Musik für die Raumstation #1: Joe Jackson: Night and Day (Vinyl, 1982)

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1982 war das Jahr, in dem für einige Monate der lächerliche Falklandkrieg zwischen Großbritannien und Argentinien tobte. Es ist auch das Jahr, in dem die schwedische Band ABBA ihren letzten öffentlichen Auftritt gab. Das Jahr, in dem der neue Tonträger mit dem Namen „CD“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Und das Jahr, in dem „E.T. – Der Außerirdische“ in die Kinos kam. Punk, jene Sturmböe vermeintlich wütender und pöbelnder Dilettanten, hatte sich ausgeblutet und räumte der nächsten Welle den Platz – dem New Wave.

In diesem Jahr nahm der englische Musiker Joe Jackson sein fünftes Album Night and Day auf. Jacksons Wurzeln mochten im Punkrock liegen, doch ist dies ein unvollständiges Bild, denn schließlich hatte der schmächtige Pianist aus Portsmouth in seinen Jahren als „Punker“ zugleich auch die Royal Academy of Music besucht, die weltweit führende Musikhochschule.

Punks, die Noten lesen können und Debussy spielen? Vergiss es. Jener Augenblick, als die Punk-Woge wieder zurück in das Meer musikalischer Ideen gerutscht war, mochte das Beste sein, das Joe Jackson passieren konnte. Night and Day dokumentiert dieses musikalische Wachstum und kommt als ein Konzeptalbum daher – ein Format, das man eher den (zu diesem Zeitpunkt so verpönten) Prog-Rockern zuschrieb.

»Written and recorded in New York City«, betont Joe Jackson auf dem Albumcover. Der Albumtitel Night and Day ist auch eine Referenz zu Cole Porter, der genau 50 Jahre zuvor einen Hit mit diesem Namen geschrieben hatte. Joe Jacksons Album ist somit eine mal lautstarke und mal verträumte Meditation über eine Stadt, die in diesen Jahren viele Musiker in ihren Bann zog. Zumindest so lange, bis sie ihrer überdrüssig wurden und dann nach Berlin zogen, um dort ihre neuen Alben zu verwirklichen.

Sogar die Seitenaufteilung der Vinyl-LP ist programmatisch – heißt doch die A-Seite Night Side und die B-Seite Day Side.

1.     Another World
Das Album beginnt mit Another World. Ein solides Schlagzeugmuster eröffnet, gespielt von dem unprätentiösen Larry Tolfree, eröffnet die Reise. Nur vier Schritte hinterher fügt sich eines der auffälligsten Merkmale dieses Albums ein – die Perkussionswirbel der New Yorker Trommlerin Sue Hadjopoulos. Der Klang lateinamerikanischer Rhythmen wird von da an für eine ganze Weile aus dem Joe-Jackson-Repertoir nicht wegzudenken sein.

2.     Chinatown
Das exzentrische Lied Chinatown gehört zu jener Kategorie, die man im Englischen manchmal als „novelty song“ bezeichnet, da sie stilistisch schwer einzuordnen ist und nicht selten einen etwas abstrusen Unterton hat. Doch Chinatown geht lyrisch über die Sphären der Blödelbarden hinaus. Es ist eine eher uncharmante Bestandsaufnahme eines dunkleren New Yorks, das nicht nur grell und faszinierend ist, sondern manchmal auch in einer Messerstecherei enden kann.

3.     T.V. Age
Ich bin sicherlich nicht der erste, der festgestellt hat, dass T.V. Age mit erstaunlicher Schamlosigkeit den Stil von David Byrne und den Talking Heads imitiert. Doch nennen wir es eine Hommage – es klingt besser als Plagiat. Der Song ist nicht ohne Reiz und nimmt die Realitätsferne einer Zivilisation auf die Schippe, die gerade in diesen Jahren viel zu viel ihrer Lebenszeit vor der Glotze verbracht hatte. Nun, nicht etwa, dass sich seit dem allzu viel gebessert hätte.

4. Target
Ähnlich wie Chinatown ist auch Target ein ambivalentes Stück über ein Leben als Fremdling in der Stadt, die angeblich niemals schläft. Jackson erkennt, dass er hier mit einer Zielscheibe auf dem Rücken herumläuft und sich nicht wundern dürfte, wenn er ausgeraubt oder gar erschossen wird. Doch all dies kann für ihn nicht der Rausch des Lebendigen aufwiegen, diesen kreativen Puls, den New York für ihn ausstrahlt. Wie ein Künstler, der dem drögen München entflieht, um in Hamburg sein Glück zu versuchen, singt Joe Jackson:

Jemand sagt, ich muss doch verrückt sein,
in dieser Stadt zu leben,
Doch ich sage, vielleicht bist du nur faul,
Denn du kannst schwimmen, oder einfach untergehen.

5. Steppin´ Out
Und dann ist da Steppin´ Out, das letzte Stück der A-Seite. Und es bedarf kaum mehr als einer Handvoll Takte, um zu erkennen, dass man sich in der Nähe eines Meisterwerks befindet. Vergessen wir doch für einen Augenblick, dass dies Joe Jacksons kommerziellster Hit war. Denn dies mehr als das. Es ist der Sound einer Generation. Eine stimmungsvolle Meditation über einen Bruch mit der Konsumgesellschaft und dem Schritt hinaus, in die Nacht – dem Unbekannten entgegen.

Wir sind all der Dunkelheit in unserem Leben müde,
Weiterer Worte des Zorns kaum noch fähig,
Doch wir können aufleben,
Ins Auto steigen und fahren…
… auf die andere Seite.

Und weiter heißt es:
Wir sind jung, doch altern vor unserer Zeit
Lassen wir den Fernseher und das Radio zurück.
Wunderst du dich nicht, was wir vorfinden werden,
Treten wir erst in die Nacht hinaus …?

Im Herzen dieser großartigen Nummer pulsiert Graham Mabys Bass und zeichnet damit eine der besten Bass-Phrasen der Rock- und Pop-Geschichte. Trippelnde Oktaven, die schmunzelnd zum Aufbruch auffordern.

Hierin liegt – zumindest nach meinem Dafürhalten – eines der größten Versäumnisse in Joe Jacksons Laufbahn als Live-Musiker. Jackson war Ende der Achtziger übersättigt von der discoartigen Dynamik dieses Lieds, die ihm veraltet vorkam – und so umarrangierte er Steppin‘ Out zu einer tragenden, pathosgeladenen Klaviernummer. Damit ist uns bei den bis heute zahlreichen Auftritten von Joe Jackson einer der coolsten Bass-Läufe der Musikgeschichte verloren gegangen. Graham Maby steht noch immer bei Joe Jackson auf der Bühne, doch wer die berauschenden Oktaven von damals hören möchte, muss sich da eher an die Konzert-DVDs der Rockpalast-Ära halten.

6. Breaking Us in Two
Die Day Side des Albums beginnt mit Breaking Us In Two, vermutlich der charmantesten Ballade aller Zeiten. Wenn man moderner und populärer Musik nachsagt, dass sie mit wenigen Worten die Süße und den Schmerz der gewöhnlichen Menschen erfassen kann, so gilt dies insbesondere bei diesem wundersamen Geniestreich. Lyrisch stehen sich hier die Mühen eines treuen Beziehungslebens und die vertraute Unfähigkeit zum Singledasein gegenüber.

Du und ich, wir könnten nie allein sein,
   singt Jackson,
Doch hast du nicht manchmal Lust auszubrechen,
Nur einen Tag auf eigene Faust zu leben?
Warum verletzten dich denn solche Worte?
Ich sag doch nicht, unsere Beziehung wäre durch,
Es ist nur immer etwas da, das uns entzweit.

Als eine Bestandsaufnahme des Lebens, eingebettet in sanfte afroamerikanische Rhythmen, ist dieser Track ein weiteres Highlight dieses Ausnahmealbums.

7. Cancer
Das jazzige Cancer ist ein sarkastisches Statement, welches den erprobten Lebemann Joe Jackson bis heute begleitet. Jackson, ein erbitterter Gegner der Rauchverbote, beklagt hier, dass ein Leben im Einklang mit den Erwartungen der Ärzte und Gesundheitswächter ein durch und durch freudloses Leben wäre.

Kein Koffein, kein Protein,
Kein Suff und kein Nikotin,
Denk dran – alles gibt dir Krebs!,
spottet Jackson, bevor er in ein laszives Jazz-Solo auf dem Klavier verfällt.

1982 war eben auch jene Zeit, in der das Gesundheitsbewusstsein im Aufstieg war. Dies sind die Jahre der Jane-Fonda-Fitness-Videos. Cancer mutete damals wie ein provokanter Seitenhieb an, doch dieses Thema ist heute – 35 Jahre später – bei der Philosophie angekommen. So sagt der Philosoph Robert Pfaller in einem Spiegel-Interview:

»Das ist das Merkmal unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom. Die Leute werden dazu angehalten, ihr Leben als Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas abknapst. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Leben, die das Leben selber tötet. Sie führt zu einer vorzeitigen Leichenstarre.« (DER SPIEGEL, 30. Mai 2011)

8.  Real Men
Das vorletzte Stück dieses Albums ist Real Men und hier läuft Joe Jackson erneut zur Höchstform auf. Denn „Echte Männer“ zählt zu einer der ausdrucksstarksten Stellungnahmen zur männlichen Homosexualität, die uns die glorreichen Jahrzehnte des Pop & Rock hinterlassen haben. Und wir wissen alle, dass die langhaarigen Gitarren-Rocker sich damals mit dem Thema eher schwer taten. Doch hier greift Joe Jacksons ausgeprägte Gabe, Vorurteile auszuhebeln. So wundert es auch nicht, dass er bei seinen Auftritten dieses Stück abwechselnd der Marine des jeweiligen Auftrittslandes, oder der australischen Rugby-Mannschaft gewidmet hatte.

Männer machen Knarren, Männer ziehen in den Krieg,
Männer können töten, Männer können trinken,
Männer können sich auch Huren nehmen,
Töte all die Schwarzen, töte all die Roten,
Und wenn es noch einen Geschlechter-Krieg gibt,
Bleiben gar keine Leute übrig.

Seine Bitterkeit über die Unfähigkeit der Gesellschaft, hier eine gelassenere Haltung einzunehmen, sickert zwischen den Zeilen hindurch. In 1982 machte das Gallup Institut eine Umfrage zur Haltung der Amerikaner zur Homosexualität. 51% waren der Meinung, sie sei etwas Abnormales, das man therapeutisch behandeln müsse.

9. A Slow Song
Das Album schließt mit A Slow Song, einem langsamen, doch emotionalen Stück, dessen Titel man in der Sprachphilosophie als Autonym bezeichnen kann, denn es behandelt ganz rekursiv das, was es von sich selbst sagt: Es ist „ein langsames Lied“ über das voranschreitende Aussterben der Balladen, der Schieber und der Schnulzen. Mundwinkelzuckend bezeichnen manche diese freie Tanzform auch als einen „Bärentanz“. Eine simple Schaukel-Figur, die – wie wir wissen – mit jeder weiteren Alkohol-Promille ruhiger und unscheinbarer wird.

Joe Jackson vermutet an dieser Stelle, dass der Gesellschaft etwas abhanden kommt, wenn das Schunkeln von Paaren zum typischen Stehblues zu Gunsten des individuellen Gezappels auf der Tanzfläche aufgegeben wird. Man kann zwar immer das tun, was einem der neueste DJ vorschreibt, doch macht das wirklich glücklich?


Night And Day ist kein makelloses Album. Es besitzt schwächere Tracks – hier vor allem die Kuriositäten Chinatown und Target. Ohnehin erstaunt bei diesem Album, dass sich die mehr abwegigen Lieder überwiegend am Anfang der LP befinden. Doch dies fördert zumindest einen gewissen dramatischen Aufbau, denn jedes Stück erscheint ein wenig besser, als das vorangegangene.

Hierzulande war diese Schallplatte sehr erfolgreich und Joe Jacksons Auftritte beim Rockpalast belegen die ausgelassene Atmosphäre, die in seinen Konzerten herrschte. Und das ist nicht überraschend, denn Deutschland befand sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle, deren oft schrullige Melodien wunderbar mit Jacksons quirligem Stil korrespondierten.

»I´ve never seen so many drunk Germans before«, rief Jackson im folgenden Jahr in der Grugahalle in Essen ins Mikrofon. Viele Jahre später, der amerikanischen Bigotterie überdrüssig, zog er nach Berlin und dort lebt er heute noch.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Night and Day auf die Raumstation gehört. Es sind gerade die atmosphärischen Klänge von Steppin´ Out, Breaking Us in Two und Real Men, die hier durch die kühlen Korridore hallen sollten.

Das Arrangment des Albums fällt vor allem durch die vollständige Abwesenheit der typischen Rock-Gitarren auf, die hier zugunsten eines jazzigen und lateinamerikanischen Aromas aufgebeben und nur sehr langsam in Joe Jacksons zukünftigem Repertoir Einzug finden sollten. Der Reiz des Albums wird durch die Summe seiner hervorragenden Mitspieler erhöht. Gerade Graham Maby und sein pointiertes Bass-Spiel schrieben hier Musikgeschichte.

Night and Day ist in erster Linie ein Pop-Album. Doch dann hält man inne und wundert sich. Wenn das die Popmusik von damals war… Wow, da kann man sich nur wünschen, jemand würde heute einen solchen Wurf hinlegen.

Das Album – Blick in die Gatefold-Hülle

Quellen:
Zitat von Robert Pfaller – DER SPIEGEL, 30. Mai 2011
(http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mass-und-masslosigkeit-wir-geniessen-trotzig-a-766210.html)

futuristic spaceship command room“ by Luca Oleastri @ fotolia

Cover © A&M Records

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Über den Autor

Ales Pickar

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Schriftsteller, Ambientkünstler, Sound Chaser.
Nicht teamfähig, nicht belastbar.

Wer jedoch alles wissen will:
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