Phoenixsee (Mini-Serie, 2 DVDs)

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Wenn es um Serienproduktionen aus Deutschland geht, denkt man wahrscheinlich kaum an den Westdeutschen Rundfunk Köln. Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland – besser bekannt als ARD – geht die Beteiligung einer der größten Sendeanstalten Europas an zahlreichen Produktionen gerne mal unter. Doch tatsächlich ist eine Serie, die anders als „Tatort“ und „Lindenstraße“ kein ewig fortlaufendes Format darstellt, im WDR eher selten zu sehen. Das könnte sich nun mit „Phoenixsee“ ändern, einer durchaus mutigen Miniserie, der unterm Strich aber doch einige grobe Schnitzer unterlaufen.

Zur mutigen Seite gehört, dass dem Zuschauer zum Glück nicht alles vorgekaut und im Detail erklärt wird. Ortsunkundige, die meinen, beim Phoenix-See handele es sich um eine x-beliebige Wasserfläche oder gar eine mystische Ortschaft aus einer Fantasy-Serie, müssen erst einmal aus dem bloßen Zuschauen schlauer werden. Lediglich in einem Dialog in der Mitte der Serie wird kurz die Entstehungsgeschichte des Sees angerissen, die nur im metaphorischen Sinne etwas mit Magie und brennenden Vögeln zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um ein Städtebauprojekt, das weltweit einmalig ist.

Nachdem das Stahl- und Eisenwerk „Hermannshütte“ im Dortmunder Stadtteil Hörde stillgelegt und nach China exportiert wurde, entstand auf dem nun freigewordenen Gelände ein künstlicher See. Die beeindruckende Verwandlung des Areals hat aber nicht nur ein Naherholungsgebiet zum Ergebnis. Neben Gewerbeflächen wurden auch Wohngrundstücke vermarktet, die allerdings nur für Menschen mit dem nötigen Kleingeld erschwinglich waren. Schon zu Beginn der Bauarbeiten wurde den Anwohnern klar, dass diese Entwicklung nicht nur Vorteile für den Stadtteil haben wird. Dortmund-Hörde rutschte nach der Schließung des Stahlwerks in die bekannte Abwärtsspirale des Strukturwandels, die Bevölkerung in die Langzeitarbeitslosigkeit. Größer könnte der Unterschied zu den neuen Nachbarn also kaum sein, stehen diese doch (in der Regel) durchweg in gut bezahlten Arbeitsverhältnissen.

Phoenixsee Szenenfoto © WDR/Frank DicksGenauso archetypisch wie der Strukturwandel lässt sich in Hörde nun auch der Gentrifizierungsprozess beobachten. Das Angebot an Wohnraum, Büroflächen und Einkaufmöglichkeiten wird immer mehr den Ansprüchen der Zugezogenen angepasst, während sich die ohnehin schon am Limit lebenden Arbeiterfamilien die Miete ihrer sanierten Wohnungen nicht mehr leisten können. Zum Glück wurde dieser Vorgang seinerzeit von Ulrike Franke und Michael Loeken begleitet und zu einer sehenswerten Dokumentation namens „Göttliche Lage“ verarbeitet, der einen einleuchtenden Blick auf das Verhältnis von politischen, ökonomischen und zivilgesellschaftichen Interessen in Fragen der Stadtentwicklung wirft.

„Phoenixsee“ spinnt diese Idee weiter und legt einen Fokus auf das Zusammenleben in der neu zusammengestellten Nachbarschaft. Allerdings verzichtet Drehbuchautor Michael Gantenberg darauf, den direkten Konflikt zwischen den Arbeitslosen und den Reichen zu beschreiben, sondern wählt eine andere Art von Arbeiterfamilie als Ausgangspunkt. Die Neuraths sind auf den ersten Blick eine liebenswerte Ruhrpott-Familie, Papa Mike (Felix Vörtler) arbeitet in einem Autowerk, das kurz vor der Schließung steht. Schon jetzt muss seine Frau Sybille (Anna Stieblich) in der Bäckerei jobben und auch Tochter Jenny (Antonia Lingemann) muss Geld aus ihrem Job bei einem Finanzberater beisteuern. Um sich selbst und den Kindern dennoch etwas Luxus gönnen zu können, verdient Mike mit kleinen Autoreparaturen etwas unter der Hand dazu. Als dann ein Brief vom Finanzamt im Briefkasten steckt, droht dem Familienvater sogar das Gefängnis.

Phoenixsee Szenenfoto © WDR/Frank DicksFamilie Hansmann sollte es hingegen so gut gehen wie noch nie. Vater Birger (Stephan Kampwirth) hat die Finanzprüfungsunternehmen von seinem Chef übernommen und hat sich und seiner Familie ein Haus am Phoenixsee gekauft. Aber während Frau und Kinder Probleme haben sich einzuleben, wird Birger von seinem Anwalt unterrichtet, dass er durch den Kauf in ein krummes Geschäft verwickelt wurde. Auch für ihn beginnt nun ein Existenzkampf, der nicht nur den gerade erarbeiteten Lebensabschnitt gefährdet. Das erinnert an Pastewkas „Breaking Bad“ namens „Morgen hör ich auf“, nur dass Birger nichts Illegales herstellt.

Die Familien Neurath und Hansmann verbindet, dass die Kinder auf die gleiche Schule gehen und dass man sich als Nachbarn doch ab und an über den Weg läuft. Es ist logisch, dass Mike wenig von Birger hält, der seinem Lebensstil gerecht wird, einen dicken Wagen fährt und der Schule neue Computer aus eigener Tasche spenden will. Die Unterschiede zwischen den Milieus wird an zahlreichen Beispielen herausgearbeitet, beispielsweise wenn Frau Hansmann (Nike Fuhrmann) in der Bäckerei nach Lachshäppchen für die Hausparty fragt. Was die Familien allerdings auf einer anderen Ebene gemeinsam haben, ist ihr angespanntes Verhältnis zum Kapitalismus.

Phoenixsee Szenenfoto © WDR/Frank DicksGeld steht zweifellos im Zentrum von „Phoenixsee“ und das auf durchaus unbequeme Weise. Nicht nur traut man den Zuschauenden zu, beim anspruchsvollen Fall auf Seiten der Hansmanns am Ball zu bleiben, die Serie zeichnet überdies ein düsteres Bild des herrschenden Wirtschaftssystems. Dazu gehört auch die Unmenschlichkeit, die Profitmaximierung und das fehlende Verantwortungsbewusstsein, an dieser Stelle geht es aber noch vielmehr um die Frage nach den Beweggründen der einzelnen Akteure. 60 Jahre nachdem Erich Fromm den soziologischen Klassiker „Haben oder Sein“ vorlegte, könnte sein Anliegen kaum aktueller sein.

„Haben“ in das Zentrum des eigenen Lebens zu stellen, führt demnach zu einer Gesellschaft, in der durch den ungezügelten Konsum das Kapital und der Markt im Mittelpunkt stehen und „das Menschliche“ in zunehmendem Maße verdrängt wird. In dieser Idee der Kritischen Theorie um Horkheimer, Adorno, Marcuse und co. ähnlich, plädiert Fromm für eine Abkehr vom „Haben“ und einer stärkeren Hinwendung zum „Sein“, damit der von sich und seinen Bedüfrnissen entfremdete Mensch zu sich und einer „humaneren Welt“ findet. Über diese scharfe Trennung, die auch „Phoenixsee“ vornimmt, lässt sich streiten, so muss „Haben“ nicht per se mit „schlecht“ gleichgesetzt werden.

Die Serie stellt in diesem Zusammenhang noch eine weitere interessante Frage: Wie viel Entscheidungskraft besitzt der Mensch darüber, was er sein möchte? Oder anders gefragt: Bestimmt das System voraus, wer wir sein können? Das Verhalten von Mike und Birger wird zwar von ihrer momentanen finanziellen Situation bestimmt, dennoch sind sie freie Menschen, die für ihre Entscheidungen verantwortlich sind. Obwohl die Neuraths wissen, dass sie gerade wegen ihrer Einkünfte aus Schwarzarbeit in der Klemme stecken, entscheiden sie sich dafür die zuvor bestellte neue Couch als Luxusartikel zu behalten. Andererseits wird Tochter Jenny dazu gedrängt, ihren Traum vom Studium aufzugeben und weiter arbeiten zu gehen. Die Hansmanns sind überhaupt erst in ihre zwickliche Lage gekommen, weil ihnen Düsseldorf nicht genug war und es ein Haus am „Phoenixsee“ sein musste. Dass die Kinder dafür ihre Freunde zurücklassen mussten, wird von den Eltern als zweitrangig bewertet.

Phoenixsee Szenenfoto © WDR/Frank DicksAndererseits werden aber auch die Männer als Opfer dargestellt. Das wird besonders deutlich, als Mike und Birger doch noch zusammenfinden und die Lösung ihrer Probleme in der Zusammenarbeit sehen. Allerdings ist dies keine Kooperation auf Augenhöhe: Durch ein windiges Geschäft im Schneeballsystem kommt Mike zwar zum schnellen Geld, arbeitet aber eigentlich nur Birger zu, der sich dadurch aus seiner misslichen Lage mit einer Angelegenheit im sechsstelligen Bereich winden will. Seine Handlungen sind aber wiederum durch eine weitere Ebene über ihm, den Superreichen bestimmt. Dadurch wirken beide Männer wie Verlierer, die aber kaum eine Chance hatten anders zu werden. Eine Lösung wäre die Abkehr vom „Haben“ oder zumindest eine Umgewichtung in Richtung „Sein“.

Trotzdem bleibt das Problem der Hierarchie. Für die Neuraths wäre es im Falle der Arbeitslosigkeit auch dann brenzlig geworden, wenn sie auf die Luxusgüter verzichtet hätten, da Mike in seinem Alter kaum eine neue Stelle gefunden hätte. Auch auf dem Arbeitsmarkt findet der Strukturwandel statt, von der Arbeiter- zur Dienstleistungsklasse, allerdings differenziert sich letztere deutlich breiter aus. Birger scheint zur Oberschicht zu gehören, doch es gibt noch eine Schicht über ihm, die ihn ausnutzt bzw. ausbeutet. Der Lebensstandard mag höher sein als bei den Ausgebeuteten früherer Zeiten, doch auch er wird benutzt und fallengelassen, sobald es den Herren darüber beliebt.

Nun ist „Phoenixsee“ keine Innovation im Seriendschungel, doch immerhin stellt sie unangenehme Fragen. Das gilt auch für das zwiespältige Verhältnis zu Borussia Dortmund: Wenn die Spieler ihre Leistung nicht abrufen, werden sie als Millionäre beschimpft, doch trotzdem gehen die Fans zu jedem Spiel ins Stadion. Besonders gut in das Narrativ von „Phoenixsee“ passt, dass der Verein die Schichten zusammenbringt – und zwar nicht als Fans. Fußball guckt man in Hörde natürlich auch gerne, wichtiger ist es aber den eigenen Filius beim großen BVB unterzubringen. Für Menschen wie Mike wäre es der Ausweg aus der finanziellen Misere, für Birger und Co. wäre es Prestige und die Chance zum Aufstieg in noch höhere Sphären. Wieder geht es nur um Geld und das ist in Zeiten, in denen sich die Fans über die steigende Zahl an Spielen und das sinkende Niveau ärgern. Ein weiterer Kommentar auf die Frage, was denn überhaupt noch wichtig ist und wer es denn am Ende in der Hand hat, das System zu ändern. Wie könnte es da besser passen, dass einige der BVB-Stars ein Haus am „Phoenixsee“ bezogen haben?

Risse bekommt die Erzählung, sobald es darum geht, Lösungen anzubieten. Anstatt Konsequenzen aus dem eigenen Handeln zu ziehen, reiten sich die Männer auf naive Weise immer weiter in die Misere. Viel zu oft werden Probleme mit Selbstjustiz gelöst, weil auch die richtige Justiz als Gegner angesehen wird. Aus Sicht der Männer in ihrer Situation mag das stimmen, doch wenn man das Geschehen Revue passieren lässt, muss die Frage erlaubt sein, wo vor all der System- und Individualkritik überhaupt noch eine Lösung zu sehen ist. Gemessen am Ende haben die Macher darauf eine zweifelhafte Antwort. Da es bislang keine Anzeichen auf eine zweite Staffel gibt, könnte man das dem mangelnden Budget anlasten, doch das ändert nichts daran, dass die Serie nicht ganz rund wirkt.

Zu der Rechnung gehört nämlich noch ein wenig mehr. Obwohl die Serie versucht, objektiv zu bleiben, sind die Sympathien gegensätzlich zur Hierarchie verteilt. Auch wenn „Phoenixsee“ nur den Status quo zu ergründen sucht, ist das Geschlechterverhältnis zu konservativ gestaltet. Da auf die Männer kein Verlass ist, sie lügen und betrügen, müssen die Frauen alles zusammenhalten und die Lösungen herbeiführen. Dabei haben sie selbst Entscheidungen getroffen, die sie mal mehr mal weniger mindestens zu Mitläufern werden lassen. Es bleibt bei der gleichen Frage: Gibt es keinen Ausweg aus der Misere?

Phoenixsee Szenenfoto © WDR/Frank Dicks

Immerhin gelingt es, einige beliebte Fettnäpfchen zu umschiffen. Die schauspielerischen Leistungen sind allesamt angenehm ansprechend und fördern die Glaubwürdigkeit der Figuren. Der Ruhrsprech ist authentisch, zu keiner Zeit zum Fremdschämen peinlich und ganz im Gegenteil zuweilen sogar erfrischend unterhaltsam. Das Setting ist real und hat deswegen einen Vorteil gegenüber den Kohlenpott-Film „Junges Licht“, der teilweise auf Animationen zurückgreifen musste. Der Effekt ist aber derselbe: Zuschauende tauchen in ein authentisches Ruhrgebiet ein. Nur fehlt „Phoenixsee“ zu oft der Punkt, an dem die Serie über die Sozialraumstudie hinausgeht.

Der flotte Spruch vom Kneipenbesitzer wiegt manchmal mehr als ein gut konstruierter Dialog, das Allgemeine gewinnt über das Außergewöhnliche. Das ist kein Verbrechen, hält die Herangehensweise doch mehr Zuschauer bei der Stange, doch zu häufig fallen Sätze, die man aus dem Fernsehen schon zur Genüge kennt. Zwar spielt „Phoenixsee“ mit den Klischees, bedient sie aber auch. Die Figurenkonstellation wie auch der Plot sind größtenteils vorhersehbar, ohne dass dies humoristisch aufgearbeitet wird. In der Konstruktion ist die Serie sicherlich ausbaufähig, haben die Plotstränge doch unterschiedliche Tempi, manche enden gar in Sackgassen, obwohl sie interessant hätten werden können. Dennoch muss gelobt werden, dass der WDR sich etwas getraut und gleichzeitig aufgrund des regionalen Bezugs das eigene Portfolio logisch erweitert hat. Die Deutschen würden sich sicherlich freuen, wenn sie zumindest die Möglichkeit bekämen häufiger etwas Frisches schauen zu können. Aber ob sich in Zukunft mehr Sender entschließen werden, das dafür nötige Geld in die Hand zu nehmen, bleibt fraglich.

Fazit: Mit „Phoenixsee“ hat der WDR eine mutige Miniserie produziert, die ohne Fremdscham ein authentisches Bild des Ruhrgebiets zeichnet. Der Strukturwandel der Region und die Gentrifizierung ganzer Landstrichen bekommen durch die gut gespielten Charaktere ein Gesicht, nur leider funktioniert die Verbindung mit einem fiktiven Plot nicht immer zufriedenstellend. Die Serie kratzt oft nur an der Oberfläche, ist vorhersehbar und wirkt konstruiert. Die Figurenkonstellation ist zu sehr an konservativen Werten orientiert, was auch nicht durch das Spielen mit Klischees aufgelöst wird. „Phoenixsee“ stellt durchaus unangenehme Fragen über den Kapitalismus, das Verhältnis von „Sein“ und „Haben“ und die Beziehung von System und Individuum, bietet aber selbst nur fragwürdige Lösungsansätze. Aber Fehler gehören dazu, wenn man sich etwas traut, der Weg zeigt in die richtige Richtung.

P.S.: Die Serie lief Ende November/Anfang Dezember im WDR, kann bis Februar in der Mediathek geschaut und ab jetzt auch in der hier besprochenen DVD-Version erstanden werden.

Cover © WDR/Release Company
Szenenfotos © WDR/Frank Dicks

Wertung: 10/15 dpt

  • Titel: Phoenixsee
  • Produktionsland und -jahr: D, 2015
  • Genre:
    Drama
  • Erschienen: 09.12.2016
  • Label: Release Company
  • Spielzeit: ca. 300 Minuten auf 2 DVDs
  • Darsteller:
    Nike Fuhrmann
    Stephan Kampwirth
    Anna Stieblich
    Felix Vörtler
    Peter Harting
    Heinrich Giskes
  • Regie: Bettina Woernle
  • Drehbuch: Michael Gantenberg
  • Extras: Trailer-Show
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9
    Sprachen/Ton
    :
    z.B. D, GB, IT, S
  • FSK: 6
  • Sonstige Informationen:
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Phoenixsee (Mini-Serie, 2 DVDs)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 9 min
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