Heinz Strunk – Jürgen (Hörbuch, Autorenlesung, 5 CDs)

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Heinz Strunk - Jürgen (Cover © ROOF Music/tacheles!)Mit seinem achten Roman „Jürgen“ begibt sich Heinz Strunk nach dem stilistischen Ausreißer „Der goldene Handschuh“ und dem satirischen Ratgeber und Titanic-Kolumnen-Vertonungsakt „Das Strunk-Prinzip“ wieder in ’seine‘ klassischen Romangefilde, und der Titel lässt es schon erahnen, dass vorliegender Roman, hier in der ungekürzten Hörbuchform und wie immer vom Autor selbst gelesen, von einer bereits im Heinzer-Kosmos umher schwirrenden Figur handelt, nämlich von Jürgen Dose. Die CD „Trittschall im Kriechkeller“, das Programm „Die Jürgen Dose-Show“ bei Radio Fritz – klingelt es da? Nun bekommt genau dieser Jürgen einen kompletten Roman spendiert.

Jener Mann, schon mittleren Alters, einen Job im Parkhaus ausübend, ist eigentlich ein ziemlich bemitleidenswerter Kerl – nur ist ihm das alles andere als bewusst. Freunde hat er keine, außer Bernd Würmer, einen Rollifahrer, mit dem er aber ständig aneinander gerät. Jürgen Dose selbst wohnt noch immer zu Hause in Harburg bei Muttern, die mittlerweile bettlägrig ist, und für die er da ist, wenn es die Pflegeschwester Petra gerade nicht sein kann. Da sowohl Jürgen als auch Bernd nicht gerade zu der Spezies Mann gehören, welche Frauen einfach so dahinschmelzen lassen, blieb ihnen in den vielen letzten Jahren auch die Liebe oder zumindest das ein oder andere amouröse Abenteuer mehr oder weniger versagt. Zumal beide, wenn es darum geht, den ersten Schritt zu wagen, die menschgewordene Unbeholfenheit sind. Und so ist es letztendlich – auch dessen sind sie selbst am wenigsten gewahr – das allgemeine Losertum, welches sie zusammenschweißt.

Hier und dort versucht es Jürgen dann doch noch mal vorsichtig mit alten Damenbekanntschaften, und ab und an fasst er sich auch ein Herz und wagt den mutigen nächsten Schritt, das Herz der jeweiligen Frau zu gewinnen. Doch es will nicht klappen. Auch Bernd geht es nicht anders, doch der meint, mit seinen „So landest du bei Frauen!“-Tipps alles zu wissen – er klingt wie der geborene Womanizer, doch die Ausbeute ist auch bei ihm gleich null. Ob er den Unfug aus einem Ratgeber hat? Und was hätten wird da noch an zu greifenden Strohhalmen? Speed-Dating? Auch schon probiert.

Tja.

Auf der Rückseite des CD-Cases prangt es all zu passend: »Von Männern und Frauen und von dem, was zwischen ihnen nicht passiert«

Als die beiden das Unternehmen „Eurolove“ entdecken, wittern sie ihre Chance auf eine Herzdame, auf Liebe und Geliebtwerden, auf eine gute zweisame Zeit. Eine gemeinsame Reise mit einer ganzen Gruppe einsamer Seelen ins polnische Breslau soll Jürgen und Bernd auf andere Gedanken bringen, und Eurolove garantiert allen Teilnehmern eine gute Erfolgsquote, denn die Damen seien vor allem eines: Heiratswütig. Und große Ansprüche hätten sie auch nicht. Keiner soll die Heimreise allein antreten. Doch dass die ganze Sache nach Plan läuft, erwartet wohl niemand. Wobei Bernd und Jürgen eher weniger Skepsis an den Tag legen, naiv, wie sie sind. Was die beiden dann während der Fahrt und dort in Polen erleben, ist nicht unbedingt das, was sie erwartet hätten. Bestenfalls in seinen Grundzügen. Irgendwie. So ein bisschen. Doch während dieses skurrilen Trips nach Osteuropa und des Aufenthalts in Polen lernt Dose offenbar so langsam … wird ihm, was sein Leben betrifft, endlich ein Licht aufgehen? Und wenn ja, wie hell wird es leuchten?

Fast kann man sagen, dass dieser Roman eine Art ‚coming of age‘-Roman ist, nur dass der, der da ‚of age‘ kommt, bereits ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Heinz Strunk schlägt mit „Jürgen“ wieder den Weg in Richtung seiner literarischen Meisterdisziplin ein: Dem Roman, der unglaublich menschelt und den perfekten Spagat zwischen Tragik und Komik bildet. Denn wenngleich man über all die flapsigen Sprüche, Gedanken und Wortgefechte, die peinlichen und absurden Situationen und den Galgenhumor der Hauptcharaktere schmunzeln und lachen muss, so bleibt einem das Lachen nicht selten auch im Halse stecken oder es wallt im Leser/Zuhörer enormes Mitleid auf, sodass dieser zu sich sagt: „Warum lachst du eigentlich? Schau dir diese armen Willis doch mal an!“

Dass der Autor, der seine Texte grundsätzlich selbst liest, eine gewöhnungsbedürftige Stimme und Aussprache hat, ist bekannt, ja, man hat das leichte Lispeln eigentlich schon lang liebgewonnen – doch ein klein wenig verstörend ist die Vortragsweise bei „Jürgen“ schon, weil anders: Denn Strunk liest zumindest die ersten zwei bis drei Stunden derart aufgedreht, nahezu übereuphorisch, dass man sich fragen muss, was das eigentlich soll. Doch versetzt man sich in die Lage des Protagonisten, wird eigentlich recht bald klar, warum gerade dieser Ton gewählt wurde – denn Jürgen ist eigentlich immer voller Hoffnung, möchte es allen recht machen, und sein Optimismus bezüglich alldem scheint unerschöpflich.

Gerade wenn man die ersten beiden Romane „Fleisch ist mein Gemüse“ und „Die Zunge Europas“ mochte, darf man sich auf „Jürgen“ freuen, denn das Flair ist hier wieder ein ähnliches – und auch wenn die Bücher in Papierform schon wunderbar funktionieren, so entfaltet sich der Spirit des Strunk-Kosmos erst mit der Erzählstimme des Autors komplett. Besser kann man die Atmosphäre nicht einfangen und vertonen.

Wertung: 13/15 dpt

Cover © ROOF music/tacheles!

  • Autor: Heinz Strunk
  • Titel: Jürgen
  • Label: ROOF music/tacheles!
  • Erschienen: 23.03.2017
  • Sprecher: Heinz Strunk
  • Spielzeit: 5:49 Stunden auf 5 CDs in Multibox
  • ISBN: 978-3-864-84424-9
  • Sonstige Informationen:
    Ungekürzte Lesung
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

    In der Buchversion ist „Jürgen“ ebenfalls erhältlich. Das Buch erscheint zeitgleich bei rowohlt:
    Link

    Am 31.03.2017 erscheint übrigens auch ein Soundtrack zum Roman: „Die gläserne Milf“:
    Link zu jpc

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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