben eben Puristen – sie zu überzeugen ist ein donquixoteskes Unterfangen.

Die Formulierungen sind präzise, die Dialoge, Erzählungen und Gedankengänge voller Feinsinn, und das spielt dem umtriebigen Sprecher Stefan Kaminski, der neben seinen Hörbuchaktivitäten wahre Ein-Mann-Livespektakel inklusive Geräuschkulisse veranstaltet, perfekt in die Hand. Denn hier konnte sich der 1974 geborene Dresdener, bekannt für seine stimmliche Bandbreite, bestens entfalten. Jede Figur bekommt ihre eigene Klangfarbe, von der Blume bis zum Weichensteller, vom Säufer bis zum Geschäftsmann. Das amüsiert, berührt und fasziniert, und durch diese Verspieltheit erfährt das Hörbuch eine ungeahnte visuelle Kraft.

Aufgelockert werden die beiden CDs, separat in Pappschuber verpackt, durch verspielte, zuweilen jazzige, von Ulrich Maske komponierte und arrangierte Musik – an sich eine schöne Idee, zumal sie mit der Atmosphäre des Hörbuchs Hand in Hand geht. An manchen Stellen allerdings hätten die Einspieler gern auch etwas weniger Zeit in Anspruch nehmen dürfen- zwar ist eine Denkpause für den Verarbeitungsprozess nicht verkehrt, doch hier und da wartet man dann doch, dass es bitte gleich weitergehen möge.

Im Gesamtpaket jedoch weiß diese Version des Hörbuchs, welchem noch ein interessantes Interview mit Kaminski folgt, absolut zu überzeugen – ein wichtiger Klassiker wurde mit Bedacht modernisiert und mit Können vertont. Das Schöne bei alldem ist, dass die kaminski-enzensbergersche Ausgabe durchaus auch für die junge Klientel geeignet ist, weil vieles in schlichtweg verständlichere Worte gefasst wurde.

→ Informationen über diese Version anzeigen

Wertung: 13/15 dpt

Antoine Saint de Exupéry - Der kleine Prinz - Hörbuch, Cover © ROOFmusicROOF music, deren Version in einem 2CD-Jewelcase daher kommt und mit einem etwas anderesartigen Cover versehen ist (Foto eines Blondschopfes, einer Krone und einer Exupéry-Illustration, Sand rundherum) , gingen hingegen deutlich mutiger vor, sodass das Publikum bezüglich dieser Veröffentlichung mit höchster Wahrscheinlichkeit deutlich mehr polarisiert werden wird.

Sprecher Bastian Pastewka dürfte hierfür eher weniger verantwortlich zeichnen, denn der beliebte Hörbuchsprecher, den der Fernsehzuschauer überwiegend aus dem Comedy-Bereich kennen wird, ist – wenngleich er natürlich kein Stimmchamäleon wie Kaminski ist – bei „Der kleine Prinz“ in Hochform. Seine Phrasierungen sind liebevoll, seine Form der Sprache ebenfalls bildhaft, und man merkt auch bei ihm, mit welcher Hingabe er seine Arbeit ausführt.

An der Übersetzung, welche von Kabarettist und Liedermacher Thomas Pigor stammt, werden sich die Geister jedoch definitiv scheiden, denn die singende Hälfte des Duos „Pigor & Eichhorn“ ließ einiges an Radikalität walten. Sämtliche Begriffe, die auch nur im Entferntesten angestaubt oder antiquiert klingen könnten, wurden über Bord geworfen und durch modernere ersetzt – doch nicht genug damit: Die Sprache wurde komplett entpoetisiert, märchenhafte Ausformulierungen auf null reduziert, und auch bezüglich der dramatischen Komponente der Emotionalität wurde die Schere angesetzt.

„Der kleine Prinz“ in der pigorisierten Ausgabe klingt zuweilen fast hart und schroff, sehr umgangssprachlich und salopp, (»’Tach!‘ sagte der Prinz …« statt »’Guten Tag!‘ sagte der kleine Prinz, …«)  ja manchmal nahezu vierschrötig und bildet somit einen enormen Kontrast zur GoyaLiT-Version.

Unterm Strich ist diese Version nicht unbedingt schwächer, aber zweifellos äußerst gewöhnungsbedürftig, da die Übersetzung derart tief greift, dass Rhythmus und Stimmung erheblich verändert werden. Doch inhaltlich ist Pigor mit klarem Respekt vor dem Original vorgegangen, sodass man ihm nicht ernsthaft einen Strick aus seiner Arbeit drehen kann. Sie ist schlicht anders, sie kann anders interpretiert werden – und sie signalisiert eine Konzentration aus Wesentliche. Und Pastewka muss man für seine Leistung ebenfalls loben, denn er ist stets mit einer unüberhörbaren Leidenschaft am Mikrofon zugange.

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Wertung: 11/15 dpt

Fazit: Bei diesen beiden modernen Versionen zeigt sich deutlich, wie sehr sich ein und das selbe Originalwerk mit unterschiedlichen Übersetzern und unterschiedlichen Sprechern entwickeln kann und wie sehr diese beiden Schritte durch ihre doch stark divergierenden Ergebnisse für ein ganz anderes Lese- und in diesem Fall Hörgefühl sorgen können.


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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