Paul Pen – Das Haus in der Kakteenwüste (Buch)

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Paul Pen - Das Haus in der Kakteenwüste © Amazon CrossingDer spanische Autor Paul Pen hat ein ganz besonderes Händchen dafür, seine Leser in die Irre zu führen. Zunächst lässt er die Handlung „dahinplätschern“, erzeugt eine gewisse Harmonie, streut aber zugleich unangenehme Zweifel und lässt das Gefühl aufkommen, irgendetwas sei faul. Man rätselt, wohin die Geschichte wohl führen mag, was es mit dieser scheinbaren Harmonie auf sich hat und warum sie sich schlicht falsch anfühlt. 

So auch in seinem neuen Buch, „Das Haus in der Kakteenwüste“

Mitten in der Wüste von Mexiko steht ein einsames Haus, umgeben von Kakteen. Es ist das Zuhause einer Familie: Die Eltern Rose und Elmer leben hier friedlich mit der sechzehnjährigen Iris, der dreizehnjährigen Melissa und den sechsjährigen Zwillingen Dahlia und Daisy. Über der heilen Welt liegt ein Schatten, denn es waren einmal fünf Mädchen – die älteste Schwester, Edelweiß, starb vor einem Jahr und liegt seither unter den Kakteen begraben.

Die Familie lebt also völlig abgeschieden in ihrem Haus in der Kakteenwüste. Einmal im Monat darf jeweils eines der Mädchen den Vater in die Stadt begleiten und außerhalb der Ferien unterrichtet eine Privatlehrerin die Kinder; andere Berührungspunkte mit der Außenwelt gibt es nicht. Sobald die Lehrerin in die Nähe des Hauses kommt, muss sich abwechselnd ein Zwilling verstecken, während der übriggebliebene plötzlich Lily genannt wird. Die Erklärung zunächst: Es soll Geld gespart werden, indem die Eltern vorgeben, nur drei Kinder zu haben. Aber ist das wirklich der Grund?

Einen merkwürdigen Beigeschmack hinterlässt daneben Melissas Angewohnheit, mit den Steinen und Kakteen zu sprechen, sie gar wie Menschen zu behandeln. Iris flüchtet sich derweil in ihre Bücher und wünscht sich nichts sehnlicher, als einen Jungen kennenzulernen. Insgesamt entsteht schnell der Eindruck, dass die Mädchen der von den Eltern krampfhaft aufrechterhaltenen Einsamkeit mehr als überdrüssig sind. Als eines Tages ein Fremder namens Rick auftaucht – eine Art Backpacker – macht sich dementsprechend große Aufregung breit. Während die Eltern von Skepsis und Angst getrieben sind, suchen die älteren Töchter penetrant die Nähe des Mannes. Dieser birgt ein Geheimnis und stört die traute Einsamkeit nicht ohne Grund…

Und nun passiert, was Paul Pen bereits bei „Glühwürmchen, glüh“ meisterhaft gelungen ist: Die Ereignisse überschlagen sich und nichts ist mehr, wie es vorher schien. Alles, was man meinte, bisher erfahren zu haben, zerplatzt wie eine Seifenblase. Die Auflösung ist höchst verstörend, die Wendungen sorgen für Fassungslosigkeit und der Schluss hinterlässt einen bitteren Beigeschmack sowie die Frage, wie es wohl weitergehen mag. Das Kopfkino stoppt am Ende nicht, sondern arbeitet noch einmal auf Hochtouren.

Paul Pen baut seine Geschichte, die als eine Mischung aus Psychothriller und Familiendrama daherkommt, langsam auf, nimmt sich viel Zeit, die Charaktere einzuführen. Diese lassen sich dennoch nicht wirklich greifen; insbesondere die Eltern bleiben seltsam konturlos. Wer sind diese Menschen wirklich? Es kommen nach und nach nur Bruchstücke ans Tageslicht – dies ändert sich bis zum Schluss nicht. Bei den Mädchen stechen vor allem ihre wunderlichen Eigenarten hervor, ebenso wie der Umstand, dass alle Frauen der Familie nach Blumen benannt sind. Von Beginn an stellen sich dem Leser unzählige Fragen, angeführt von: Warum um alles in der Welt lebt die Familie in völliger Abgeschiedenheit? Und was stimmt mit diesem ach so idyllischen Leben nicht? Die Beantwortung gleicht einem Schlag ins Gesicht.

Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Elmer, Rose, Rick, Iris und Melissa beleuchtet. Pen bedient sich dabei einer sehr schönen, lebendigen und flüssig zu lesenden Sprache, die er in Nuancen geschickt auf die jeweiligen Charaktere anpasst. Dabei zeichnet er ein so eindringliches Bild der Landschaft, dass der Leser diese deutlich vor Augen hat, die Kakteen vor sich sehen, den Wüstensand fast spüren kann. Paul Pen versteht zweifellos etwas von seinem Handwerk!

Fazit: Nach „Glühwürmchen, glüh“ ist auch „Das Haus in der Kakteenwüste“ eine ebenso ungewöhnliche wie lesenswerte Geschichte. Pen schafft es, eine unterschwellige Spannung aufzubauen, die sich bis zum Ende durchzieht und sich selbst nach Zuschlagen des Buches fortsetzt. Der Schreibstil ist überaus ausgefeilt und erschafft lebendige Bilder. Wer einen subtilen, weitgehend unblutigen und eher ruhigen Thriller sucht, der dennoch überrascht und menschliche Abgründe offenbart, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.

Cover © AmazonCrossing

  • Autor: Paul Pen
  • Titel: Das Haus in der Kakteenwüste
  • Originaltitel: La casa entre los cactus
  • Übersetzer: Adriana Beatriz Netz
  • Verlag: AmazonCrossing
  • Erschienen: 04/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 384
  • ISBN: 978-1542045704
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jasmina Driller


Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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