Gianrico Carofiglio – Eine Frage der Würde (Buch); Trügerische Gewissheit (Buch) – Doppelrezension

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Gianrico Carofiglio - Eine Frage der Würde (Cover © Goldmann Verlag)Der Verfasser dieser Zeilen hat beruflich hin und wieder mit Blindproben zu tun. Das heißt, auf seinem Tisch stehen Weinflaschen, deren Etiketten und alles andere ihre Identität Verratendes durch eine schmucklose Pappmanschette abgedeckt sind. Und nun gilt es, diese Weine zu probieren und die Rebsorte zu erschmecken und ferner herauszufinden, aus welchem Land, welcher Region und im Zweifel von welchem Weingut sie stammen. So etwas kann peinlich enden, manchmal für den Verkoster, manchmal aber auch für den Wein.

Und in genau diese Versuchsanordnung hätte sich der Rezensent gern bei der Lektüre der beiden aktuellen Krimis von Gianrico Carofiglio versetzt gefühlt. Es wäre peinlich geworden – denn hätte man einfach nur die Namen der Protagonisten und der Städte ausgetauscht, so wäre sich der Rezensent so sicher wie kaum je zuvor gewesen, es mit zwei Romanen von Friedrich Ani zu tun zu haben. Da der Schreiber dieser Rezension besagten Ani für den gegenwärtig exzellentesten Krimi-Autor hält, könnten wir diese Doppelrezension auch gleich beschließen und nach Hinweis auf die bereits geschriebenen Rezensionen zu Anis Romanen ohne weiteren Kommentar 13 Dioptrien vergeben. Aber ganz so subjektiv, deklamatorisch und scheinbar willkürlich wollen wir es dann doch nicht handhaben.

„Eine Frage der Würde“ und „Trügerische Gewissheit“ unterscheiden sich rein äußerlich vom Umfang her, und inhaltlich gleicht letzterer Roman eher einem kleinen Kammerspiel, das sehr konzentriert, sehr fokussiert auf den Wendepunkt zusteuert, ersterer glänzt durch rechtsphilosophische Einschübe und launische Ausflüge in das Privatleben des Hauptprotagonisten, auch wenn der Leser niemals zum Voyeur gemacht wird. Denn hier kommt das Element zum Tragen, das den Besprechenden den Vergleich zu Friedrich Ani ziehen lässt: In beiden Romanen sind es die Lücken, die nicht der Teufel, sondern der Autor lässt.

Gianrico Carofiglio - Trügerische Gewissheit (Cover © folio Verlag)Dieses Verfahren, sich in entscheidenden Stellen als Erzähler zurückzunehmen und dem Leser die Führung seiner Protagonisten zu überlassen und dabei das Kunststück zu vollbringen, dass zumindest der Rezensent die Protagonisten genau dort dem Erzähler wieder übergibt, wo jener wartet. Diese feine Psychologie, die Carofiglio seinem Personal mitgibt, ist unaufdringlich und elegant. Als Leser spürt man förmlich, wie der Autor auf seine Figuren hört, sich von ihnen treiben lässt, ihnen genau die Freiräume lässt, die die beiden Krimis so organisch und natürlich zu ihrem Ende führen.

Wir haben es hier mit keinen Knall-Effekt-Krimis zu tun, in welchen plötzlich irgendein verrückter Deus ex machina die Welt wieder in ihre Angeln hebt oder effektvoll ihrem absoluten Ende zuführt. Nein, es sind die Zweifel der Protagonisten, die diese Krimis am Leben halten und für eine vibrierende Spannung sorgen.

Die klugen Dialoge, die Gesprächsführungen der Protagonisten, ihre deduktive Herangehensweise, das genaue Zuhören, quälende Zweifeln und konstruktiv Denkende: All das mag so unmodisch sein wie nur was – und doch enthalten diese Romane einen Gesellschaftsentwurf, der all das laute und hysterische Geraune reduziert auf das, was es substanziell ist: Nichts.

Wer in diesen Zeiten noch ein Ohr für das Leise hat, was nicht einfach ist, wenn man wie der Rezensent in einem Teil Deutschlands wohnt, wo ein freakiger, mit einer Modelleisenbahn spielender “King of Lederhose“ täglich megaphoniert, der sollte selbiges Gianrico Carofiglios Romanen schenken. Beide Romane haben die gleiche Dioptrien-Zahl verdient und bekommen sie nun auch. Doch wer einen Roman lesen möchte, in dem nun wirklich kein Satz zu viel ist, der möge mit ‚Trügerische Gewissheit‘ beginnen.

Cover „Eine Frage der Würde“ © Goldmann Verlag
Cover „Trügerische Gewissheit“ © folio Verlag

Wertung (für beide Bücher): 13/15 dpt

Info zu „Trügerische Gewalt“:

  • Autor: Gianrico Carofiglio
  • Titel: Trügerische Gewissheit
  • Originaltitel: Una mutevole veritá
  • Übersetzer: Monika Lustig
  • Verlag: folio Verlag
  • Erschienen: 01.02.2016
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 148
  • ISBN: 978-3-85256-685-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Infos zu „Eine Frage der Würde“:

  • Autor: Gianrico Carofiglio
  • Titel: Eine Frage der Würde. Ein Fall für Avvocato Guerrieri.
  • Originaltitel: La regola dell‘ equilibrio
  • Übersetzer: Viktoria von Schirach
  • Verlag: Goldmann (Verlagsseite/Facebook)
  • Erschienen: 14.03.2016
  • Einband: Gebunden, mit Schutzumschlag
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3-442-31429-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Gianrico Carofiglio – Eine Frage der Würd…

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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