Den Begriff „Kultautor“ sollte man wahrlich nur wohldosiert verwenden, aber auf Constantin Gillies trifft er definitiv zu. Er ist der Erzähler der Generation Commodore, eine rhetorisch brillante Retro-Prosa-Maschine mit charmanter Grobpixeltaktung. Seine Reihe „Extraleben“ erscheint beim Kleinverlag CSW, in dem vor allem Videospielmagazine wie Retro Gamer oder Retro Power Play zu Hause sind und entwickelte sich dennoch (oder gerade deswegen) zum populären Klassiker der detailverliebten Nerd-Prosa. Zwischendrin hatte er mit diesem Roman den Sprung auf das „Majorlabel“ Goldmann geschafft und – wie eine gute Band – seine typischen Trademarks dennoch in keiner Weise rundschleifen lassen.

Die Geschichte zu beschreiben, ohne unnötig zu spoilern, ist schwierig, aber auch nicht entscheidend. Entscheidend ist bei Gillies, wie er erzählt. Seine große Kunst, die ihm in diesem Land keiner nachmacht und die an Großmeister des Cyberpunk wie William Gibson oder Neal Stephenson erinnert, besteht darin, einen Affenzahn von Tempo mit einem Maximum an Detailfreude zu verknüpfen. Abwechselnd erzählen die Kapitel die Geschichte aus mehreren Perspektiven, wobei nur Protagonist Schröder den Ich-Erzähler bildet und man den anderen Charakteren in der dritten Person mittels personaler Perspektive in den Kopf guckt. Was sie fühlen und wie sie denken bringt drei Jahrzehnte Technikkultur, Agententhriller und Bürosatire zusammen. Der Roman wandelt mühelos auf dem schmalen Grat straffer Verschwörungsliteratur und verspielter Gegenwartsprosa für Geeks. Eine Verfilmung würde sich wahrscheinlich wie eine Mischung aus „Staatsfeind Nr.1“ und „The Big Bang Theory“ geben, gemischt mit einem Hauch „Stromberg“, denn speziell der Protagonist Schröder übertreibt es für den sensiblen Geschmack mit seinem Chauvinismus. Seine postpubertären Anwandlungen machen es schwer, durchgängig eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Seine liebevolle, fast süchtige Verbindung zur Technik- und Popkultur der Achtzigerjahre wiederum macht es jedem Generationsgenossen auf sehr unterhaltsame Weise leicht.

Die eigentliche Heldin des Romans ist daher eher Schröders Kollegin Harriet Thorborg, eine unglaublich überlegte, hochkompetente und sehr, sehr toughe Frau, die sich mit überzeugend glaubhaften Methoden ebenso aus Entführungen zu befreien wie mittels Schockfrostung die Daten eines vom Strom getrennten Rechners zu retten vermag. Ihre Fähigkeiten leitet Gillies klug und überzeugend aus einer Kindheit unter einem lieblosen, aber hilfreichen Vater her, der seine Tochter wie einen Sohn mit harter Kante „Survival“-fähig machte. Ohnehin ist die Figurenzeichnung im Rahmen dieses schnellen Mixes aus Thriller und Humor gut gelungen. Die technischen Details wiederum sind sehr gewissenhaft recherchiert und in einem interessanten Nachwort belegt. Wer „Das Objekt“ aufmerksam liest, lernt so einiges über heute bereits mögliche Abhörprogramme, Computerforensik, GPS-Spoofing oder die von der U.S. Air Force betriebene Drohne X-37, deren Zweck bis heute geheim ist. Hier merkt man, wie die Leidenschaft des Constantin Gillies und die Kompetenzen aus seinem Brotberuf als Wirtschafts- und Technikjournalist zusammenkommen – zum Besten einer Prosa, die es in dieser Mischung aus Geek-Paradies, Cyberpunk-Collagen-Stil und spannender Thriller-Kost so in unserem Lande kein zweites Mal gibt.

Cover © Goldmann Verlag

Wertung: 13/15 dpt


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